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Hockeyaner als ErntehelferGurken sortieren statt Pucks spedieren

ZSC-Cracks helfen zu Coronazeiten aus bei einem Gemüsebauern in Hinwil. Und entwickeln auch dabei einen sportlichen Ehrgeiz.

Auf zwölf zählen, bitte! Die ZSC -Stürmer Marco Pedretti (vorne) und Yannick Brüschweiler (links) sortieren die Gurken.
Auf zwölf zählen, bitte! Die ZSC -Stürmer Marco Pedretti (vorne) und Yannick Brüschweiler (links) sortieren die Gurken.
Foto: Samuel Schalch
Die Kisten stapeln sich: Rund 10’000 Gurken schaffen die ZSC-Cracks in zwei Stunden.
Die Kisten stapeln sich: Rund 10’000 Gurken schaffen die ZSC-Cracks in zwei Stunden.
Foto: Samuel Schalch
Und auch Youngster Yannick Brüschweiler packt an.
Und auch Youngster Yannick Brüschweiler packt an.
Foto: Samuel Schalch 
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Es war für die ZSC Lions wahrlich keine, pardon, Gurkensaison. Sie kletterten zurück auf Rang 1, wurden von der Allianz der europäischen Hockeyclubs sogar vorgeschlagen für das Voting zum Team des Jahres. Und doch geht für sie die Saison mit Gurken zu Ende. Oder genauer: mit dem Sortieren von Gurken im Gewächshaus der Gebrüder Meier in Hinwil.

Vergangene Woche hatten sie ihre ersten Einsätze, an diesem Mittwochnachmittag sind Patrick Geering, Simon Bodenmann, Yannick Brüschweiler und Marco Pedretti auch wieder hier und zählen Mal für Mal auf zwölf. So viele Gurken nehmen sie jeweils vom Förderband und platzieren sie in einer grünen Gemüsekiste. Dabei entwickeln sie, ganz Sportler, auch einen gewissen Ehrgeiz. «Wir versuchen schon zu performen», sagt Geering schmunzelnd. «Innert zwei Stunden schaffen wir über 10’000 Gurken.»

«Eine reine Fleissarbeit»

Die Idee, die Spieler könnten sich in Coronazeiten anderswo nützlich machen, kam von Sportchef Sven Leuenberger. Captain ­Geering hatte sich auch schon Gedanken gemacht, ans Spargelstechen gedacht. Nun sind es ­Tätigkeiten geworden, die etwas weniger Fingerspitzengefühl ­erfordern. Oder wie es Fritz Meier ausdrückt, der Geschäftsführer Anbau: «Sie konnten gleich loslegen, denn es ist eine reine Fleissarbeit.»

Die prominente Unterstützung kommt dem Gemüsebauern gelegen, weil die ausländischen Erntehelfer wegen der ­Corona-Reisesperren nicht aus Osteuropa anreisen konnten. «Zudem wurden wir überrumpelt durch das schöne Wetter im März und Anfang April. Wir sind mit der Ernte zwei Wochen im Vorsprung.» Geering koordiniert die Einsätze der ZSC-Cracks, rückt jeweils mit einem Grüppchen von vier, fünf an für einen Vor- oder Nachmittag. Zudem helfen die Spieler auch beim Palm-Shop aus, einer Spezialitätengärtnerei in Brütten, die von einem ZSC-Donator geführt wird.

Der Lohn fliesst an die Junioren

Für ihn seien diese Aktionen ein schöne Abwechslung zum Corona-Alltag mit Hantel- und Theraband-Training zu Hause und Joggen an der Limmat, sagt Geering. «Ich verstehe aber auch, wenn einer nicht mitmachen möchte. Es besteht kein Zwang.» Bisher brachte er über den ­Teamchat immer ein Grüppchen zusammen. Pro Arbeitsstunde erhalten die Spieler in Hinwil den normalen Lohn eines Erntehelfers, rund 15 Franken brutto. Diese fliessen in die Juniorenkasse. Zudem bezahlt Meier von sich aus noch je 4 Franken pro Stunde an den ZSC-Nachwuchs.

Die Hockeyaner sind bei ihm nicht die einzigen Corona-Quereinsteiger. SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann kommt regelmässig vorbei und pflückt unentgeltlich Cherrytomaten oder anderes. Meier erhielt diverse Anfragen von Leuten, die gerade nichts mehr zu tun haben. Ein Eventfotograf, der keine Sujets mehr hat, heuerte bei ihm an. Eine Frau, die auf eine Weltreise gehen wollte, nun aber nicht kann. Oder ein Grüppchen, das in der Gastronomie in der Zentralschweiz tätig war und wegen der Corona-Krise den Job verlor.

Diese Leute sehen nun unsere heimische Produktion aus einem anderen Blickwinkel.

Fritz Meier, Gemüsebauer

«Ich finde die Begegnungen mit diesen ganz unterschiedlichen Menschen sehr bereichernd», sagt Meier. «Und diese Leute sehen nun unsere heimische Produktion aus einem anderen Blickwinkel. Die meisten von ihnen hatten wohl vorher keine Idee, wie eine Gurke, eine Tomate oder Nüsslisalat heranwächst.» Geering staunte jedenfalls nicht schlecht, als er beim Einkaufen im Coop eine ­Packung Snackgurken erwischte, die aus jenem Hof stammte.

Patrick Geerings Hauptbeschäftigung: den Meisterpokal stemmen – wie hier in der Resega im April 2018.
Patrick Geerings Hauptbeschäftigung: den Meisterpokal stemmen – wie hier in der Resega im April 2018.
Gabriele Putzu/Keystone

Wobei Hof eher untertrieben ist. Der Familienbetrieb dreier Geschwister beschäftigt rund 180 Leute, bewirtschaftet in den Gewächshäusern die Fläche von 15 Fussballfeldern – und draussen das Zehnfache. Mit allen Arten von Gemüse und Salat. Auch ­Tomaten ernten die ZSC-Cracks schon, doch im Vergleich zu den Profis fehle es ihnen da noch etwas an der Routine, gibt Geering zähneknirschend zu. «Wer geübt ist, schafft sechs Gemüsekisten pro Stunde. Wir maximal zwei.»

Weil das Teamtraining erst am 11. Mai wieder aufgenommen werden kann, haben die Hockeyprofis noch etwas Zeit, um an ihrer Tomatenpflück-Performance zu arbeiten. Meier schätzt ihre unkomplizierte Art und verhehlt nicht, dass ihn der Werbeeffekt für seinen Betrieb nicht stört. «Zudem sind unsere Erntehelfer stolz, neben Profisportlern Gurken zu sortieren.»

Wer hätte das gedacht: Die Zeiten des Social Distancing führen auch Menschen zusammen.

1 Kommentar
    Mark Bronson

    Gute Sache der Spieler.Warum andere Vereine,Sportler in dieser Zeit nicht sozial aktiver werden entbehrt jeder Kenntnis.Manche stellen lieber Kochvorführungen oder pensionierte Fußballer ins Netz die Propagandareden erzählen.Jedem Seins