Oberembrach

Wo heimatliche Dichtkunstauf malerisches Fachwerk trifft

Der Schriftsteller Jakob Bosshart erblickte einst in Stürzikon das Licht der Welt, nun führt Ueli Bosshart mit Vater Ernst und Sohn Michael den Hof. Ein Speicher aus dem Jahre 1672 ist das Schmuckstück des Weilers und verdankt einem Traktor seine fachmännische Restauration.

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Gleich drei Sehenswürdigkeiten, so lässt die Webseite der Gemeinde Oberembrach wissen, lohnen den Weg nach Stürzikon: Dieser idyllisch zwischen sanften Hügeln gelegene Weiler birgt das Geburtshaus des Seminarlehrers und Dichters Jakob Bosshart (1862–1924), des berühmtesten Sohns des Dorfs. Auf einer Anhöhe thront eine mächtige Linde.

Als kleiner Baum wurde sie auf der Ruhestätte mit seiner Asche gepflanzt. Dazwischen steht ein Speicher – die ostseitig eingekerbte Inschrift «Ulrich Brunner, Zimbermeister zu Baserstorf 1672» weist den zweigeschossigen Riegelbau als ältestes Gebäude der Gemeinde aus. Sein dekoratives, symmetrisch aufgebautes Fachwerk, dessen verflochtene Streben an der westlichen Giebelfassade ein Kreismotiv zentrieren, gilt als eines der eindrücklichsten Beispiele im Kanton.

Abstellraum statt Museum

«Es bleiben immer mal Wanderer stehen und schauen. Ob diese extra deswegen herkommen, weiss ich natürlich nicht», zeigt sich Ueli Bosshart bescheiden. Der 57-jährige Landwirt und seine Frau Heidi führen den Hof Stürzikon mit zwei Dutzend Milchkühen, Aufzuchtrindern, Mastmunis und Hühnern, unterstützt von ihrem ältesten Sohn Michi und dem Senior, Grossvater Ernst.

«Mein Vater hat im Speicher noch gemostet», erinnert sich der agile 84-Jährige. «Das Obst kaufte er in grossen Mengen dazu, die Fässer standen im Keller und wurden an den Konsumverein Winterthur verkauft.» Bis etwa 1950 in Betrieb, steht die Mostpresse als Relikt aus alten Zeiten prominent im Erdgeschoss.

Eine ausrangierte Kornquetsche im Eck weist auf die vorma­lige Bestimmung der Trotte als Kornspeicher hin. An den massiven Deckenbalken im oberen Stock sind Antriebswellen montiert, welche die Gerätschaften samt Warenlift einst in Bewegung brachten. Leicht lässt sich jedoch erkennen, dass der Speicher nun nicht musealen Zwecken, sondern als Abstellkammer dient. «Ich hatte den Umbau in eine Alterswohnung überlegt», sagt der Senior, «aber der Grundriss ist zu klein.»

Renovierung als Zückerli

Der Geburtstag des Dichters Jakob Bosshart jährte sich zum 100. Mal, als der Speicher 1962 in den Fokus des Heimatschutzes geriet. Eine Schulklasse, so ist den Protokollen der Vorstandssitzungen zu entnehmen, regte angesichts der beobachteten Verwahrlosung eine Renovierung an.

Immer wieder suchte der Heimatschutz das Gespräch und bot schliesslich nach fünf Jahren neben fachkundigem Rat auch einen finanziellen Beitrag an – der «Neuen Zürcher Zeitung» war die in Aussicht gestellte Restaurierung im Oktober 1967 einige schwärmerische Zeilen wert. Ernst Bosshart jedoch wies das Angebot des Heimatschutzes zurück: «Die Entscheidung über den Speicher wollte ich nicht aus der Hand geben.»

So dauerte es noch über ein Jahrzehnt, bis er auf eigene Faust einen Architekten mit dem Projekt betraute – der Anlass war eher pragmatischer Natur: «Der Keller des Speichers dient als Garage. Als ich einen neuen Traktor kaufte, brauchte es ein grösseres Tor. Die Restaurierung des Gebäudes diente als Zückerli, damit ich die Baugenehmigung erhielt.» Ernst Bosshart liess morsches Gebälk ersetzen, das Mauerwerk erneuern und frisch verputzen – von drei Seiten wurde der Speicher renoviert. Unangetastet blieb die Rückwand, welche vor einem halben Jahrhundert einen Holzanbau erhielt.

Für Verwandtschaft bestraft

Drei Generationen der Bossharts sitzen in der Küche beim Kaffee. Man holt die Dorfchronik, historische Fotos und eine alte Illustration des Speichers hervor, berichtet von zwei Blitzeinschlägen und taucht in die Familiengeschichte ein. Bis ins Jahr 1618 zeichnet der handgeschriebene Stammbaum die Wurzeln der in und um Oberembrach beheimateten Vorfahren nach.

1823 wird der Hof in Stürzikon als Besitz des Landwirts Hans Heinrich Bosshart, des Vaters des Dichters, erwähnt. «Jakob war der Halbruder meines Grossvaters», erzählt Ernst Bosshart und zitiert aus dem Stegreif die ersten Zeilen des Gedichts «Der Mutter Hand». Er habe es der Verwandtschaft wegen als Schüler an einem Altersnachmittag aufsagen müssen und gesteht: «Das empfand ich damals als Strafarbeit.»

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 06.12.2017, 17:40 Uhr

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