Zum Hauptinhalt springen

Verwahrloste BahnhöfeHier sind Zürichs Pendler sich selbst überlassen

Passagiere auf den Gleisen, Perrons ohne Dächer: Diese Haltestellen im Kanton Zürich wirken desolat, die Infrastruktur hinkt Jahre hinterher. Die SBB wiegeln ab.

Ab über die Schienen: Szene am Bahnhof Pfungen bei Winterthur nach der Ankunft einer S-Bahn.
Ab über die Schienen: Szene am Bahnhof Pfungen bei Winterthur nach der Ankunft einer S-Bahn.
Foto: Thomas Egli 

Sie staksen über die Gleise, um zum Zug zu gelangen – eine Unterführung fehlt. In den Zug geht es über provisorische Metallpodeste – die Perronkanten sind nicht erhöht. Eine Frau hievt einen Kinderwagen aus dem Zug – es gelingt mithilfe von Mitreisenden. Schutzdächer auf den Mittelperrons fehlen, bei Regen müssen Reisende unter dem schmalen Bahnhofvordach warten. Wer aufs Postauto umsteigen will, sucht vor der Bushaltestelle vergeblich ein Schutzdach.

Willkommen am SBB-Bahnhof Embrach-Rorbas, einer Haltestelle der S-Bahn-Linie 41 von Winterthur nach Bülach. Genauso veraltet ist die Infrastruktur an drei weiteren Stationen dieser Linie: Pfungen, Winterthur-Wüflingen und Winterthur-Töss. Auch dort gibt es keine Dächer auf den Mittelperrons, von Unterführungen ganz zu schweigen, und die Perrons sind teils mit provisorischen Einsteigehilfen versehen.

Die Zustände auf diesen vier Zürcher S-Bahnhöfen haben kürzlich auch das Schweizer Eisenbahn-Forum fokus-oev-schweiz aufgeschreckt.

Kritiker: «Verwahrloster Zustand»

Auf der Plattform wird der «verwahrloste Zustand» dieser rege frequentierten Umsteigebahnhöfe im Kanton Zürich kritisiert – und mit Fotos veranschaulicht. «Bilder aus dem Armenhaus», ist der Beitrag überschrieben.

Verfasst hat ihn der ÖV-Beobachter Ernst Rota aus Zürich, ein 69-jähriger Betriebswirtschafter, der sich seit Jahren mit Verkehrsfragen im In- und Ausland befasst. «Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Bilder tatsächlich neueren Datums sind und aus der Schweiz stammen», sagt Rota. Die Infrastruktur auf den vier Bahnhöfen des ZVV habe sich seit rund 30 Jahren kaum verändert.

Keiner der vier Bahnhöfe entspreche den Normen des Behindertengleichstellungsgesetzes. Wenn ein Zug so zu halten komme, dass Türen über dem Durchgang liegen, müsse beim Ein- und Aussteigen ein Höhenunterschied von über fünfzig Zentimetern bewältigt werden. «Ohne fremde Hilfe kann eine Mutter ihren Kinderwagen an keinem Bahnhof in den Zug ein- oder ausladen.»

«Im benachbarten Ausland sind die Standards höher», sagt ÖV-Kenner Ernst Rota vom Eisenbahn-Forum fokus-oev-schweiz.
«Im benachbarten Ausland sind die Standards höher», sagt ÖV-Kenner Ernst Rota vom Eisenbahn-Forum fokus-oev-schweiz.
Foto: Thomas Egli 

Solche Zustände seien nicht dazu angetan, die Begeisterung für den öffentlichen Verkehr zu fördern, glaubt Ernst Rota. «Bei solchen Voraussetzungen benützen nur Reisende ohne Alternativen die Eisenbahn. Vom Anreiz zum Umsteigen auf die Bahn keine Spur!»

«An der Goldküste undenkbar»

Der Bahn-Kenner ortet eines der Probleme darin, dass die Qualität – und lange auch die Quantität – der Erschliessung mit dem ÖV stark vom Wohlstandsniveau in den entsprechenden Gebieten abhänge. «Zustände wie zwischen Bülach und Winterthur wären an der Goldküste undenkbar.»

Dass es auch anders geht, zeigten Bahnhöfe im benachbarten Ausland, etwa in Österreich, wo man selbst auf Nebenlinien auf höhere Standards als auf den Bahnhöfen in der Metropolitanregion Zürich treffe.

Im ZVV-Netz gibt es laut Rota noch weitere Sorgen-Bahnhöfe. So etwa Ossingen oder die SZU-Stationen Brunau und Manegg wegen der problematischen Erreichbarkeit der Perrons. Auch Wipkingen mit den veralteten Perrons sei «für einen Stadtbahnhof eigentlich unhaltbar».

Zuständig für die Bahnhöfe sind die SBB. Sie wiegeln ab. Die Bahninfrastruktur an den vier Bahnhöfen der S41 «entspricht den gültigen Normen und Gesetzen», sagt Sprecher Oli Dischoe. Bei Bahnhöfen, bei denen Gleise gequert werden müssen, gebe es Vorgaben, wie die Perrons und Sicherungsanlagen ausgestaltet sein müssen.

Flanieren auf den Gleisen: Passagiere auf dem Bahnhof Embrach-Rorbas mit seiner veralteten Infrastruktur.
Flanieren auf den Gleisen: Passagiere auf dem Bahnhof Embrach-Rorbas mit seiner veralteten Infrastruktur.
Foto: Thomas Egli 

Aber auch den SBB ist klar, dass es auf den vier Bahnhöfen auf Dauer so nicht weitergehen kann. «In den kommenden Jahren ist an allen vier Bahnhöfen ein Umbau geplant», sagt Dischoe.

Der Umbau erfolgt im Rahmen der geplanten landesweiten Modernisierung der Bahnhöfe, die künftig dem Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) entsprechen sollen. «Tendenziell werden Bahnhöfe mit vielen Reisenden zuerst umgebaut», sagt Dischoe. Der Umbau in Winterthur-Wülflingen soll Ende 2022 abgeschlossen sein, jener in Pfungen und Embrach-Rorbas Ende 2023. Die Bauzeit beträgt jeweils rund ein Jahr.

Erneuerung kostet 14 bis 19 Millionen

Die Kosten für die Erneuerung belaufen sich auf 15 Millionen Franken in Winterthur-Wülflingen, auf 19 Millionen in Pfungen und auf 14 Millionen in Embrach-Rorbas.

Doch warum haben die SBB nicht schon längst gehandelt? «Insgesamt werden schweizweit mehrere hundert Bahnhöfe umgebaut, das ist nur gestaffelt möglich», sagt der SBB-Sprecher. Aufgrund ihrer Komplexität gehe den Realisierungen zudem teilweise eine lange interne Projektierungsphase voraus.

Warten auf die S41: Bahnkundin am Bahnhof Embrach-Rorbas. Auf den Perrons hat es provisorische Einstiegshilfen.
Warten auf die S41: Bahnkundin am Bahnhof Embrach-Rorbas. Auf den Perrons hat es provisorische Einstiegshilfen.
Foto: Thomas Egli

Für den Zürcher Verkehrsverbund wäre es «natürlich begrüssenswert, wenn diese Bahnhöfe bereits heute den Behindertengleichstellungsgesetz-Anforderungen entsprechen würden», sagt Sprecher Stefan Kaufmann. Man habe aber Verständnis dafür, dass nicht alles auf einmal realisiert werden könne.

Länger gedulden müssen sich Bahnpassagiere in Töss. Dort ist erst 2026 mit einem Umbau zu rechnen. «Die SBB und das Bundesamt für Verkehr gehen verantwortungsvoll mit finanziellen Mitteln um», sagt Dischoe. Deshalb werde die Erneuerung dort gleichzeitig mit den Bauten für den geplanten Brüttenertunnel realisiert.

Desolat – oder idyllisch?

Die Stadt Winterthur erarbeitet für die Bahnhöfe Töss und Wülflingen derzeit einen Masterplan. Die Erkenntnisse daraus sollen in die Projektierung der SBB für den Bahnhofsumbau einfliessen, wie Baudepartementssekretär Lukas Mischler sagt. Es gehe auch um das städtebauliche und räumliche Potenzial dieser etwas verschlafenen Quartierbahnhöfe. Vor allem in Töss habe sich ein reges Quartierleben um den Bahnhof entwickelt.

«Es ist auch eine Frage der Sichtweise», gibt Mischler zu bedenken. «Für die einen mag es sich um Bilder aus dem Armenhaus handeln, für andere sind diese Provinzbahnhöfe idyllische Oasen der Bahngeschichte inmitten dynamischer Stadtentwicklung.»

Wie aus der Zeit gefallen: Der Bahnhof Pfungen, den die SBB bis Ende 2023 für 19 Millionen Franken erneuern wollen.
Wie aus der Zeit gefallen: Der Bahnhof Pfungen, den die SBB bis Ende 2023 für 19 Millionen Franken erneuern wollen.
Foto: Thomas Egli

In Pfungen ist man einfach froh, dass die SBB bis 2023 beim Bahnhof eine Unterführung bauen, wie Gemeindeschreiber Stephan Brügel sagt. Auch die Gemeinde beteiligt sich an der Bahnhofaufwertung, vergangene Woche hat die Gemeindeversammlung dafür 800’000 Franken bewilligt.

Auch die Gemeinde Embrach ist erleichtert, dass die Schwachpunkte am Bahnhof endlich behoben werden. Laut Gemeindeschreiber Daniel von Büren gab es aus der Bevölkerung allerdings lediglich vereinzelt Reklamationen. Und dies weniger wegen der veralteten Infrastruktur als wegen der Wartezeiten beim Anschluss der Busse an die S-Bahn.

52 Kommentare
    F Artho

    Die Bahnhöfe Lottstetten und Jestetten wurden von den SBB gebaut und finanziert, so wie es im Rahmen der Anpassung an das Behindertengleichstellungsgesetz vorgesehen ist. Hat also herzlich wenig mit dem Engagement der DB zu tun.