Unterhaltungsmusik

«Wichtig, dass die Menschen mich spüren»

Das neue Album «My Voice» der Dielsdorfer Sängerin Tiziana Gulino erscheint am Freitag. Im Interview spricht die 21-Jährige über Selbstent-deckung, Natürlichkeit, Homosexualität – und warum sie jetzt Italienisch singt.

Tiziana Gulino hat «The Voice» hinter sich gelassen und beschreitet auf ihrem zweiten Album neue musikalische Wege.

Tiziana Gulino hat «The Voice» hinter sich gelassen und beschreitet auf ihrem zweiten Album neue musikalische Wege. Bild: Paco Carrascosa

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Dein Album «My Voice» ist anders als dein Debüt: Eigene Songs, mehr Gitarre und nicht nur Klavier, deine Stimme ist satter, metallischer.
Stimmt. Das Album ist nicht mehr nur lieblich und sanft wie das erste. Wenn ich meine Stimme von damals jetzt höre, denke ich selbst, dass sie ziemlich kindlich getönt hat. Nun hat sie sich entwickelt: Meine Stimme ist genau wie mein Charakter kräftiger geworden.

Ein Thema, das sich in vielen Songs des Albums findet, ist Selbstentdeckung. In «Sometimes» singst du zum Beispiel: «I wanna be me». Was macht denn die jetzige Tiziana aus?
Es gibt sicher keine neue Tiziana, einfach eine stärkere Tiziana. Die ist nicht perfekt, überhaupt nicht. Aber selbstsicherer, bereit für Neues und dazu, für etwas einzustehen.

Wofür zum Beispiel?
Diverse Themen, die in meinem Album angesprochen werden und mir sehr wichtig sind: Homosexualität, Tabubrechen in der Gesellschaft allgemein, die Haltung gegenüber Idealen.

Wie nimmst du denn das Musikbusiness in Bezug darauf wahr?
Es ist recht oberflächlich, aber es ändert sich. Vielleicht ist es aber auch die Erwartung der Leute, die die Musik hören. Dennoch, Äusserlichkeiten sind immer noch sehr wichtig: Das Bild muss stimmen, man muss perfekt singen, schön aussehen und schlank sein. Wie wichtig das offenbar ist, habe ich gemerkt, nach dem ich «The Voice» gewonnen habe.

Damals hat der Durchbruch nicht geklappt.
Ich denke, es hat noch nicht sein sollen. Ich war noch nicht bereit, hatte keinen musikalischen Boden, keine Erfahrung, nichts. Ich war gerade 17 geworden. Zudem – was heisst schon Durchbruch? Es wird halt erwartet, dass jemand gewinnt und dann zu hundert Prozent durchstartet. Für mich gibt es nicht von 0 auf 100. Man muss etwas für seinen Erfolg tun, und dem auch Zeit lassen. Ich habe aber immer Musik gemacht, bin für kleinere Anlässe und Firmen sowie an Hochzeiten aufgetreten. Aber ich habe nie etwas erzwungen, da so viele Entwicklungen bei mir gelaufen sind. Musikalisch, beruflich und vor allem auch persönlich. Die Zeit dafür habe ich gebraucht.

Gab es nie Momente, an denen du alles an den Nagel hängen wolltest?
Ich habe ehrlichgesagt stets im Jetzt gelebt und das gemacht, was sich ergeben hat. Natürlich gab es Momente, in denen ich gedacht habe, man wolle mich nicht hören oder mich als Mensch nicht an die Musik heranlassen. Aber Musik wird immer zu mir gehören. Und damit Kontakt herstellen und möglichst viele Leute erreichen, das will ich einfach.

Und was unterscheidet dich hier von den vielen anderen Künstlern, die das auch wollen?
Vielleicht, dass mir Natürlichkeit sehr wichtig ist. Ich habe das Gefühl, es gibt zu wenig Ehrlichkeit und Natürlichkeit. Ich bin so wie alle anderen auch. Ich wünschte mir, es wäre nicht nötig, jemanden höher zu stellen, weil er etwas erreicht hat. Natürlich will ich etwas geben mit meiner Musik, es muss sich ja auch kommerziell verkaufen. Aber ich will vor allem, dass man mich toll findet, für das, was ich mache. Und nicht, weil ich das mache.

Fast die Hälfte der Songs auf dem neuen Album sind auf Italienisch. Macht es für dich einen Unterschied, wenn du in deiner Muttersprache singst?
Es ist anders, ich weiss auch nicht, wie ich das beschreiben kann. Irgendwie näher, spezieller. Es hat etwas privateres, verletzliches, ich fühle mich sensibler und befasse mich stärker mit mir selbst. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es gleich in zwei der italienischen Songs konkret um gleichgeschlechtliche Liebe geht: «Ti sto pensando» entstand, nachdem ich eine berührende Liebeserklärung von meiner Freundin per SMS erhielt. In «Amami» soll sich ein Mensch fragen, ob man wirklich jemandem vorschreiben darf, was Liebe ist. Diese Themen sind mir sehr wichtig. Mein Outing war 2016, meine Beziehung läuft nun aber schon seit viereinhalb Jahren, und diese Entwicklungszeit ist ein Teil von mir.

Inwiefern profitierst du jetzt von deinem Sieg bei «The Voice» vor vier Jahren?
«The Voice» war ein Kapitel für sich, aber es ergab sich ein Netz, das zu weiterem führte. Nach «The Voice» konnte ich beim «Nightmärli» für Erwachsene im Theater am Hechtplatz mitmachen. Dort habe ich dann Leute kennengelernt, die mir meinen jetzigen Album-Produzenten Roberto (De Luca) empfahlen, und so hat das eine zum anderen geführt. Die Produzenten von «Ewigi Liebi» haben mich angefragt, weil sie mich von «The Voice» singen gehört haben, das ist das bestes Beispiel für ein Netz an Kontakten, das immer weiter geht. Sonst wüsste ich nicht, wo ich jetzt wäre.

Wie ist es denn mit deinem anderen Umfeld? Du wohnst immer noch in Dielsdorf und hast die Lehre im Spital Bülach gemacht. Hat das einen Einfluss auf deine musikalische Arbeit?
Natürlich hat alles einen Einfluss auf meine Musik, weil es mich als Person prägt. Grundsätzlich denke ich aber schon, dass das ganze Natürliche vielleicht schon auch damit zusammenhängt, dass ich halt einfach auf dem Land in Dielsdorf aufgewachsen bin. Das ist das, was mir gegeben worden ist. Ich werde oft auch von Leuten angesprochen, die zum Beispiel wissen, dass ich die Lehre im Spital Bülach gemacht habe.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Dass das Album unter die Leute kommt. Es lohnt sich, die Musik zu hören, sie auf sich wirken zu lassen. Ich denke aber auch, dass wir ein sehr grosses Angebot haben auf dem Markt. Dadurch ist es vielleicht wichtig, dass die Menschen mich auch spüren, mich als Menschen reden hören, verstehen, was hinter dem Album steckt. Das wird manchmal zu wenig gewichtet. Es wäre schön, wenn sie das Album hören, und merken, dass da eine ganz natürliche junge Person dahinter ist, die das auch rüberbringen und etwas bewegen will. Es geht um Themen, die alle betreffen. Ich hoffe, dass das ankommt.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 04.09.2018, 16:40 Uhr

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