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Gastkommentar zur KulturpolitikGleich lange Spiesse für den Schweizer Film

Die Filmbranche könnte dank der «Lex Netflix» bessere Unterstützung erhalten – ohne einen Franken Steuergeld. Dafür muss aber die Politik ihren Kurs korrigieren.

Das Schweizer Filmschaffen schafft Arbeit und braucht Unterstützung. Dreharbeiten zu «Utopia Blues» von Regisseur Stefan Haupt.
Das Schweizer Filmschaffen schafft Arbeit und braucht Unterstützung. Dreharbeiten zu «Utopia Blues» von Regisseur Stefan Haupt.
Foto: zvg

Die Zukunft der Schweizer Filmbranche liegt in den Händen der Politikerinnen und Politiker: Das Parlament berät in den nächsten Wochen die sogenannte Lex Netflix. Neu sollen Streamingdienste 4 Prozent ihrer Einnahmen ins schweizerische Filmschaffen investieren. Der Nationalrat reduzierte im September die vom Bundesrat vorgeschlagenen 4 auf 1 Prozent. Nun entscheidet der Ständerat darüber, ob es dabei bleibt oder ob das Geschäft – hoffentlich – zurück an den Nationalrat geht.

Wir Filmschaffende sind zutiefst erschrocken über diesen leichtfertigen «Kompromissvorschlag». Die für uns relevanten Nachbarländer verlangen teils wesentlich mehr – Spitzenreiter ist Frankreich, wo Streamingplattformen seit Anfang Jahr 20 bis 25 Prozent ihres Umsatzes wieder ins Filmschaffen investieren müssen. Die vorgeschlagenen 4 Prozent sind also eine vergleichsweise moderate Summe.

Streamingdienste haben während der Pandemie zweistellige Zuwachsraten, während bei uns die Kinos geschlossen sind.

Die Lobbyisten für die 1-Prozent-Variante sprechen alarmierend von einer «Erhöhung der Gebühren und Steuern» und von «Wettbewerbsverzerrung». Doch das ist falsch. Denn es handelt sich um die kluge Idee einer Investitionspflicht für Streamingdienste.

Diese haben während der Pandemie zweistellige Zuwachsraten, während bei uns die Kinos geschlossen sind, die Filmproduktionen durch aufwendige Corona-Massnahmen verteuert, wenn nicht verunmöglicht werden. Die gesamte hiesige Filmbranche, zusammen mit vielen anderen Berufszweigen, leidet extrem.

Wir Filmschaffenden fragen uns, weshalb die Streamingdienste in der Schweiz nicht wie anderswo einen Teil ihrer äusserst soliden Umsätze wieder reinvestieren. Mit dem Geld könnten im Inland Arbeitsplätze von ansässigen Filmschaffenden unterstützt werden, ohne dass es dafür einen einzigen Steuerfranken braucht.

Die vom Bundesrat vorgeschlagene und gut durchdachte Idee dieser Investitionspflicht kann bewirken, dass ein bescheidener Anteil dieser Einnahmen von nun an in die unabhängige Schweizer Filmlandschaft fliesst. Dies ist ein sinnvoller Einsatz für den Werkplatz Schweiz, für unsere KMU in der Filmbranche, für unsere ansehnlich grosse und stark herausgeforderte hiesige Filmlandschaft.

Teleclub muss jetzt bereits 4 Prozent in die unabhängige Schweizer Filmproduktion investieren, was in etwa 1 Million jährlich entspricht: ein relevanter Betrag für unser Filmschaffen. Doch de facto ist Teleclub damit gegenüber ausländischen Streaminganbietern im Nachteil.

Würde sich nach dem Nationalrat nun auch die besonnene «Chambre de réflexion», der Ständerat, für eine tiefere Abgabe entscheiden, müsste Teleclub neu auch nur noch 1 Prozent bezahlen. Wir hätten also möglicherweise sogar einen Verlust gegenüber den Vorjahren zu verkraften.

Wir müssen unsere Filme und Serien häufig mit einem Bruchteil der ausländischen Budgets herstellen.

Immer wieder mal hören wir die Forderung, unsere Serien, unsere Filme müssten mit der ausländischen Konkurrenz mithalten können, wir müssten uns eben dem freien Markt stellen. Dabei wird aber konstant ausgeblendet, dass wir unsere Filme und Serien häufig mit einem Bruchteil der ausländischen Budgets herstellen müssen. Dass wir in einem kleinen Land leben, in dem die finanziellen Mittel auf vier Sprachregionen verteilt werden müssen. Und dass wir uns dem Anspruch stellen, in unseren Filmen auch unsere Identität, unsere Swissness abzubilden. Wie soll das möglich sein, wenn uns viel weniger Geld zur Verfügung steht als unserer Konkurrenz im Ausland?

Ein äusserst wünschenswerter Nebeneffekt dieser Investitionspflicht ist nun, dass sie den Weg öffnet für neue Formen der Zusammenarbeit mit ausländischen Streaminganbietern wie etwa Netflix. Damit finden unsere Filme einen bedeutend einfacheren Zugang zum internationalen Markt und einen Weg in die weite Welt. Wer wollte das nicht unterstützen?

21 Kommentare
    Bryan M.

    Es gab in den letzten Jahren einen Schweizer Film der bei mir in positiver Erinnerung geblieben ist: Platzspitzbaby.

    Eine Netflix Abgabe für Schweizer Filmschaffende? Bitte nicht. Ich habe keinen Bedarf nach "Missen Massaker II".

    Ich habe nichts gegen eine Steuer für Internetdiensteanbieter, damit ein Teil derer Einnahmen auch wieder in der Schweizer Staatskasse landet, aber bitte keine "Investitionszwangsabgabe" für Filme die so gut wie niemand sehen will.