Otelfingen

Wie der Männerchor zu seinem eigenen Wein kam

Seit 1963 kümmern sich Mitglieder des Männerchors Otelfingen um einen Rebberg, der im Besitz der Gemeinde ist, und produzieren daraus den «Männerchörler». Doch die Tage des eigenen Tropfens sind gezählt. Der Verein hat den Pachtvertrag per Ende Jahr gekündigt.

Die beiden Sänger René Gassmann und Hans Günter sowie Gemeinderat Urs Scheidegger (von links) hoffen, dass der Rebberg in Zukunft mit dem gleichen Herzblut weitergepflegt wird.

Die beiden Sänger René Gassmann und Hans Günter sowie Gemeinderat Urs Scheidegger (von links) hoffen, dass der Rebberg in Zukunft mit dem gleichen Herzblut weitergepflegt wird. Bild: Paco Carrascosa

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Gesangsproben und die Reben pflegen – das gehört in Otelfingen einfach zusammen. So ist in der aus dem Jahr 1988 stammenden Festschrift zum 25-Jahr-Jubiläum des Rebbaus zu lesen, dass an den Gesangsproben Aufforderungen wie «Am Samstag ab 9 Uhr antreten zum Auslauben», «Nächsten Montag Reben hacken» oder «Bereithalten mit Kind und Kegel zum Wümmet!» keine Seltenheit waren. «Diese für einen Sängerverein nicht alltäglichen Aufrufe gehören zum normalen Ablauf unseres Vereinsjahres», steht weiter in der Festschrift geschrieben.

Für manche Mitglieder seien die eigenen Reben sogar der Anlass für den Eintritt in den Männerchor gewesen. «So auch für mich», sagt Hans Günter mit einem Lachen. Zusammen mit Rebchef René Gassmann und weiteren Mitgliedern des Vereins kümmert er sich seit Jahren hingebungsvoll um die Reben. Erst kürzlich habe er die letzte Flasche «Männerchörler Jahrgang 2016» aufgemacht. Den eigenen Wein zu trinken, sei schon immer etwas Spezielles, sagen die beiden Männer übereinstimmend. Zumal sich die Qualität in den letzten 25 Jahren dank den gestiegen Erkenntnissen im Anbau enorm verbessert habe.

Fast die Reben ausgerissen

Dass der Verein bis zum heutigen Tag seinen eigenen Wein herstellen kann, ist der Tatsache geschuldet, dass die Gemeinde 1962 einen Bauernbetrieb erwarb, zu dem auch 12 Aren Reben gehörten. Was man mit diesen Rebstöcken allerdings anstellen sollte, darüber war man sich bei der Gemeinde uneinig. Denn niemand wollte damals den Rebberg kaufen – unter anderem waren die klimatischen Bedingungen nicht ideal und sorgten für saure Trauben. Deshalb zogen es die damaligen Gemeinderäte sogar in Betracht, die Rebstöcke auszureissen und das Land als Bauland zu verkaufen. Dies wussten aber drei Gemeinderäte – alle Sänger im Männerchor – zu verhindern. Einstimmig entschieden sich die Mitglieder des Chors am 10. Januar 1963, die Reben von der Gemeinde zu übernehmen.

Tierisch unerwünschte Gäste

Seit diesem Tag kümmern sich die Männer in wechselnder Besetzung um die rund 700 Rebstöcke, und zwar vom Schnitt bis zum Wümmet. Die rund 1200 Kilogramm Trauben verkaufen sie jeweils an Keltereien. Im Sommer des Folgejahres können die Vereinsmitglieder dann einen Teil des produzierten Weins – ein Blauburgunder und Spezialitäten wie Barrique, Blanc de Noirs oder Grappa – wieder zurückkaufen. Der Ertrag aus den Reben kommt in die Vereinskasse und hat zumindest früher geholfen, den Dirigenten zu bezahlen.

«Die Reben sind ein Hobby, wie der Chorgesang», betont Gassmann. Gerne erinnert er sich an die unzähligen Stunden, die er schon in dieses Hobby investiert hat. «Auf dem abendlichen Heimweg von der Arbeit habe ich mal schon von weitem eine Gruppe von Rehen in unserem Rebberg entdeckt, die sich an den grünen Trieben der Reben zu schaffen gemacht haben», sagt er. «Als ich die Rehe in die Flucht schlug, ist eines der Rehe im Netz hängen geblieben und ich musste das verängstigte Tier mühsam befreien.»

«Für manche sind die eigenen Reben sogar der Anlass für den Eintritt in den Männerchor gewesen. So auch für mich.» 

Hans Günter 

Doch nicht nur Rehe waren unerwünschte Gäste, auch ein Schwarm Stare – so erzählt man es sich unter den Sängern – habe einst fast die komplette Ernte zerstört, und das, ein Tag bevor der Verein das Vogelschutznetz ausrollen wollte. Man erzählt sich auch, dass vor vielen Jahren ein nächtliches Bewachungskommando im Einsatz stehen musste, weil ein paar Dachse immer wieder den Weg unter dem Maschendrahtzaun hindurch fanden.

Langfristiges Engagement

Waren früher noch alle Mitglieder des Vereins verpflichtet, bei der Arbeit mitzuhelfen, sind es heute noch sieben Männer, die die Reben pflegen. Doch auch damit ist Ende Jahr Schluss. Der Männerchor pachtet nämlich nicht nur die Parzelle von der Gemeinde, sondern auch eine angrenzende von einem privaten Besitzer. Dieser hat nun per Ende Jahr Eigenbedarf angemeldet. Nur noch mit dem Grundstück der Gemeinde wäre der Ertrag für den Männerchor zu gering. Ausserdem fehlt der Nachwuchs. Schweren Herzens haben sich die Männer deshalb entschieden, den Pachtvertrag nach 55 Jahren per Ende 2018 aufzulösen.

Der Gemeinde ist es nun ein Anliegen, dass neue Pächter gefunden werden. «Diese Reben gehören einfach zu Otelfingen», sagt Gemeinderat Urs Scheidegger. Gesucht ist jemand für ein längerfristiges Engagement. «Wir wünschen uns eine Person oder eine Gruppe, die diese Tradition mit dem gleichen Herzblut weiterführt.»

Erstellt: 12.07.2018, 14:51 Uhr

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