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Sie sind Topstars und Freunde

Wie verliert man ein Spiel, das man nicht gewinnen will? Auch darum geht es für die Belgier gegen England (ab 20 Uhr im Liveticker).

Die belgischen Nationalspieler Witsel, Hazard, de Bruyne und Lukaku (v. l.) kennen sich seit der Kindheit.
Die belgischen Nationalspieler Witsel, Hazard, de Bruyne und Lukaku (v. l.) kennen sich seit der Kindheit.
Getty Images/Jean Catuffe

Es gibt Begriffe, die man als Belgier nicht mehr hören mag. Geheimfavorit beispielsweise. Oder auch: goldene Generation. Seit Jahren ist Belgien an Turnieren so sehr Geheimfavorit, dass es gemein ist, das Team immer noch als solchen zu bezeichnen. Und gemessen an der vergleichsweise tiefen Einwohnerzahl (rund 11,5 Millionen), besteht die Auswahl ohnehin eher aus einer diamantenen Generation.

Belgien hat seine WM-Ambitionen mit lockeren Siegen gegen die Aussenseiter Panama (3:0) und Tunesien (5:2) angemeldet und ist dabei sogar mit einer Verschwendungssucht im Umgang mit allerbesten Torchancen auffällig geworden. «Unser Start ins Turnier war ordentlich», sagt Roberto Martinez, der manchmal sehr geheimnisvolle Trainer Belgiens. «Aber am Ende interessiert die Vorrunde niemanden mehr.»

Martinez ist der Mann, der diese unfassbar talentierte belgische Equipe zum Triumph coachen soll. Noch ist die Auswahl um Eden Hazard, Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku unvollendet, an der WM 2014 und an der Euro 2016 scheiterte sie im Viertelfinal. Vor allem das 1:3 vor zwei Jahren gegen Wales war schmerzhaft. «Wir haben dort eine grosse Chance verpasst», sagt Hazard, «aber wir wissen nun, wie schnell es gehen kann, wenn man einen schlechten Tag erwischt.»

Aus dem Schatten treten

In Russland durften sich die Belgier gemütlich einspielen, sie zauberten ein bisschen in der Offensive, die Abwehr hinterliess aber selbst gegen Tunesien nicht unerwartet keinen besonders sattelfesten Eindruck. Martinez muss die Balance zwischen Spektakel und Solidität finden, und der Spanier gilt zwar seit vielen Jahren als Trainertalent, aber er weiss noch nicht, ob es seinem Team in bedeutenden Begegnungen gelingen wird, den Spieltrieb zu kanalisieren. «Das sind wundervolle Fussballer, die sich teilweise als Kinder kennen lernten, einen langen Weg gegangen sind und heute als Topstars und Freunde ins ­Nationalteam einrücken», hat Martinez im Frühling gesagt. Und auch: «Der Zusammenhalt in der Mannschaft ist grossartig, das habe ich noch nie erlebt.»

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Das belgische Torspektakel gegen Tunesien:

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Martinez trainierte früher Swansea, Wigan, Everton, er ist mit 44 Jahren ein junger Nationalcoach, taktisch und technisch bestens ausgebildet. Und er findet die passenden Worte, um den Hype um seine Wundertruppe einzufangen. «Das war nur ein kleiner Schritt, wir haben viele Dinge zu verbessern», sagte er nach dem Kantersieg gegen Tunesien. Die Belgier sind ganz bei sich und ihren Ambitionen.

In England, dem Land des heutigen Gegners, dagegen berauscht man sich an den deutlichen Erfolgen gegen die Habenichtse der Gruppe – und verliert teilweise den Bodenkontakt. Auch das verdeutlicht das gewachsene Selbstverständnis dieser Belgier. Sie wollen endlich aus dem Schatten jener einst auch als golden bezeichneten Generation um Jean-Marie Pfaff, Eric Gerets, Enzo Scifo und Jan Ceulemans treten, die 1986 den WM-Halbfinal erreichte.

Vorerst gilt es aber heute gegen England ein Spiel zu bestreiten, welches man am liebsten gar nicht gewinnen würde. Martinez hat personelle Wechsel angekündigt, er schliesst nicht einmal elf Veränderungen aus («jeder soll an einer WM zum Einsatz kommen»). Der leicht angeschlagene Torjäger Lukaku, der bereits vier Treffer erzielt hat, dürfte wie andere Stammkräfte eine Pause erhalten.

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Fünf Fakten nach Belgiens Sieg gegen Tunesien:

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Und eine Niederlage würde sich vermutlich fast wie ein Sieg anfühlen. Der Verlierer wird nicht nur den auf dem Papier erheblich günstigeren Turnierbaum vorfinden, sondern erhält bis zum Achtelfinal einen Tag mehr frei – und geniesst die angenehmere Reiseroute. Werden die Belgier Erster, würde der Weg ins Endspiel über Rostow, Kasan und St. Petersburg führen, als Zweiter hiessen die Stationen Moskau, Samara, Moskau. Vor den Toren der russischen Hauptstadt ­befindet sich ihr Trainingscamp. Martinez aber sagt: «Man kann Spiele nicht ­absichtlich verlieren. Schon gar nicht an einer WM.»

Entscheiden Gelbe Karten?

Weil Belgien und England mit 6 Punkten und 8:2 Toren die exakt gleiche Bilanz aufweisen, würde bei einem Remis die Fairplay-Wertung über den Gruppensieg entscheiden. Da steht Belgien momentan mit drei Gelben Karten besser (oder eher: schlechter) da als England mit zwei Verwarnungen. Endet auch dieser Vergleich unentschieden, würde über den Gruppensieg ausgelost. Martinez sagt, sein Team werde nicht Gelbe Karten sammeln, sondern wolle auch diese Begegnung nutzen, um Fortschritte zu realisieren. Auf dem ehrgeizigen Weg dieser goldenen Generation, aus dem Rang des Geheimfavoriten in die Gilde der Branchenriesen aufzusteigen.

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