Horgen

Kesb-Fall: Freispruch für Ehefrau und Tochter

Das Bezirksgericht Horgen hat eine 81-jährige Frau und deren Tochter heute vom Vorwurf der Entführung freigesprochen. Ein grotesk anmutender Kesb-Fall kommt damit zu einem Ende.

Das Horgner Bezirksgericht hat für die Angeklagten entschieden – und gegen Staatsanwaltschaft und Kesb.

Das Horgner Bezirksgericht hat für die Angeklagten entschieden – und gegen Staatsanwaltschaft und Kesb. Bild: Keystone

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Mit einem Seufzer fielen sich Mutter und Tochter in die Arme, nachdem Gerichtspräsident Reto Nadig das Urteil gesprochen hatte. Freispruch vom Vorwurf, den eigenen Ehemann und Vater entführt zu haben. Fast meinte man zu sehen, dass ein Lächeln die Lippen des Horgner Gerichtspräsidenten umspielte.

Doch selbstverständlich urteilten die Bezirksrichter streng neutral. So stellte Nadig klar, dass die beiden Frauen sehr wohl gegen einen Entscheid der Kesb verstossen haben. Dies spiele aber nur zivilrechtlich, nicht strafrechtlich eine Rolle. Zudem kritisierte der Gerichtspräsident die unkooperative Haltung der beiden Frauen. Sowohl gegenüber der Kesb, als auch in der Strafuntersuchung.

Tiefgehende Konsequenzen

Was am Ende der Verhandlung bleibt, sind die Freisprüche. Eine grosse Erleichterung für die Schweizerinnen. Jahrelang dauerte die Untersuchung gegen sie, die Ungewissheit sei sehr belastend gewesen. Schlafstörungen und Depressionen begleiteten die Untersuchung. Bei Nachbarn und Bekannten gingen böse Gerüchte um. Die Hausdurchsuchungen in Thalwil wurden nicht gerade unaufällig durchgeführt. «Ich konnte nie richtig um meinen Mann trauern», sagte die 81-jährige Ehefrau.

Sie wirft der Kesb vor, dafür verantwortlich zu sein. Statt einer ausufernden Strafuntersuchung Hand zu bieten hätte die Behörde das Verfahren rasch stoppen können, so der Vorwurf.

Denn für den Freispruch zentral ist ein Dokument das Mutter, Vater und Tochter 2008 beim Notariat Thalwil aufgesetzt hatten. Mit dieser Generalvollmacht überliessen die Familienmitglieder den Angehörigen die Entscheidung, was im Fall einer Demenz zu tun ist. Die Kesb wusste davon und versuchte abzuklären, ob der Mann zum damaligen Zeitpunkt noch klar im Kopf war. Dazu kam es nicht, auch weil die Tochter beim Bezirksrat eine Beschwerde gegen die psychiatrische Untersuchung ihres Vaters einreichte. Als dieser in einem Spital in Kroatien verstarb, war die Untersuchung nicht beendet.

Kesb musste untersuchen

Zwar betonte der Gerichtspräsident, dass die Kesb das Richtige tat, als sie die Umstände untersuchte. Schliesslich lag eine Gefährdungsmeldung vor. Doch es konnte nicht erhärtet werden, dass der alte Mann beim Unterschreiben nicht mehr urteilsfähig war. Entsprechend gelte, was im Dokument steht, fasste Nadig zusammen. Es gehe um den Schutz des Menschen. Der Wille der Behörde müsse in diesem Fall hinten anstehen.

Ganz ohne Folgen bleibt der Richterspruch für Mutter und Tochter nicht. Sie müssen die Hälfte der Kosten des teuren Strafverfahrens übernehmen. Dies weil sie gegen die Verfügung der Kesb verstossen haben.

Allerdings müssen sie nicht die ganzen Verfahrenskosten übernehmen, weil die Strafuntersuchung gemäss dem Gerichtspräsidenten übertrieben war. So wurden die Telefone der beiden Frauen wochenlang abgehört. Wegen der unverhältnismässigen Untersuchung sprach das Gericht den Beschuldigten je 3000 Franken Genugtuung zu. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und könnte von den Parteien ans Obergericht weitergezogen werden. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.10.2016, 16:22 Uhr

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