Zum Hauptinhalt springen

Mitgliederschwund zwingt zum HandelnGewerkschaften erproben neues Geschäftsmodell

Gegen Bezahlung gibts Rechtsberatung und Coaching. Das Zielpublikum: KMU, Start-ups und Nichtgewerkschafter.

Die Gewerkschaften Transfair und Angestellte Schweiz zielen mit ihrem Projekt auch auf KMU und Start-ups.
Die Gewerkschaften Transfair und Angestellte Schweiz zielen mit ihrem Projekt auch auf KMU und Start-ups.
Foto: Urs Jaudas (Tamedia AG)

Die Gewerkschaften Transfair (Öffentlicher Verkehr) und Angestellte Schweiz leiden unter dem gleichen Phänomen wie die meisten anderen Arbeitnehmerorganisationen: Ihre Mitgliederbasis erodiert von Jahr zu Jahr und ist überaltert. Die beiden Organisationen haben zusammen noch rund 25’000 Mitglieder. Und Besserung ist nicht in Sicht: Die jungen, digital affinen Arbeitskräfte haben mit den Gewerkschaften kaum mehr etwas am Hut.

Nun wollen Transfair und Angestellte Schweiz ihre Dienstleistungen, die für Mitglieder grösstenteils kostenlos sind, auch Nichtmitgliedern anbieten. Das Vehikel dazu ist eine gemeinsame Firma namens Further at Work (Furtheratwork.ch). Bei Entlassungen, arbeitsrechtlichen Streitigkeiten und anderen Problemen am Arbeitsplatz können Angestellte gegen Bezahlung Rat und Unterstützung holen. Die Tarife für telefonische Auskünfte starten bei 50 Franken. «Wir arbeiten mit den bestehenden Ressourcen, also beispielsweise mit den Rechtsberatern und Regionalsekretären von Angestellte Schweiz und Transfair», erklärt Stefan Müller-Altermatt, Präsident von Transfair und Solothurner CVP-Nationalrat.

KMU und Start-ups als Zielgruppe

Müller-Altermatt und Stefan Studer, Geschäftsführer von Angestellte Schweiz, zielen mit ihrem Projekt noch auf ein weiteres Publikum: KMU und Start-ups, die sich keine Personalabteilung leisten können oder wollen und das arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Know-how bei Further at Work einkaufen. Studer verweist auf ein Netzwerk von Spezialisten, mit denen man bereits heute bei Bedarf zusammenarbeite.

Dass auch andere Gewerkschaften und Verbände an Further at Work partizipieren könnten, schliessen Studer und Müller-Altermatt aus. Sie betrachten sich beide als Brückenbauer in der politischen Mitte mit Abgrenzung zu linksorientierten Gewerkschaften.

Dienstleistung «on demand»

Ob der Eintritt in den Beratungsmarkt, wo es schon viel Konkurrenz gibt, ein Erfolg wird, bleibt abzuwarten. Müller-Altermatt selber erklärt, dass die Frage, ob es genügend Interesse unter KMU und Start-ups gebe, für ihn eine Blackbox sei. Doch eines sind sich sowohl er wie auch Stefan Studer bewusst: Gewerkschaftsdienstleistungen «on demand» anzubieten, hat möglicherweise einen Kannibalisierungseffekt. Weshalb einer Gewerkschaft beitreten und dafür über Jahre hinweg eine Jahresgebühr von bis zu 500 Franken (je nach Beschäftigungsgrad bei Transfair) respektive 150 Franken bei Angestellte Schweiz zahlen, wenn der juristische Ratschlag «on demand» übers Ganze gesehen günstiger kommt? Müller-Altermatt verweist indessen auch auf Leistungen, die nur Mitglieder der Gewerkschaft erhalten würden, so zum Beispiel Vergünstigungen bei bestimmten Einkäufen.