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Mobbing gegen GolfprofiGehänselt und schikaniert, weil sie gross und schwer ist

Die 21-jährige Haley Moore hat es auf die weltbeste Golftour geschafft. Ihr Weg zeigt aber, wie brutal die Öffentlichkeit sein kann mit Menschen, die nicht dem Idealbild entsprechen.

Geht unbeirrt ihren Weg und ist nun auf der höchsten Profitour angekommen: Haley Moore am vergangenen Wochenende bei der LPGA Classic in Sylvania, Ohio.
Geht unbeirrt ihren Weg und ist nun auf der höchsten Profitour angekommen: Haley Moore am vergangenen Wochenende bei der LPGA Classic in Sylvania, Ohio.
Gregory Shamus (Getty Images)

Mobbing, Ausgrenzung, Hänseleien und Aggressionen – für Haley Moore sind es seit Jahren treue Begleiter. Hässliche Gefährten. Ihr grosses Talent? Ihre wachsenden Erfolge? Nur langsam wird es wahrgenommen.

Seit diesem Jahr spielt die 21-jährige Kalifornierin, wie auch die Schweizerin Albane Valenzuela, erstmals für den weltbesten Golf-Circuit der Frauen qualifiziert, die LPGA-Tour. Doch Moore hatte auf dem Weg an die Spitze hohe Widerstände zu überwinden, schon seit ihrer Kindheit: Sie ist gross, inzwischen 182 Zentimeter, und schwer. Das allein hat gereicht, um ihr das Leben immer wieder zur Qual werden zu lassen, und hätte beinahe dazu geführt, dass sie ihren Traum vom Golfprofi aufgegeben hätte.

Aber Haley Moore ist, unterstützt von ihrer Familie und einigen Freunden, unbeirrt ihren Weg gegangen und ist schon mit 21 Jahren auf jener Tour angelangt, auf die weltweit Tausende von Golftalenten hinstreben. Nun sieht sie sich als Beispiel dafür, dass grosse Träume auch dann verwirklicht werden können, wenn man nicht einem vorgegebenen Muster entspricht, aber an sich glaubt und sie hartnäckig verfolgt – ungeachtet aller Sticheleien und Boshaftigkeiten.

Inzwischen erzählt Haley Moore offen ihre Geschichte – aus einer Position der Stärke heraus. Schon als Kind habe sie sich so oft anhören müssen, sie sei fett und hässlich, weshalb sie sich immer mehr in sich zurückzog, erzählt sie in einem autobiografischen Beitrag, der eben auf der Website der LPGA-Tour veröffentlicht worden ist (lesen Sie ihn hier in englischer Sprache): «Ich war immer grösser als die meisten Kinder.»

Ihr Vater war Footballer bei Ohio State, ihre Mutter Tennisspielerin, mit ihrem Bruder Tyler spielte sie Fussball, Baseball, schliesslich Golf. «Er und ich massen uns in allem», erinnert sie sich. Und gibt zu, dass der Konkurrenzkampf sogar am Esstisch weiterging: «Manchmal mussten uns die Eltern daran erinnern, dass das Essen kein Wettkampf ist.» Moore wuchs in die Breite und schoss in die Höhe.

Den Rucksack mit Wasser gefüllt

Rasch begannen die Hänseleien, die kleinen und grösseren Gemeinheiten, die Schikanen. Eines Tages stahlen ihr einige in der Grundschule in San Diego ihren Rucksack, füllten ihn mit Wasser, deponierten ihn auf der Toilette der Jungs und ruinierten dabei auch ihr Lieblingsbuch, eines über Justin Bieber, für den sie schwärmte. «Da brach ich zusammen», gibt sie heute zu. Beim Lesen hatte sie Ablenkung gesucht – eine Ablenkung, die ihr lange sogar auf dem Golfplatz vorenthalten blieb, obwohl sie dort sofort aussergewöhnlich gut war, auch besser als die meisten Jungs.

Ihr Sporttalent brachte der Kalifornierin vorerst eben auch keine Anerkennung. Sie wurde beneidet, teilweise öffentlich angefeindet. Man müsse ihre Geburtsurkunde prüfen, musste sie sich etwa anhören. «Dass ich grösser, stärker und besser war als die Jungs auf dem Fussballplatz, machte mich nicht populär. Und weil ich immer weiterwuchs, war ich auch bei den Mädchen nicht beliebt.» Während ihrer gesamten Schulzeit sei hinter ihrem Rücken getuschelt und gelästert worden, «ich erfuhr jede mögliche Beleidigung und Zurückweisung». Sie habe versucht, es zu ignorieren, «und irgendwann wird man immun». Dennoch wurde sie immer scheuer und unsicherer und spielte mit dem Gedanken, das Golfen aufzugeben.

Auch ihre Trainerin war übergewichtig

Mit 17 begannen sich die Dinge zu bessern. Dank ihrem Talent stiess Moore an die Universität von Arizona und zu dessen Golfteam, den Wildcats, wo sie schnell zur Teamstütze avancierte. Sie hatte das Glück, in Cheftrainerin Laura Ianello auf eine sehr sensible Person zu treffen, die ihr die ideale Unterstützung gab und sie geschickt in die Mannschaft integrierte. Ianello war einst selber übergewichtig, 92 kg schwer, sagt sie, und konnte gut in Moore hineinfühlen. «Sie ist eine wirklich liebenswerte Person», sagt Ianello. Moores Teamgefährten schätzten sie rasch für ihre Arbeitsmoral, ihr Talent und ihre Qualitäten als Teamspielerin.

2018 erlebte sie dann ihren ersten grossen Erfolg: Sie sicherte ihrem Team mit dem entscheidenden letzten Putt überraschend den Gewinn der amerikanischen College-Meisterschaft. Ihre Kolleginnen feierten sie überschwänglich, sie selber tanzte auf dem Green, Freudentränen flossen.

«Erfolg ist der beste Schutzstoff», sagt Moore heute. Ende 2019 überstand sie gleichzeitig wie Valenzuela – das anspruchsvolle Qualifikationsturnier für die LPGA-Tour. Und wie die 22-jährige Genferin hält auch sie in ihrem durch das Coronavirus beeinträchtigten ersten Profijahr gut mit. Vor der Premiere in Europa, dem Scottish Open von dieser Woche, liegt die Amerikanerin auf Position 95, nur 23 Ränge hinter Valenzuela.

Die LPGA-Tour hat der Kalifornierin einen warmherzigen Empfang bereitet. Sie sei von Grössen wie Stacy Lewis oder Cristie Kerr und vielen anderen nett empfangen worden, schreibt Moore, viele hätten ihr Unterstützung angeboten. «Ich fühle, dass ich auf der Tour zu einer Familie gehöre. Das hilft mir, zu vergessen, was ich alles durchgemacht habe.» Inzwischen betrachtet sie es als ihre Mission, die ihr gegebene Plattform zu nutzen, um anderen Mädchen und Jungen zu helfen, die Ähnliches durchmachen müssen wie sie damals. Ihr Beispiel soll andere im Glauben an sich bestärken, die von der Öffentlichkeit Ablehnung erfahren, weil sie in kein vorgegebenes Raster passen.

29 Kommentare
    Silvia Brun

    Ich würde es mir nicht antun, so rumzulaufen, auch aus gesundheitlichen Gründen. Auf die verheerenden Reaktionen und die gesundheitlichen Schäden könnte ich nun wirklich verzichten. Und ich glaube nicht daran, dass ihr das nichts mehr ausmacht. Zu einem gepflegten Äusseren gehört heute einfach auch, dass man auf sein Gewicht achtet. Das heisst noch lange nicht, dass man damit Äusserlichkeiten überbewertet. Der Körperbau ist Schicksal, so viel Übergewicht jedoch nicht. Wobei dies in den USA offenbar schon fast normal ist.