Kloten

«Zirkus ist immer Avantgarde»

Gegen die winterlichen Temperaturen feuert der Zirkus Salto Natale ab Freitag mit dem Programm «Fuego» ein. Direktor Rolf Knie schildert im Interview den Hintergrund der Show und erklärt, warum bei ihm niemand Starallüren hat.

Die Proben für «Fuego» laufen auf Hochtouren: Rolf Knie zeigt auf der Bühne, wie Modellflieger die neue Show des Salto Natale ergänzen.

Die Proben für «Fuego» laufen auf Hochtouren: Rolf Knie zeigt auf der Bühne, wie Modellflieger die neue Show des Salto Natale ergänzen. Bild: Balz Murer

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Rolf Knie, die neue Show des Salto Natale heisst «Fuego». In der Vorschau sind Artistinnen und Artisten zu sehen, wie sie mit dem Feuer spielen. Wird das nicht gefährlich fürs Publikum?
Rolf Knie: Die Zirkusgäste werden nicht als Weihnachtsfackel nach Hause gehen. Natürlich soll die Show möglichst nah am Publikum sein, aber wir haben sehr hohe Sicherheitsbestimmungen. Unser Programm baut schon lange nicht mehr auf Gefahr auf. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Zirkus vom Nervenkitzel lebt oder von Fragen wie ‹Fällt sie vom Seil? Wird er vom Löwen gefressen?›

Rolf Knie, im Circus geboren (Quelle: Youtube)

Dennoch dürfte es im Zelt ein paar Grad wärmer werden. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Eine neue Idee trage ich jahrelang mit mir herum, bevor ich sie umsetze. Deshalb gibt es keinen Punkt, an dem der Funke gesprungen ist. Feuer ist ein spannendes Element für eine Zirkusshow, und mit dem Titel «Fuego» haben wir uns verpflichtet, dieses Element in die Sache reinzubringen. Wir arbeiten mit dem Künstler Stefan Bolt zusammen, auf den ich an einem Fest in Rapperswil aufmerksam geworden bin. Ich war begeistert von seiner Arbeit und wollte ihn an Bord haben.

Wie lernen Sie Ihre Artisten sonst kennen?
Erst, wenn sie vor mir stehen! Wir haben ein geschultes Auge, wenn wir beispielsweise auf Youtube einen Künstler sehen. Dann arbeiten wir mit dem Veranstalter einen Vertrag aus. Aber wenn sie hier sind, ist das wie mit einer neuen Freundin: Bringt er oder sie mit, was wir erwartet haben? Welche Überraschungen birgt sie, ist er eine Zicke? Wir haben natürlich Möglichkeiten, den Auftritt zu formen – wir wissen, wer was zu welcher Musik zeigen und welches Kostüm er dabei tragen wird.

Haben Ihre Artisten Starallüren?
Manchmal, aber die verlieren sie ziemlich schnell (lacht). Wir sind eine grosse Familie, und unsere Artisten haben hier Arbeitsbedingungen wie sonst in kaum einem Zirkus. Das liegt auch an unserem Konzept: Wir sind kein Nummernzirkus, sondern zeigen ein ganzheitliches Programm. Und das beginnt beim Abendessen im Foyer und endet mit dem Umtrunk nach der Show.

«Wir sind eine grosse Familie, und unsere Artisten haben hier Arbeitsbedingungen wie sonst in kaum einem Zirkus.»Rolf Knie

Sie kennen die Manege ihr ganzes Leben. Inwiefern haben sich Konzept und Bedeutung eines Zirkus in dieser Zeit verändert?
Heute geht es im Zirkus stark um das Erleben. Darum, einen Event zu schaffen, der den Besucher seinen Alltag vergessen lässt – egal ob die Grossmutter oder den Enkel, die Intellektuelle oder den Clochard. Wir bieten zwei Stunden lang eine Poesie der Körper, eine Flucht vor der virtuellen Welt, einen Abend, an dem man sich gemeinsam an etwas erfreuen kann. Und das funktioniert: Die letzten Shows waren zu 80 Prozent ausverkauft.

Hat sich das Publikum verändert?
Auf jeden Fall. Ich erinnere mich, dass in den 1970er Jahren viele Schulklassen am Mittwochnachmittag auf der Tribüne sassen. Heute fehlt dafür die Zeit, es fällt eine wichtige Jugenderinnerung weg. Zirkus ist nicht mehr nur für Kinder. Wir zeigen mit «Oh La La - Sexy - Crazy - Artistic» ja auch, dass Zirkus erotisch ist – und es immer war. Erinnern Sie sich an die Schlangenfrauen? Sie standen im Bikini in der Manege, bevor Bikinis überhaupt erfunden waren. In den 1950er Jahren haben Prediger die Bevölkerung davor gewarnt, in den Nationalzirkus zu gehen, weil sie halbnackte Frauen zu sehen bekommen. Die Tribüne war danach voll.

Was heisst das für Sie als Zirkusdirektor?
Es bedeutet, zeitgenössisch denken zu müssen. Zirkus war nie traditionell, sondern immer Avantgarde. Die Zuschauer wollen etwas sehen, das sie noch nie gesehen haben. Wir schaffen das, indem wir zum Beispiel vor vier Jahren den Schweizer Popsänger Luca Hänni auf die Bühne geholt haben. Dieses Jahr unterstützen unter anderem der Sänger Patric Scott und das litauische Duo «The Donatas» mit ihrem einzigartigen Können im Modellfliegen das Programm.

Sie haben Ihr Leben in diesem kleinen Universum verbracht. Hatten Sie nie Lust auf etwas anderes?
Aber ich mache doch etwas anderes! Ich bin seit 1977 Maler und habe ausserdem ab 1983 während zehn Jahren zahlreiche deutschsprachige Theaterbühnen bespielt. Zirkus ist mein Hobby – und ein Projekt, das ich irgendwann ganz meinem Sohn Gregory übergeben werde. (zuonline.ch)

Erstellt: 14.11.2017, 17:02 Uhr

Infobox

Premiere von «Fuego» ist am Freitagabend, 17. November. Das Programm läuft bis zum 2. Januar. Mehr Infos und Tickets unter www.saltonatale.ch.

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