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Sexuelle Gewalt bei KindernJe schwerer das Trauma, desto unglaubwürdiger das Opfer

Werner Tschan, Facharzt für Psychiatrie, hat sich mit dem umstrittenen Kinderschutz-Fall Nathalie vertieft befasst: Er erklärt, weshalb die Behörden einem kleinen Kind kaum Glauben schenken.

Werner Tschan, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, engagiert sich seit 36 Jahren für die Gewaltprävention.
Werner Tschan, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, engagiert sich seit 36 Jahren für die Gewaltprävention.
Foto: Adrian Moser

Der Fall des heute 9-jährigen Mädchens Nathalie, das von seinem Vater sexuell missbraucht worden sein soll, hat schweizweit Aufsehen erregt. Im Kanton Solothurn läuft dazu ein Strafverfahren mit offenem Ausgang. Beim Kindesschutz-Fall geht es um Vorwürfe zu mehrfachen sexuellen Handlungen, Vergewaltigung und Nötigung sowie Pornografie und Drohung. Und es geht um die Frage, wie alt ein Kind sein muss, damit man seinen Aussagen trauen kann.

Werner Tschan, Sie beschäftigen sich in Ihrer Praxis immer wieder mit Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben und schwer traumatisiert sind. Wie häufig kommt das vor?

Patienten vertrauen mir Dinge an, die sie anderswo nie erzählen würden. So habe ich Einblick in Strukturen in der Schweiz erhalten. Es ist ein grosses Dunkelfeld. Allgemein lässt sich sagen, dass nur 6 bis 7 Prozent der Betroffenen eine Aussage machen und sich an Behörden wenden. Die Grösse des Dunkelfeldes liegt also bei über 90 Prozent. Was bekannt wird, ist dann derart erschütternd, dass man geneigt ist, zu sagen: Das kann doch nicht sein. Man glaubt in der Folge den Opfern wenig. Frankreich erfährt zurzeit eine breite Debatte nach den Anschuldigungen gegen einen prominenten französischen Wissenschaftler, der seine Stieftochter missbraucht haben soll. Viele Fälle sind im Sportbereich bekannt geworden und werden jetzt thematisiert. Im Moment wird davon gesprochen, dass über 10 Prozent der Kinder sexualisierte Gewalt innerhalb der Familie erleben. Die Zahlen dürften in der Schweiz wohl ähnlich hoch sein.

Mutmassliche Opfer erzählen erst Jahre später über ihre Erlebnisse. Das macht die Strafverfolgung schwierig, und man zweifelt an der Glaubwürdigkeit.

Richtig. Viele Opfer sexualisierter Gewalt beginnen erst im fortgeschrittenen Alter über Traumata zu sprechen. Die Hälfte aller Opfer braucht 40 Jahre oder länger, bis sie sich jemandem anvertrauen. Dem muss man in der Strafverfolgung nur Rechnung tragen – schon wegen der Verjährungsfrist. Es gibt viele Opfer, die das Leid über Jahre mit sich tragen.

Sie haben sich mit dem Fall Nathalie aus Dornach beschäftigt. Ist es ein Ausnahmefall, dass ein Mädchen derart früh Aussagen macht?

Nein, das gibt es immer wieder. In Deutschland führten Aussagen von Kindern in den vergangenen drei Jahren zu mehreren Ermittlungen, wegen vergleichbarer Aussagen, wie sie Nathalie machte. Eine dieser laufenden Ermittlungen findet derzeit im Raum Bergisch-Gladbach statt, wo man aufgrund der Aussagen einer Neunjährigen auf ein Täternetzwerk von 30’000 Personen gestossen ist.

Im Fall Nathalie verlangen die Strafverfolgungsbehörden ein Glaubwürdigkeitsgutachten. Das zeigt, dass man den Aussagen nicht traut. Darf man dem Kind glauben oder nicht?

Ich denke, ein sieben- bis achtjähriges Kind ist nicht in der Lage, über einen solch langen Zeitraum und in mehreren Interviews derart detaillierte Beschreibungen zu erfinden. Es liegen genügend Beweise und Hinweise vor, die belegen, dass Nathalie schlimme Dinge erlebt hat. Die entsprechenden psychischen Symptome sind vorhanden, Fachkräfte haben selber Tonaufnahmen mit ihren hinreichenden Aussagen erstellt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass nun eine Drittperson mit einem Glaubwürdigkeitsgutachten weiterführende Erkenntnisse gewinnen könnte.

Warum glaubt man Nathalie nicht?

Sie erzählt von unglaublichen Erlebnissen im Bereich ritueller Gewalt, die derart erschütternd sind, dass wir sie uns nicht vorstellen wollen. Der Reflex lautet: Wenn das so wäre, müsste es schon längst aufgeflogen sein. Ich muss auf die neusten Ermittlungen in Deutschland hinweisen: Sie zeigen, dass Täter jahrelang operieren konnten, bis man ihnen überhaupt auf die Schliche gekommen ist.

Was verstehen Sie unter ritueller Gewalt?

Es ist Gewalt, die Menschen in einem Netzwerk aus ideologischen oder aus religiösen Gründen gegenüber Opfern ausüben. Ich denke speziell an die kommerzielle sexuelle Ausbeutung, wo Kinder für die Pornoindustrie gefügig gemacht und ausgebeutet werden.

Was macht es schwierig, einem Kind zu glauben?

Unsere Fachleute und Strafverfolgungsbehörden tauschen zu wenig Wissen und Erfahrungen über die Täterstrategien aus. Diese sind so unfassbar. Aber wir wissen, dass sich Täter in Netzwerken über Vorgehensweisen absprechen. Gerade im Bereich der rituellen Gewalt gehen wir davon aus, dass die Opfer gekonnt präpariert werden – mit Gewaltdrohungen und dem gezielten Einsatz von Drogen. Man spricht von Mindcontrol und Programmierungen. Das führt bei den Opfern zu Persönlichkeitsspaltungen und dissoziativen Störungen. Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Vorkehrungen Täter treffen können, damit sie nicht von ihren Opfern belastet werden können.

Sie wollen wohl keine Anleitung dazu geben, aber wohin führen solche Programmierungen und die damit einhergehenden Erlebnisse?

Der Mensch schützt sich. Schlimme Dinge werden von der Persönlichkeit ferngehalten und verdrängt, damit es einen nicht zu stark belastet. Das führt dazu, dass sich die Persönlichkeitsanteile mit den traumatischen Erfahrungen von der Alltagsperson abspalten. Die Erlebnisse holen das Opfer dann heim – nach Jahren oder in entspannten Situationen. Sie tauchen wie Flashbacks auf, als ob es etwas Fremdes wäre. Oftmals glauben die Opfer im Alltag selber nicht daran, fallen aber zurück in Angst und Panik. Und niemand versteht es. Wenn das Opfer selber auf solche Zweifel stösst, wird das Chaos perfekt. Dann ist es wichtig, dass die Fachleute hinhören und nicht vorschnell in irgendeine Richtung urteilen. Man muss die Symptome, welche die Menschen haben, mit ihren Aussagen abgleichen.

Wie gehen die Strafverfolgungsbehörden damit um?

Die Justiz versteht es oft nicht, Opferreaktionen richtig einzuschätzen. Je schwerer die Opfer traumatisiert sind, desto unglaubwürdiger wirken sie. Die Widersprüchlichkeit von Menschen mit dissoziativen Störungen führt zu nicht eindeutigen und nicht justiziablen Aussagen.

Hinter den Zweifeln an der Glaubwürdigkeit von Nathalie steckt der unausgesprochene Vorwurf, die Mutter habe das Kind in einem Sorgerechtsstreit gegen den Vater instrumentalisiert. Was sagen Sie dazu?

Wir wissen, dass pädosexuelle Täter sich an Alleinerziehende heranmachen, damit sie unverdächtigen Zugang zu Kindern kriegen. Die Möglichkeit, dass sich jemand sogar legal in Form einer Ehe Zugang zu Kindern verschaffen will, ist eine Konstellation, die man in diesem Fall auch in Erwägung ziehen muss. Ähnliche Vorgänge sind uns schon unter dem Stichwort «Loverboy» bekannt, wo sich Täter eine Liebeskulisse aufbauen und die Opfer zu Prostitution zwingen und sie finanziell ausbeuten.

Wo sehen Sie die Notwendigkeit, etwas verändern zu müssen?

Vor allem in der Behandlungskette. Die Fachleute müssen vernetzt werden. Das ist bisher leider nicht geschehen. Jeder tendiert dazu, das Problem aus seiner Optik anzupacken. Weil dann das Wissen nicht ausgetauscht wird, entstehen Brüche in der Aufarbeitung der Delikte. Die Leidtragenden sind dann die Opfer.

Die Justiz versteht es oft nicht, Opferreaktionen richtig einzuschätzen. Je schwerer die Opfer traumatisiert sind, desto unglaubwürdiger wirken sie.

Werner Tschan, Facharzt für Psychiatrie

Wie ist das zu erreichen?

Wir können das nur erreichen, wenn man interdisziplinäre Fortbildung für alle Involvierten anbieten würde. Deutschland ist bereits einen Schritt weiter. Dort wird eine Änderung der Strafprozessordnung diskutiert: Wenn Opfer aussagen und die entsprechenden medizinischen Befunde – sowohl körperlich als auch psychologisch – vorhanden sind, soll den Opferaussagen ein höheres Gewicht beigemessen werden. Das wünsche ich mir auch für die Schweiz.

34 Kommentare
    Margrit Ryssel

    Im Bereich des sexuellen Missbrauchs geschehen Dinge, die sich ein normaler Mensch gar nicht vorzustellen vermag. Auch Babies und Kleinkinder unter 3 Jahren werden missbraucht. In meiner Zeit als Amtsvormündin habe ich zwei junge erwachsene Brüder betreut, bei denen ich die Vermutung hatte, dass sie im Baby-/Kleinkinderalter von ihrer alleinerziehenden Mutter sexuell missbraucht wurden. Der eine war stuhl- und blaseninkontinent und süchtig nach pornografischen Heftchen, der andere war Pyromane und zwangsneurotisch. Beide lebten in betreuten Wohnsituation, wobei der Stuhlinkontinente seine Betreuer deutlich überforderte und umplatziert werden musste.

    In einem anderen Fall, in den eine Arbeitskollegin von mir involviert war, hat ein Vater seine Tochter geschwängert. Das Kind kam geistig behindert zur Welt und wurde bei ihrer Grossmutter und Grossvater resp. Vater platziert während die Mutter des Kindes das Weite suchte. Das behinderte Mädchen wurde in der Folge von ihrem Vater/Grossvater jahrelang sexuell missbraucht. Solange bis die Betreuer an der geschützten Arbeitsstelle des Mädchens misstrauisch wurden und der Fall juristisch ins Rollen kam.

    Fazit: Im Bereich des sexuellen Missbrauch von Kinder gibt es Nichts was es nicht gibt.

    Ich bedaure die Mitarbeiter der Fedpol, die Tag für Tag kinderpornographische Aufnahmen sichten müssen. Ihnen gehört meine höchste Hochachtung!