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Ungemach in der TemporärbrancheHappige Vorwürfe gegen Swissstaffing

Beim Verband der Personaldienstleister sollen unerlaubterweise Gelder für die Finanzierung des Rechtsdiensts abgezweigt worden sein. Diesen nutzen ausschliesslich Arbeitgeber, während die Gelder hauptsächlich aus Arbeitnehmerbeiträgen stammen.

Sollte sich der Verdacht der Veruntreuung bei Swissstaffing erhärten, wären davon auch Temporärangestellte betroffen. Die Deliktsumme soll mehrheitlich aus Lohnabgaben stammen. Temporärbeschäftigte auf dem Bau.
Sollte sich der Verdacht der Veruntreuung bei Swissstaffing erhärten, wären davon auch Temporärangestellte betroffen. Die Deliktsumme soll mehrheitlich aus Lohnabgaben stammen. Temporärbeschäftigte auf dem Bau.
Christoph Söder / Keystone
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Es sind happige Vorwürfe, die ein ehemaliger Mitarbeiter* des Rechtsdienstes von Swissstaffing erhebt: Es bestehe der «dringende Tatverdacht», dass frühere und amtierende Kader des Verbands der Personaldienstleister Gelder veruntreut haben. Der ehemalige Angestellte schaltet deshalb die Justiz ein: Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft hat er per 24. Juni eine Strafanzeige eingereicht. Die Behörde bestätigt den Eingang der Anzeige.

Konkret soll Swissstaffing seinen Rechtsdienst über die Gelder einer externen Geschäftsstelle mitfinanziert haben. Das ist deshalb brisant, weil diese Geschäftsstelle hauptsächlich durch Beiträge von Arbeitnehmern gespeist worden ist.

Die Querfinanzierung habe stattgefunden, «um eigenes Verbandsvermögen zu sparen», sagt der Anzeigeerstatter. «Inwiefern sich die Akteure dadurch selbst durch hohe Gehälter bereichert haben, entzieht sich aber meiner Kenntnis», ergänzt er.

Den insgesamt vier angezeigten Personen wird vorgeworfen, bei der Veruntreuung entweder aktiv beteiligt gewesen zu sein, mitgeholfen zu haben oder von den Vorgängen gewusst haben.

So sollen die Gelder geflossen sein

Interne Dokumente, Protokolle und E-Mails, die der Redaktion Tamedia vorliegen, geben Hinweise darauf, wie die Gelder verschoben wurden. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Verein «Paritätischer Vollzug, Weiterbildung und Sozialfonds für den Personalverleih» (PVP). Er ist von den Sozialpartnern der Temporärbranche geschaffen worden, um den korrekten Vollzug des Gesamtarbeitsvertrags Personalverleih zu gewährleisten.

Das Abkommen regelt nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern auch die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Dem Gesamtarbeitsvertrag sind über achthundert Unternehmen unterstellt, die zusammen 365’000 Mitarbeiter beschäftigen.

Dem PVP angegliedert und durch Swissstaffing geführt ist als externe Geschäftsstelle die Rekurskommission des Gesamtarbeitsvertrages Personalverleih. Unternehmen, die dem Abkommen unterstellt sind, können bei der Rekurskommission Entscheide von Lohnbuchkontrollen anfechten.

Bei einer Lohnbuchkontrolle wird geprüft, ob sich ein Betrieb an den Gesamtarbeitsvertrag hält. Dabei können Verstösse festgestellt und Strafen sowie Nachzahlungen an die Arbeitnehmer verhängt werden.

Der ehemalige Mitarbeiter wirft Swissstaffing vor, Gelder für den Betrieb der Rekurskommission abgezweigt zu haben, um den Rechtsdienst des Branchenverbands mitzufinanzieren. Die entsprechenden finanziellen Mittel für die Rekurskommission spricht der PVP.

Die Querfinanzierung möglich gemacht hat gemäss Strafanzeige der Umstand, dass der Rechtsdienst von Swissstaffing mit der Geschäftsstelle der Rekurskommission organisatorisch und personell verwoben worden sei.

«Ich habe die Verantwortlichen bereits 2017 auf die Unregelmässigkeiten aufmerksam gemacht.»

Ehemaliger Mitarbeiter von Swissstaffing

Er habe die Verantwortlichen des Verbands bereits 2017 auf die Unregelmässigkeiten aufmerksam gemacht, sagt der ehemalige Mitarbeiter. Damals hätten die Vorstandsgremien von PVP und Swissstaffing korrigierende Abrechnungen beschlossen, doch seien diese Beschlüsse «höchstwahrscheinlich missachtet» worden.

Der ehemalige Mitarbeiter war bis Februar 2020 auch Vizepräsident der Rekurskommission. Er gehe davon aus, dass die Vorgänge «sicher von 2015 bis dato» stattgefunden hätten. Für diesen Zeitraum hat er eine Deliktsumme von schätzungsweise 2,1 Millionen Franken berechnet.

Geld stammt wohl aus Berufsbeiträgen

Das Geld stammt mehrheitlich aus Berufsbeiträgen von Arbeitnehmern. Hingegen erbringt der Rechtsdienst von Swissstaffing Beratungen und andere Dienstleistungen ausschliesslich für Arbeitgeber. Der PVP finanziert sich nämlich über ein monatliches Lohnprozent, wovon die Arbeitnehmer einen Anteil von 0,7 und die Arbeitgeber nur 0,3 Prozent zu tragen haben.

Swissstaffing habe keine Kenntnis von einer Strafanzeige gegen Mitarbeiter des Verbandes, sagt eine Verbandssprecherin. «Sollte eine solche Anzeige Swissstaffing zur Kenntnis gebracht werden, dann würde der Verband diesem Sachverhalt umgehend nachgehen.» Swissstaffing sind vierhundert Mitglieder angeschlossen, darunter zahlreiche Filialen von Adecco, Manpower und Randstad.

Für die angezeigten Personen gilt die Unschuldsvermutung, solange sie nicht rechtmässig verurteilt worden sind. Auf Veruntreuung steht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahre oder eine Geldstrafe.

*Name der Redaktion bekannt