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ZUgespitztHinter der Windschutzscheibe
ist die Welt eine andere

In der Kolumne «ZUgespitzt» greifen Redaktorinnen Themen aus dem Unterländer Alltag auf.

Andrea Söldi, feste Redaktionsmitarbeiterin und freie Journalistin.
Andrea Söldi, feste Redaktionsmitarbeiterin und freie Journalistin.
Foto: Johanna Bossart

Das Auto war für mich noch nie eine Herzenssache. Dass ich überhaupt im Besitz eines Fahrausweises bin, habe ich meinen Eltern zu verdanken. Sie waren der Ansicht, dass Autofahren einfach zu den Kulturtechniken gehöre. Doch in den letzten 30 Jahren habe ich das mühsam Erlernte nur selten gebraucht. Mit dem Velo, Zug, Bus oder zu Fuss komme ich fast überall hin. Nur hin und wieder, wenn ich arbeitshalber im Unterland unterwegs bin, benütze ich das Redaktionsauto.

Letzte Woche war es wieder mal so weit. Etwas angespannt setzte ich mich hinter das Steuer und lenkte den Kleinwagen aus der Tiefgarage. Zuerst fühlte es sich etwas unsicher an. Doch bereits nach einigen Kilometern begann die Sache sogar ein wenig Spass zu machen: Ein sanfter Druck auf das Gaspedal, und schon zeigt der Tacho 50, 60 oder 80 Stundenkilometer an. Phänomenal, wie der Motor auch steile Steigungen mühelos bewältigt! Für Routineautofahrer ist dies alles natürlich eine Selbstverständlichkeit.

Doch bereits nach einigen Kilometern begann die Sache ein wenig Spass zu machen.»

Mir hingegen wurde bewusst, wie anders man die Welt hinter der Windschutzscheibe wahrnimmt. Bin ich zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs, ärgere ich mich ständig über den motorisierten Verkehr: der Lärm, die Abgase, der Platzanspruch, die Gefährdung schwächerer Verkehrsteilnehmender. Die Ungeduld und Arroganz vieler Autofahrender, die scheinbar Fussgängerinnen und Velofahrende nur als lästige Hindernisse wahrnehmen.

Immer wieder wundere ich mich auch, dass unsere Gesellschaft bereit ist, dem täglichen Wahnsinn so viel Lebensqualität zu opfern: Wie viele schöne Wohnquartiere werden durch vorbeibrausende Lastwagen und Privatautos unattraktiv. Und wieso lassen wir es zu, dass ein einziger Motorradfahrer, nur, um seinen eigenen Körper zu bewegen, Hunderte Menschen beschallt? Von den Klimaschäden gar nicht zu reden…

Doch wie erwähnt: Sobald man selber hinter dem Steuer sitzt, vergisst man das alles gerne ein wenig. Die anderen Autos nimmt man jetzt kaum mehr wahr, solange der Verkehr flüssig läuft. Man befindet sich in seiner eigenen, abgeschotteten Welt, lässt sich vielleicht von der Musik ein wenig einlullen… Für meine Nerven wäre es wahrscheinlich besser, ich würde öfter in ein Auto steigen.