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Leitartikel zu Corona-MassnahmenJetzt rächen sich die Schönwetter-Konzepte

Die Mängel der Schweizer Pandemie-Strategie sind offensichtlich: Sie setzt zu sehr auf Vertrauen und zu wenig auf Kontrolle.

Die Sicherheitskonzepte der Ausgeh-Branche werden nicht kontrolliert: Szene in Tanzklub.
Die Sicherheitskonzepte der Ausgeh-Branche werden nicht kontrolliert: Szene in Tanzklub.

Wer auf seinem Grundstück ein Gartenhaus plant, muss diese Pläne nicht selten bewilligen lassen. Darauf achtet der Staat sehr genau. Die Hütte könnte ja die Aussicht des Nachbarn stören. Die Corona-Schutzkonzepte hingegen interessieren offenbar weniger. Anders als viele glauben, müssen die Konzepte nämlich nicht abgesegnet werden – weder vom Bund noch von den Kantonen. Wichtig ist nur, dass Läden, Restaurants und Clubs ein solches Konzept haben. Was sie dort reinschreiben und ob das Konzept korrekt umgesetzt wird, ist für den Staat sekundär. Er verzichtet auch auf flächendeckende Kontrollen.

Das rächt sich jetzt. Spätestens an diesem Wochenende wurde allen klar, dass sich viele um die Corona-Regeln foutieren. Das zeigen schon die dicht gedrängten Warteschlangen vor den Clubs. Während Detailhändler farbige Balken mit zwei Meter Abstand auf den Boden geklebt haben und wenn nötig auch darauf achten, dass diese beachtet werden, signalisieren die Schlangen vor den Clubs: Hier herrscht Sorglosigkeit. Geniesst! Und vergesst Corona!

Glaubt jemand im Ernst, dass diese Sorglosen die Quarantäne einhalten werden?

Entsprechend nachlässig wird die Identität der Gäste erhoben – wenn überhaupt. Und wenn doch ein Contact-Tracer anruft, muss dieser mit Beleidigungen rechnen. Denn es herrscht ja Sorglosigkeit. Fuck Corona!

Glaubt jemand im Ernst, dass diese Sorglosen die angeordnete Quarantäne einhalten werden? Eigentlich müsste man dies kontrollieren. Aber dafür fehlt vielen Kantonen sowohl der Wille als auch das Personal. Das ging so lange gut, wie sich alle von sich aus an die Regeln hielten. Doch jetzt stösst auch diese Schönwetter-Strategie an ihre Grenzen.

Die Angst ist verflogen

Die Stimmung hat gedreht. Lange hatten die Schweizerinnen und Schweizer Angst vor dem Virus, was sie die Abstands- und Hygieneregeln einhalten liess. Doch mit dem monatelangen Sinken der Neuinfektionen und den weitreichenden Lockerungen durch den Bundesrat ist die Angst verflogen.

Zwar hält sich auch heute noch ein grosser Teil pflichtbewusst an die Regeln. Aber es gibt eben auch die anderen. Das ist nicht nur bei Corona so, dasselbe Bild zeigt sich in anderen Lebensbereichen. Deshalb büsst die Polizei bei Nichteinhalten der Verkehrsregeln, deshalb finden im öffentlichen Verkehr regelmässig Billettkontrollen statt, deshalb braucht es für Gartenhäuser eine Baubewilligung.

Doch bei Corona meint der Staat, es gehe auch ohne Kontrolle der Schutzkonzepte. Das erweist sich nicht nur bei den Clubs als Trugschluss. Auch die Restaurants bekundeten schon früh Mühe mit dem Einhalten der Regeln. Manch ein Konzept hat sich als Schönwetter-Konzept entlarvt.

Verantwortungsvoll mit Freiheit umgehen

Den Preis für all die Nachlässigkeiten zahlen wir jetzt: Die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder deutlich an. Sie verdoppelt sich gegenwärtig im Wochenrhythmus. Wenn wir so weitermachen, verspielen wir das, was wir uns mit einem gewaltigen Kraftakt, mit Milliarden von Franken und unter grossen Entbehrungen erkauft haben: die Eindämmung des Coronavirus und die dadurch wiedererlangte Freiheit.

Diese Freiheit sollte es uns wert sein, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen. Wer es nicht tut, sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Sonst ist es bald für alle aus mit der Freiheit.

Kantone müssen jetzt handeln

Da geht es nicht an, dass sich der Staat selbst in Hochrisikobereichen wie den Clubs ums Kontrollieren der Schutzkonzepte foutiert. Betriebe, die sich nicht an die Regel halten, gehören geschlossen. Und wenn Contact-Tracer den Eindruck gewinnen, dass jemandem der Schutz vor Corona egal ist, sollte die Einhaltung der Quarantäne polizeilich überprüft werden. Mit harten Strafen bei Verstössen.

Mit dem Wechsel von der ausserordentlichen zur besonderen Lage hat der Bund den Kantonen die Verantwortung fürs Eindämmen von Corona übertragen. Nun müssen die Kantone diese Aufgabe auch wahrnehmen. Die Schönwetter-Phase ist vorbei.