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Kommentar zu virtuellen GesprächenEs gibt nur eine Lösung: Die Videofunktion ausschalten

Am Anfang waren Videocalls ganz lustig. Jetzt reicht es allmählich. Es ist Zeit, die Kameras auszuschalten

Neue Geselligkeit: Mit Beginn des Lockdown holten wir virtuell die Leute zu uns nach Hause, die uns lieb sind.
Neue Geselligkeit: Mit Beginn des Lockdown holten wir virtuell die Leute zu uns nach Hause, die uns lieb sind.
 Foto: Yuri Kochetkov (Keystone)

Jede Krise hat ihr Antlitz, und Corona hat noch ein paar mehr. Zu Spitzenzeiten blickten einem vom Display des Handys zehn Gesichter entgegen, und ständig war da leider auch das eigene.

Mit Beginn des Lockdown war das eine naheliegende Ersatzmassnahme. Wir holten virtuell die Leute zu uns nach Hause, die uns lieb sind und die wir weiterhin sehen wollen. Wir sammelten uns in Chats und Apps in Gruppen, spielten zusammen Spiele, trugen Beautymasken auf, kochten gleichzeitig, tranken viel und beobachteten uns währenddessen gegenseitig. Oft war das lustig. Noch öfter führte es uns die eigene Ungelenkheit vor.

Wie soll man in diesem virtuellen Raum wissen, wann man sprechen kann? Wie kann man jeden und jede ins Gespräch einbeziehen, ohne zu wirken, als würde man sie abfragen wie der Vorgesetzte an der Sitzung? Und funktioniert Humor in solchen Runden?

Es gibt nur eine Lösung

Schlechte Internetverbindungen, getrübte Kameralinsen und Verzögerungen stören das zwischenmenschliche Gespür, das reale Gespräche zu gelingenden macht. Das Ergebnis ist häufig, dass nach ein paar Minuten die ganze Runde verstummt und jeder überlegt, wie er sich aus dieser Situation elegant herausnehmen könnte.

Es gibt wahrscheinlich nur eine Lösung: Die Videofunktion ausschalten. Wir haben uns nun wochenlang gegenseitig versichert, dass wir keine sphärischen Wesen geworden sind, sondern weiterhin als Menschen existieren – dass wir immer noch Augen haben, Lippen und eine Stirn, die sich hin und wieder zweifelnd kräuselt.

Darum geht es in einem Gespräch: dass man sich selber vergisst.

Jetzt können wir uns wieder allein auf die Stimme der anderen verlassen. Das erlaubt uns, unbeobachtet mit den Augen zu rollen oder nebenbei Dinge zu tun, die keiner sehen soll.

Vor allem erscheint man selber nicht mehr als Gesicht auf dem eigenen Display. Und darum geht es in einem Gespräch eigentlich: dass man sich selber vergisst.