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Report von UnicefJedes fünfte Kind droht zu verarmen

In der reichen Schweiz sind viele Kinder armutsgefährdet. Selbst in Ländern wie Tschechien oder Slowenien ist dieses Risiko kleiner.

Eine Mutter mit ihren Kindern bei einem Einkauf im Shoppingcenter Emmen (Symbolbild).
Eine Mutter mit ihren Kindern bei einem Einkauf im Shoppingcenter Emmen (Symbolbild).
Foto: Christof Schürpf (Keystone)


In der Schweiz, einem der reichsten Ländern der Welt, steigt die Kinderarmut seit 2013 wieder an, und mittlerweile ist hier jedes zehnte Kind arm. Wie der neuste Unicef-Report nun zeigt, könnten es noch viel mehr werden: Danach läuft gar jedes fünfte Kind Gefahr, arm zu werden. Selbst in Ländern wie Tschechien oder Slowenien sind weniger Kinder armutsgefährdet; das heisst, es leben weniger Kinder in Haushalten, deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren nationalen Einkommens liegt.

Im 16. Unicef-Report untersucht das Kinderhilfswerk, wie es den Kindern in den 41 reichsten Ländern der Welt ergeht. Um dies herauszufinden, betrachtet es ihr geistiges und körperliches Wohlbefinden sowie ihre schulischen und sozialen Fähigkeiten. Auch die Lebensbedingungen bezog es mit ein. Unter Berücksichtigung all dieser Faktoren schneidet die Schweiz gut ab: Rang 4. Nur in den Niederlanden, Dänemark und Norwegen geht es den Kindern besser. Die schlechtesten Orte, an denen ein Kind aufwachsen kann, sind Chile, Bulgarien und die USA. Weil in der Schweiz jedes fünfte Kind armutsgefährdet ist, erreicht sie bei diesem Punkt aber nur Rang 19.

Zusätzlich hat das Kinderhilfswerk untersucht, wie sich die aktuelle Pandemie auf die Kinder in den 41 reichsten Ländern auswirkt die Ausgangssperren, die geschlossenen Schulen, der Tod von Angehörigen. Es kam zum Schluss, dass die Kinder in Neuseeland, Slowenien und in der Schweiz die Krise voraussichtlich am wenigsten zu spüren bekommen, am meisten jene in Spanien, Island und wiederum in den Vereinigten Staaten. Vor der Pandemie war jedes fünfte Kind arm, nach der Pandemie werden es wohl deutlich mehr sein. «Viele der reichsten Länder der Welt, die eigentlich über genügend Ressourcen verfügen, scheitern, wenn es darum geht, allen Kindern eine gute Kindheit zu ermöglichen», sagt Gunilla Olsson, Direktorin von Unicef Innocenti. Wenn die Regierungen nicht rasch und entschlossen handelten, hätte dies verheerende Folgen für das Wohl der Kinder.

Gut im Freundemachen

Am besten schneidet die Schweiz bei der körperlichen Gesundheit ab: Rang 3. Diesen guten Platz belegt sie unter anderem deshalb, weil hier nur jedes fünfte Kind übergewichtig ist (Rang 5); am wenigsten Übergewichtige leben in Japan. Zudem ist in der Schweiz die Kindersterblichkeit unter den 5- bis 14-Jährigen tief (Rang 6).

Relativ schlecht schneidet die Schweiz bei der mentalen Gesundheit ab. Dies unter anderem wegen der Suizidrate unter Jugendlichen (Rang 25): In der Schweiz begehen im Durchschnitt 7 von 100’000 Teenagern Suizid, nicht selten, weil sie gemobbt wurden. Weltweit sind die Unterschiede gross: In Griechenland bringen sich 1,4 von 100’000 Teenagern um, in Litauen 18,2 von 100’000. Dennoch: In der Schweiz sind auch viele Jugendliche zufrieden mit ihrem Leben, nämlich 82 Prozent (Rang 6). Am zufriedensten sind die Jugendlichen in den Niederlanden (90 Prozent), am unzufriedensten in der Türkei (53 Prozent).

Ausgerechnet bei schulischen und sozialen Fähigkeiten schneidet die Schweiz aber nur mässig ab. Lediglich 65 Prozent der 15-Jährigen haben sich Grundkenntnisse in Lesen und Mathematik angeeignet (Rang 18). In Estland, wo die Jugendlichen am besten abschneiden, sind es 79 Prozent. Besser sind die jungen Schweizerinnen und Schweizer hingegen darin, sich Freunde zu machen (Rang 13).

«Alarmierend ist, dass in einem hochentwickelten Land wie der Schweiz die Grundkompetenzen im Lesen und Rechnen so schlecht ausfallen.»

Jürg Keim, Mediensprecher Unicef Schweiz und Liechtenstein

Gemäss Report schafft die Schweiz nicht besonders gute Bedingungen für Kinder. Hier belegt sie nur noch Rang 11. Dies unter anderem wegen des kurzen Mutter- und Vaterschaftsurlaubs (Rang 39). Die Mutter erhält heute lediglich 14 Wochen, der Vater ein bis zwei Tage. Nur noch in Irland und in den USA sind die Urlaube kürzer respektive inexistent.

Weit hinten rangiert die Schweiz auch bei der Durchimpfung gegen Masern (26) oder auch beim Trinkwasser (31); untersucht wurde, wie hoch der Anteil der Bevölkerung ist, die Zugang zu einer geschützten und sauberen Wasserquelle hat. Wie neue Berechnungen zeigen, trinken eine Million Schweizerinnen und Schweizer mit Chlorothalonil verunreinigtes Wasser. Das sagte Martin Sager vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfachs gegenüber SRF. Es ist allerdings umstritten, wie schädlich Chlorothalonil tatsächlich ist.

«Die Schweiz schneidet über alles gesehen gut ab», sagt Jürg Keim, Mediensprecher von Unicef Schweiz und Liechtenstein. Das dürfe aber nicht dazu verleiten, sich auf diesem guten Ergebnis auszuruhen. Alarmierend sei, dass in einem hochentwickelten Land wie der Schweiz die Grundkompetenzen im Lesen und im Rechnen so schlecht ausfielen. Die Kinder müssten schon in ihren ersten Lebensjahren vermehrt gefördert werden. Zudem soll mehr Geld in Familien investiert werden, in ein besseres Betreuungsangebot etwa, um Kindern aus der Armut zu helfen.

Aber immerhin: Gemäss Unicef geht es den Kindern in der Schweiz heute besser als noch vor sieben Jahren. Beim letzten vergleichbaren Bericht rangierte die Schweiz noch auf Platz 8.

95 Kommentare
    Heinz Ibicenco

    Leider hat unverantwortliches Handeln Hochkonjunktur. Warum gründet man eine Familie wenn man sich deren Unterhalt überhaupt nicht leisten kann und dann die Allgemeinheit dafür aufkommen muss? Cui Bono? Dem Selbsterhalt des einzigen linken "Wirtschaftszweigs". Was man nicht alles im Stande ist um den eigenen materiellen Aufstieg zu gewährleisten.