Pro und Kontra

Weshalb soll man mitten in der Nacht für Sportübertragungen aufstehen?

ZU-Redaktor Alexander Lanner will Olympia hautnah erleben und steht Mitten in der Nacht dafür auf - ZU-Redaktorin Daniela Schenker nicht.

Die Eröffnungszeremonie der Olympischen Winterspiele 2018 war am Freitagmittag zu sehen - viele Wettbewerbe dann aber mitten in der Nacht.

Die Eröffnungszeremonie der Olympischen Winterspiele 2018 war am Freitagmittag zu sehen - viele Wettbewerbe dann aber mitten in der Nacht. Bild: Keystone

PRO

Alexander Lanner, Redaktor Zürcher Unterländer

Es ist schlicht das TV-Highlight des Jahres für mich: Sportgrossveranstaltungen wie die gestern eröffneten Olympischen Winterspiele zu Hause auf dem Sofa live am Fernseher mitzuverfolgen, hat für mich einfach Tradition. Dass die Wettkämpfe in anstehenden beiden Olympischen Wochen vornehmlich des Nachts stattfinden, spielt dabei keine Rolle. Denn einen Wecker muss ich praktischerweise nicht stellen. Seit unsere Zwillinge vor rund 11 Monaten das Licht der Welt erblickt haben, sind die ruhigen Nächte ohnehin an einer Hand abzuzählen. Ob ich nun tags durch wegen schlafloser Kinder oder nächtlichen TV-Konsums nur noch als willenlose Hülle meiner selbst durch den Alltag transzendiere, macht kaum einen Unterschied.

Live dabei sein ist alles. Getreu dem olympischen Gedanken will ich nicht erst aus zweiter Hand erfahren, wer beispielsweise im Alpin-Zentrum Jeongseon die Abfahrt der Männer (Start morgen Sonntag 3 Uhr MEZ) gewonnen hat. Entscheidend ist für mich nämlich nicht nur das Resultat, sondern auch wie es zustande kam. Ich will während die Athleten über die Piste brettern, live mit ihnen mitfiebern, mithadern, mitleiden, mitjubeln und am Ende am liebsten auch mitfeiern. Wurde Medaillenkandidat Nr. 1 Beat Feuz seiner Favoritenrolle gerecht und legte von Zwischenzeit zu Zwischenzeit bis ins Ziel neue Massstäbe? Oder noch besser: Konnte mein Landsmann Matthias Mayer seinen Olympiasieg von Sotschi 2014 erneut in einem Hundertstelkrimi wiederholen? Olympia schreibt Geschichten und Geschichte – und ich bin Teil davon.

Das Rennen aufnehmen? Natürlich könnte ich das tun und mir am Morgen den Verlauf in einer komprimierten Nachbetrachtung zu Gemüte führen. Die Gefahr, dass das Ergebnis per Push-Mitteilung auf dem Smartphone oder im Radio verkündet wird, ist mir allerdings zu gross. Oder kann mir jemand schlüssig erklären, was bei einer Aufzeichnung noch spannend sein soll, wenn man bereits weiss, wer wie gewonnen hat? Das birgt etwa die gleiche Dramatik wie Präsidentschaftswahlen in Nordkorea. Meine Zeit als dauergähnender Zombie ist nur temporär. Die Winterspiele sind am 25. Februar wieder passé. Die Olympioniken haben vier Jahre auf dieses Ziel hingearbeitet. Es ist das Mindeste, dass ich sie beim Ausloten ihrer Leistungsgrenze unterstütze. Irgendwie tue ich mit meinem Nacht-Einsatz dasselbe – einfach ohne Chancen auf Medaillen. Dafür sind mir Olympische Augenringe sicher. alexander.lanner@zuonline.ch

KONTRA

Daniela Schenker, Redaktorin Zürcher Unterländer

Augenringe, fahle Gesichtsfarbe und vor allem extrem müde. Mit diesen Leitsymptomen schlurfen einige Kollegen und Kolleginnen ab heute durch die Redaktionsflure. Die Diagnose ist schnell gestellt: «Olympianitis acuta». Vom Leiden betroffen sind jene Sportversessene, die offensichtlich noch nie etwas von einer Replay-Funktion oder einer Zusamemenfassung im morgendlichen TV-Olympia-Studio gehört haben.

Wie sonst lässt sich erklären, dass man nachts um 2 Uhr freiwillig aus dem Bett steigt, allenfalls schlaftrunken die Kontaktlinsen in die Augen schiebt, um irgendjemanden in Tausenden Kilometer Entfernung zuzuschauen, wie er das selbe tut, was er in ein paar Stunden in einer Aufzeichnung noch immer tun wird: einen weissen Hang runterfahren beispielweise oder mit einem Gewehr am Rücken durch die südkoreanische Einöde hetzen. Auch die Minuten und Sekunden, die diese Athletin oder dieser Athlet dafür benötigt, werden fünf Stunden später genau dieselben sein.

Es würde mir ­nicht im Traum einfallen, nur eine einzige Minute nachmitternächtlicher Regenerationszeit nach Pyeongchang zu verschenken, wenn ich Olympia ein paar Stunden später bei Kaffee und Gipfeli und voller Zurechnungsfähigkeit kompakt aufgearbeitet erleben kann. Und das erst noch ohne Wartezeiten wegen Schneeverwehungen oder Uneinigkeiten zwischen Preisrichtern. Ich brauche keinen künstlich herbeigeführten Jetlag in der heimischen Stube. Vor allem ich nicht, die nächtliche Begehrlichkeiten meiner Zwillinge zu deren Säuglingszeit als unmittelbaren Angriff auf meine physische und psychische Unversehrtheit erlebt hat.

Soll auch niemand behaupten, er könne nach einer solchen Unterbrechung seines Tiefschlafs nahtlos wieder in denselben zurückfallen. Immerhin ist er doch wegen der Resultate aus dem Bett gekrochen. Sonst – siehe oben – hätte er getrost weiterschnarchen können. Präsentiert sich die Rangliste nämlich um 3.30 Uhr nicht so wie erträumt, raubt ihm die Enttäuschung ziemlich sicher die nötige Erholung. Haben «wir» es den Österreichern dagegen «so richtig gezeigt», passt die stolz geschwellte Patriotenbrust vermutlich nicht mehr unter die Bettdecke – in beiden Fällen: fertig Schlaf. Und so präsentieren sie sich am nächsten Tag dann eben, diese Passiv-Olympioniken: mit Augenringen, fahler Gesichtsfarbe und vorallem extrem müde. «Gute Nacht Pyeongchang», kann ich da nur sagen. daniela.schenker@zuonline.ch

Erstellt: 09.02.2018, 17:28 Uhr

Daniela Schenker, ZU-Redaktorin

Alexander Lanner, ZU-Redaktor

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