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Pessimisten aus PrinzipIhre Welt ist nicht mehr zu retten

Im Schatten der kämpferischen Klimajugend lungern die sogenannten Doomer im Netz und klagen einander die Apokalypse vor. Und wenn sie recht haben?

Die Stimmung ist düster, die Haltung pessimistisch, das Verhalten resigniert. Die Doomer.
Die Stimmung ist düster, die Haltung pessimistisch, das Verhalten resigniert. Die Doomer.
Foto: Getty

Die Klimajugend kämpft im Glauben an eine Verbesserung der Welt. Und ist, wie ihr Auftritt auf dem Bundesplatz von letzter Woche gezeigt hat, gut organisiert. Zudem wird ihre Stimme gehört, wenn auch noch ohne messbare Folgen.

Dass der Protest ohne Folgen bleiben wird: Davon sind die Doomer überzeugt, wie sich die lose, zahlenmässig nicht zu beziffernde Gruppe von Untergängern nennt. Diese Verhängnisvollen gehen davon aus, dass der Weltuntergang nicht aufzuhalten ist und die Menschheit sich selber auslöschen wird. Ihre Stimmung ist düster, ihre Haltung pessimistisch, ihr Verhalten resigniert. Der Politik haben sie nie getraut, an den Protest glauben sie nicht. Die Klimajugend schaut nach vorne, die Doomer schauen nach innen; und dort ist es immer dunkel.

Die klagenden Stimmen solcher Pessimisten wehen durchs Netz.

Sie zählen zur Generation Z, sind um die Mitte der Neunzigerjahre geboren und heute um die 25 Jahre alt; sie werden also noch erleben, was sie befürchten. Anders als die Verschwörungstheoretiker nehmen sie die Realität als die schlimmste Verschwörung von allen wahr. Anders als die Prepper häufen sie keine Nahrungsmittel an oder bauen sich Bunker – wozu auch? Anders als die Klimaaktivisten organisieren sie sich nicht als Bewegung, denn dann würden sie ihre eigene Überzeugung verraten, dass es nämlich nichts bringt, sich einzusetzen.

Die klagenden Stimmen solcher Pessimisten wehen durchs Netz. Wer in den Blogs und Tweets herumliest, welche die Doomer hinterlassen, fragt sich unweigerlich, ab wann sich die Resignation in der Depression erschöpft und wo der Nihilismus sich im Selbstmitleid auflöst. Einzelne der Bedrückten versuchen sich mit der Philosophie zu trösten, andere stellen traurige Musik ins Netz, dunkle Kurzfilme, schattenhafte Bilder. Der eigene Schmerz scheint die Angst vor dem Untergang der ganzen Welt zu inspirieren. Die Unterkategorien der Site reddit/r/doomer tragen Titel wie Kollaps, Überbevölkerung, urbane Hölle, Dystopie, Depression oder Suizid.

Wie lässt sich die Hoffnung begründen, die Welt sei vor den Menschen noch zu retten?

«Die Doomer hassen die Menschheit», schreibt einer von ihnen, Michael Roy, in seinem Blog. «Sie suchen die Absonderung und fühlen sich zugleich einsam.» Das Netz verstärke die schlechten Nachrichten. Und ihre hoffnungslose Reaktion darauf.

Aber haben die jungen Pessimisten nicht recht? Wie lässt sich die Hoffnung begründen, die Welt sei vor den Menschen noch zu retten? Die USA haben das Pariser Klimaabkommen aufgekündet. Ihr Präsident kommentiert die Flächenbrände der Westküste mit dem Satz, es werde dann schon kühler. Von Umweltschutz und Klimaerwärmung hält er nichts, von der Wissenschaft gar nichts.

Längst hat sich das Problem globalisiert. Vielen indischen Städten wird in ein paar Jahren das Grundwasser ausgehen, Plastikmeere schwimmen auf den Ozeanen, in Afrika häufen sich hochgiftige Müllhalden, der Meeresanstieg versalzt die Flüsse, die Luftverschmutzung in Städten der Dritten Welt ist tödlich. Dem Westen drohen Klimaflüchtlinge in mehrfacher Millionenzahl. Was immer man gegen diese Abwärtsspirale unternehmen will, es ist zu wenig und kommt zu spät.

Die Apathie der Doomer ersetzt das Handeln der Klimaaktivisten mit der Kapitulation von Hoffnungslosen.

So sehen die Hoffnungslosen die Zukunft der Welt: als noch destruktivere Variante der Gegenwart. Vor einem Jahr hat ihnen der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen im «New Yorker» recht gegeben mit einem Artikel, der intensive Reaktionen auslöste. Franzen hält die Handlungsfreude der Umweltbewussten für gefährlich, da naiv. Der ökologische Aktionismus, argumentiert er, lenke bloss vom Zustand der Erde ab. Und von der Befürchtung, die immer mehr Wissenschaftler formulieren: dass ihre Prognosen viel zu milde sind. Weil sich Umweltkatastrophen exponentiell ausweiten, werden sich auch ihre Folgen beschleunigen. Nichts zu machen, hält er trotzdem für keine Option.

Das sehen die Doomer anders. Die ölfleckig schillernde Ironie ihrer Haltung: Sie ist mit jener der Klimaleugner voll kompatibel, die ebenfalls keinen Anlass dazu sehen, wirksam gegen Umweltverschmutzung und Welterwärmung vorzugehen. Die Apathie der Doomer ersetzt das Handeln der Klimaaktivisten mit der Kapitulation von Hoffnungslosen. Und beschleunigt damit die Entwicklung, vor der sie sich am meisten fürchten.


40 Kommentare
    Alex Vorburger

    Es braucht schon sehr viel Idealismus, um aufbauenden Optimismus zu entwickeln in Anbetracht dessen, wie Corona unübersehbar die rücksichtslosesten Menschen an die Oberfläche einer Überflussgesellschaft spült. Da fordern z.B. Partygänger trotzig drohend ihren Spass ein einfach in der Meinung, das sei die einzig menschenwürdige Form sozialer Kontaktpflege; oder 10% der Bevölkerung kultivieren in ihrer masslosen Gier weiterhin eine pervertierte Finanzverteilung, die eine wesentliche Ursache für die wirtschaftlichen Coronafolgen ist - dies unterstützt durch jene, die bewusst ihre Totalignoranz zur Vollblüte gegenüber simplen Zusammenhängen treiben wie z.B. 10% Bürger mit 75% (sehr viel) Volksvermögen = 90% mit 25% (wenig) Volksvermögen oder Lockerungsmassnahmen/Positivitätsrate; und wieder andere beginnen den Wert von Menschenleben und -sterben gegeneinander aufzurechnen als handelte es sich um Coladosen und offenbaren damit eine schlicht widerwärtige Selbstüberschätzung und einen vollständigen Mangel an Empathie.

    Und allen gemeinsam ist ihr umfassender Egoismus und ebenso umfassender Unwille zu einem Minimum an Rücksichtnahme auf andere sowie vollkommene Blindheit gegenüber der simplen Einsicht, dass Rücksicht und Mitverantwortung nicht einfach Freiheitsberaubung sind, sondern schlicht die Grundlage eines menschenwürdigen Zusammenlebens, das halt nicht nur die eigenen Bedürfnisse beinhaltet.