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Kommentar zur Corona-StudieJetzt bloss nicht leichtsinnig werden, bitte!

Die gute Nachricht: Schon Mitte März verlangsamte sich die Verbreitung des Coronavirus. Die schlechte: Es braucht viel Aufwand, um das Virus in Schach zu halten.

Ausstieg mit Ansage: Am Mittwoch kündigten Bundesrat Guy Parmelin, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Bundesrat Alain Berset eine schrittweise Lockerung des Corona-Lockdowns an.
Ausstieg mit Ansage: Am Mittwoch kündigten Bundesrat Guy Parmelin, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und Bundesrat Alain Berset eine schrittweise Lockerung des Corona-Lockdowns an.
Foto:  Peter Klaunzer (Keystone)

Die Ansteckungsrate des Coronavirus ist schon Mitte des letzten Monats deutlich gesunken. Teilweise sogar noch bevor der Bundesrat am 13. und 16. März die Schulen zusperrte, zahlreiche Wirtschaftssektoren stilllegte und Versammlungen von über fünf Personen untersagte.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der ETH. Forscher haben anhand von Infektionsdaten die Reproduktionszahl für Covid-19 in der Schweiz errechnet. Jenen Wert also, der angibt, wie viele Personen ein Erkrankter durchschnittlich ansteckt. Die Reproduktionszahl fiel demnach bereits Mitte März auf 1. Bei diesem Wert bleibt die Ausbreitung stabil.

Die Studie wirft viele Fragen auf. Hat der Bundesrat im März zu hart durchgegriffen? Hat er ohne Not eine Wirtschaftskrise herbeigeführt und damit die Folgen des Coronavirus verschlimmert?

Diese Fragen sind aus zwei Gründen müssig. Zum einen, weil die Studienautoren ihre Ergebnisse selbst relativieren. Wann sich die Verbreitung des Virus wirklich abschwächte, lässt sich nicht genau datieren. «Zu sehr in die Daten hineinzuzoomen ist heikel», sagt Professorin Tanja Stadler.

Um das Schlimmste zu verhindern – den Kollaps der Spitäler, Zehntausende Todesfälle –, mussten die Behörden vom Schlimmsten ausgehen.

Zum anderen, weil auch die Fachwelt Mitte März, als der Bundesrat den Lockdown verfügte, kaum wusste, wie sich Covid-19 in der Schweiz ausbreitet. Um das Schlimmste zu verhindern – den Kollaps der Spitäler, Zehntausende Todesfälle –, mussten die Behörden vom Schlimmsten ausgehen.

Interessanter ist die Zukunft: Was bedeutet die Studie für die anstehende Lockerung? Kann der Bundesrat am Donnerstag die Bremse nun etwas schwungvoller lösen? Können wir rascher zur Normalität zurückkehren?

Es wäre ein fataler Fehlschluss. Zwar ist nun erwiesen, dass das Coronavirus bereits mit weichen Massnahmen deutlich eingeschränkt werden konnte. Was die Studie aber auch zeigt: Trotz massiver Eingriffe in den Alltag der Bürger ist die Reproduktionszahl von Mitte bis Ende März nur leicht unter den Wert von 1 gefallen, teilweise sogar wieder angestiegen. Das Virus lässt sich also nur mit erheblichem Aufwand in Schach halten.

Für Entwarnung ist es leider zu früh. Für ein Ende aller Einschränkungen sowieso.