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Interview mit Nachtkultur-Vertreter«Jeder dritte Club wird schlimmstenfalls nicht mehr öffnen»

Clubs und Bars werden die Letzen sein, die nach dem Lockdown wieder öffnen können. Mit jedem Monat werde es für sie schwieriger, sagt ihr Vertreter Max Reichen.

Max Reichen beim Gaskessel, er ist Geschäftsführer der Bar- und Clubkommission, am 15.4. 2020 in Bern. Foto: Raphael Moser / Tamedia AG
Max Reichen beim Gaskessel, er ist Geschäftsführer der Bar- und Clubkommission, am 15.4. 2020 in Bern. Foto: Raphael Moser / Tamedia AG
Tamedia AG

Herr Reichen, Bars und Clubs sind wohl die Letzten, die wieder öffnen dürfen. Wie lange halten sie durch?

Mit jedem Monat im Lockdown wird es für die Betriebe schwieriger, ihre Reserven gehen zur Neige. Aber fast noch wichtiger, als dass wir möglichst schnell wieder öffnen können, ist für uns Klarheit vor allem grosse Veranstalter müssen wissen, auf wann sie wieder Bands engagieren können.

Die Clubs können Kredite aufnehmen.

Kredite sind eine gute Sofortmassnahme, damit Bars und Clubs überleben können. Aber man muss eines sehen: Die meisten sind überlebensfähig, aber nicht rentabel. Die Margen sind tief, und viele können ihre Ausgaben nur knapp decken. Kultur ist ein riskantes Geschäft: Die Gagen für Bands und DJs sind hoch, und schon ein einziger schlechter Abend kann ein riesiges Loch in die Kasse reissen. Unter diesen Umständen ist es für sie schwierig, Kredite je wieder zurückzuzahlen. Die Ausfallsentschädigungen für die Kultur müssen ausgeweitet werden, sonst wird es für uns bitter.

Viele unserer Gäste suchen eine Partnerin oder einen Partner. Aber mit einer Maske kann man sich nur schlecht küssen.

Max Reichen

Was bedeutet das?

Es kommt nun darauf an, wann wir wieder öffnen können und in welchem Mass wir unterstützt werden. Im schlimmsten Fall wird jeder dritte Club nicht wieder öffnen können.

Sie können nun aber Kurzarbeitsentschädigung beantragen.

Als Betreiber oder Betreiberin erhalten sie 3320 Franken pro Monat. Das ist sehr wenig, um davon zu leben. Die Betriebe zahlen aber nicht nur Löhne, sondern auch Mietesie beläuft sich auf bis zu 30 Prozent eines Jahresbudgets –, grosse Clubs in den Städten zahlen bis zu 60’000 Franken Miete pro Monat. Wir wissen aber noch immer nicht, ob wir einmal die volle Miete bezahlen müssen. Gewerbe und Vermieter haben noch keine Lösung gefunden.

Viele Clubs helfen sich, indem sie auf Internetplattformen Geld sammeln und werden von ihren Gästen grosszügig unterstützt.

Unsere Branche ist ein Geschäft der Emotionen. Unsere Gäste können an Partys oder Konzerten den Alltag vergessen und erleben einen kurzen Moment, in dem die Welt für sie okay ist. Deshalb sind sie nun auch bereit, ihren Club zu unterstützen. Mit diesem Geld sichern die Clubs sich ab, damit sie nach der Krise wieder ein interessantes Programm gestalten können; das bedingt eine gewisse Risikofreudigkeit. Es kann aber nicht sein, dass wir mit unserem Ruf und unserem Netzwerk Geld beschaffen, um für grosse Immobilienkonzerne die Rendite zu sichern.

Wie müsste eine Lösung bei den Mieten für Sie aussehen?

Für uns ist wichtig, dass wir ein Zeichen erhalten, dass die Miete nicht vollumfänglich geschuldet ist. Wir müssen für jeden einzelnen Fall eine Lösung finden, nur so kann sie gerecht sein. Wir schlagen dafür eine Art Mängeltabelle vor, an der man sich orientieren kann. Aber wir sind nicht naiv wir wissen auch, dass die Immobilienbesitzer im Bundeshaus eine ungleich stärkere Lobby haben als wir.

Alle Branchen arbeiten nun an Schutzkonzepten. Wie sieht Ihres aus?

Wir machen uns Gedanken dazu, aber gerade in unseren Betrieben ist das nicht einfach. Theoretisch könnten Anwesenheitslisten dabei helfen, Ansteckungsketten nachverfolgen zu können. Aber gerade an einem Ort, wo die Leute sich gehen lassen wollen, möchten viele ihren Namen nicht in eine Liste eintragen. Unser Personal könnte vielleicht noch Masken tragen, aber bei unseren Gästen wird es schon schwieriger; viele suchen eine Partnerin oder einen Partneraber mit einer Maske kann man sich nur schlecht küssen.