Nürensdorf

Wie ein Schutzobjekt an Charme gewinnt

Das Vielzweckbauernhaus im alten Dorfkern von Birchwil bei Nürensdorf sah viele Generationen kommen und gehen. Seit dem Bau 1829 wohnten hier stets die Illis. Sie sorgten dafür, dass aus ihrem Familiensitz ein Vorzeigeobjekt geworden ist – trotz strenger Schutzauflagen der Behörden.

Die Eingangshalle im Futtertenn zeigt die Verbindung von Alt und Neu im komplett renovierten Bauernhaus an der Dorfstrasse 58 in Birchwil. Zentral platziert ist der Liftturm, der dem Haus neu sogar mehr Stabilität verleiht.

Die Eingangshalle im Futtertenn zeigt die Verbindung von Alt und Neu im komplett renovierten Bauernhaus an der Dorfstrasse 58 in Birchwil. Zentral platziert ist der Liftturm, der dem Haus neu sogar mehr Stabilität verleiht. Bild: Balz Murer

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Von der ländlichen Idylle bäuerlicher Zeiten ist nicht viel geblieben. Zwar existiert in Birchwil am östlichen Ende des Eigentals ein kleiner Dorfkern, aber viele architektonische Zeitzeugen gibt es dort nicht mehr. Manches wurde durch den Bauboom gar mutwillig zerstört. So verschwand in Birchwil vor rund zehn Jahren auch der älteste noch erhaltene Holzbau der Gemeinde Nürensdorf aus dem Jahr 1551.

Im hinteren Teil des Dorfkerns hat das Illi-Haus die Zeit überdauert – wenn auch viel weniger Jahre seit dessen Entstehung vergangen sind. Der stattliche Bau wurde «erst» 1829 durch Hans-Ulrich Illi als Vielzweckbauernhaus errichtet. Bis anhin wohnten darin ununterbrochen Angehörige dieser alteingesessenen Familie. Das Haus besteht ursprünglich aus einem zweigeteilten Wohnbereich mit diversen Stuben, Zimmern und Küchen sowie einem Ökonomieteil mit Tenn, Futtertenn, Stall und Remise. Unter dem Wohnhaus diente ein geräumiger Gewölbekeller zur Lagerung von Wein und Obst.

Die Aussenansicht zeigt, dass auch neue Anbauten möglich wurden (Bild: Balz Murer).

Heute findet man in diesem Teil der Gemeinde nebst dem Illi-Haus nur noch eine Handvoll andere Bauernhäuser, die erhalten geblieben sind. Im architektonischen Allerlei einer zunehmend gesichtslosen Agglomerationssiedlung sticht das Haus an der Dorfstrasse 58 mit dem dicht an der Strasse stehenden Brunnen seit kurzem noch mehr ins Auge als früher. Der alte Bau ist nämlich komplett renoviert und dabei gründlich aufgepeppt worden. Ende letzten Jahres lud das Projektleiterduo Roberto Stocchetti und Gabriela Hinnen des Walliseller Architekturbüros von Kurt Hofmann zu einem Rundgang und bot auch der Bevölkerung Einblicke ins neue alte Gemäuer.

Feldtäfer im Biedermeierstil

Das Resultat lässt sich sehen. Aus dem verlotterten Haus, das in den vergangenen Jahren nicht mehr bewohnt war, ist ein architektonisches Schmuckstück geworden. Es zeigt beispielhaft, was bei einer Renovation unter konsequentem Einbezug historischer Bausubstanz alles möglich ist. Auf zwei Jahre Planung folgten zwei Jahre Umbauzeit, erzählt Hinnen, die auch für den Verkauf der neuen Wohnungen zuständig ist. Wobei fast alle schon vergeben sind. Aktuell ist nur noch eine der sieben neu gebildeten Einheiten zu haben: eine 5½-Zimmer-Wohnung mit 165 m2 im ersten Stock. Kostenpunkt: 1,2 Millionen Franken.

«Hier haben wir die Nutzung der Räume getauscht», sagt Hinnen und zeigt in die Küche. Da, wo sich früher die WCs befanden, wird künftig gekocht. Dafür sind die neuen Nasszellen fensterlos in der Mitte des Gebäudes angeordnet. Gerne hätte man noch mehr Räume «gedreht». Aber das war nicht möglich. «Im alten Wohnteil ist die Zimmereinteilung geschützt», erklären die Fachleute. Von historischer Bedeutung sind auch die alte Stube mit dem Kachelofen, die barocken Feldtäfer im Biedermeierstil an Wänden und Decken sowie die Dachkonstruktion. Sie besteht aus profilierten Sattelhölzern und ist in überdurchschnittlicher handwerklicher Qualität ausgeführt. Das Gebälk stellt denn auch eine «kommunale Seltenheit» dar.

Für Planung und Umsetzung war das Trio mit Roberto Stocchetti (v. l.), Gabriela Hinnen und Kurt Hofmann verantwortlich.

Seit 2015 steht das Illi-Haus unter Schutz. Nebst den bereits genannten Teilen muss auch das äussere Erscheinungsbild, namentlich die beiden Tenntore, die Fenstereinfassungen, die «murale Wand» an der Westseite sowie das konstruktive Holzgerüst einiger Innenwände, erhalten bleiben.

Neu gibts Lift und Tiefgarage

Es sei «ein Geben und Nehmen» gewesen, wenn es darum ging, Schutzauflagen zu erfüllen und dies alles ins Projekt einzubeziehen. «Jeden Tag gabs neue Überraschungen», erinnert sich Projektleiter Stocchetti. Ein Abenteuer und oft auch ein Pröbeln sei die Arbeit hier gewesen. Sein Lieblingsplatz ist übrigens im neuen Eingangsbereich im Mittelabschnitt des Hauses, wo früher das Futtertenn war. Dort schweift der Blick bis ganz hinauf unters Dachgebälk. Sogar einen Liftturm gibt es hier, der das Haus von der neuen Tiefgarage bis zur Dachwohnung hinauf rollstuhlgängig macht.

Trotz harten Ringens um manche Dinge, wie die Durchtrennung einiger Balken im Innern oder ein neuer Balkonturm an der Westmauer, sei die Zusammenarbeit mit Heimatschutz-Vertretern und Behörden gut gewesen. So ist es dem Projektleitungsduo gelungen, Alt und Neu gekonnt zu verbinden, ohne Abstriche bei der Wohnlichkeit oder dem Komfort machen zu müssen. Im Gegenteil: Das baufällige, mit strengen Schutzauflagen versehene Objekt hat viel Charme behalten und sogar neuen hinzugewonnen. Ermöglicht haben das die Nachfahren des Bauherrn von einst. Sie werden auch weiterhin einen Teil des Hauses bewohnen. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 10.01.2019, 10:42 Uhr

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