Prävention

«Wir haben es satt»

Mit Flashmobs und Veranstaltungen beginnen heute Samstag die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Im Fokus stehen heuer sexuelle Übergriffe gegen junge Frauen, zum Beispiel in Clubs und Bars – und die sind Alltag, wie ein Gespräch mit vier Unterländerinnen zeigt.

Eine Teilnehmerin bei einer nationalen Kundgebung

Eine Teilnehmerin bei einer nationalen Kundgebung "Gegen Gewalt an Frauen" in Bern. Bild: Keystone

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«Wirklich jede meiner Freundinnen wurde schon einmal sexuell belästigt. Mir ist es passiert, dass ein Mann mir betrunken an die Brüste gefasst und erst aufgehört hat, als ich ihm die Hand weggeschlagen und einen Aufstand gemacht habe. Für dieses Erlebnis musste ich übrigens nicht nach Zürich fahren – das war in einer Bar in Bülach.» (Natascha*, 20)

Sexuelle Belästigung im nächtlichen Ausgang ist für Frauen in der Schqweiz Normalität. Von unangebrachten Bemerkungen, taktlosen Anmachsprüchen und Berührungen, die kaum zufällig sein können, bis zu gröberen Übergriffen kennt jede Frau Situationen, die sie in ihrer Würde verletzt. Heute Samstag beginnen zum zehnten Mal in der Schweiz die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen», im Fokus steht die Gewalt gegen Mädchen und junge Frauen. Dabei veranstalten über 70 Menschenrechtsorganisationen, Fachstellen und Selbstverteidigungsvereine im ganzen Land Aktionen zum Thema, beginnend mit Flashmobs heute Nachmittag in sieben Städten.

«Wenn ich an sexuelle Belästigung denke, die ich erlebt habe, kommt mir als erstes nicht ein Club in den Sinn, sondern ein Familienfest in einem Restaurant in Eglisau. Ein Onkel, den ich sonst nicht oft sehe, sass neben mir am Tisch, und wir haben viel diskutiert. Dabei hat er immer wieder meine Schulter oder meinen Rücken berührt. Ich wollte das nicht, wusste aber nicht, wie ich ihm das sagen sollte, ohne ihn zu kränken oder die Party platzen zu lassen.» (Stefi*, 20)

Ohnmacht und Online

Die Sprachlosigkeit zum Zeitpunkt des Übergriffs steht den heisslaufenden Debatten gegenüber, die online stattfinden. Mittels Kampagnen wie dem Twitter-Hashtag #metoo thematisieren derzeit Tausende Frauen auf der ganzen Welt Erfahrungen sexueller Gewalt und Grenzüberschreitungen. Die heute beginnenden Aktionstage befeuern diese Debatten zusätzlich mit dem Twitter-Hashtag #sprechenwirdarüber. Das Ziel: Gewalt an Frauen – besonders sexualisierte Gewalt – zu enttabuisieren.

Die Dimensionen sexueller Belästigung und Gewalt zu beziffern ist schwierig – erstens weil nicht immer klar ist, was unter sexuelle Belästigung fällt, zweitens weil längst nicht alle Frauen die Vergehen auch anzeigen. Die Kantonspolizei Zürich verzeichnet in der letztjährigen Kriminalstatistik 328 Fälle von sexueller Belästigung, im Jahr 2015 waren es 274. Diese Zahlen unterscheiden aber weder Örtlichkeit oder Art der Belästigung noch Alter oder Geschlecht. Sie können sich also auf eine Situation auf der Tanzfläche beziehen, auf der Rolltreppe, am Arbeitsplatz oder im Zug.

Laut werden

Kapo-Mediensprecher Stefan Oberlin nennt folgende Strategien, die Frauen bei sexueller Belästigung oder einem Übergriff anwenden können: «Wehren Sie sich. Machen sie das Verhalten des Mannes öffentlich. Sagen Sie laut: ‹Hände weg!›, damit möglichst viele Passanten es hören können. Sagen Sie dem Mann, dass Sie dieses Verhalten nicht tolerieren. Bitten Sie gegebenenfalls Passantinnen und Passanten um Hilfe.» Drohe die Situation zu eskalieren, rät er, die Kantonspolizei einzuschalten und wiederum Passanten um Hilfe zu bitten.

«Es ist unglaublich schwierig, sich zu wehren, selbst als Beobachterin. Ich war mit einer Freundin in einer Zürcher Bar, einige männliche Kollegen von mir waren auch dort. Die Musik wurde lauter, wir begannen zu tanzen. Einer meiner Bekannten näherte sich meiner Freundin von hinten, griff ihr an die Hüfte, küsste sie auf den Hals. Sie lachte es weg, ich stand wie angefroren vor ihr und fand ihren lockeren Umgang mit dem Übergriff beeindruckend. Erst am Tag darauf hat sie mir erzählt, dass sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen. Lachen entschärft. Aber ich glaube, das wird von uns Frauen erwartet: dass wir immer freundlich bleiben.» (Sara*, 21)

* Die Namen der in diesem Artikel vorkommenden Frauen wurden auf ihren Wunsch hin anonymisiert. Sie leben alle in der Region Bülach.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 24.11.2017, 14:35 Uhr

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