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Kommentar zu Corona-MassnahmenJetzt wird es bald einmal grobfahrlässig

Die Schweiz braucht eine Maskenpflicht und griffige Massnahmen bei Einreisen aus Krisenherden. Sonst wäre der Lockdown umsonst gewesen.

Wenn wir uns in den nächsten Jahren an die Corona-Pandemie zurückerinnern werden, dann wird uns vor allem Folgendes in Erinnerung bleiben: Wahrscheinlich hat die Schweiz zu spät ernsthafte Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus ergriffen. Eine Woche früher in den Lockdown und eine Woche früher Grenzkontrollen gegenüber Italien, das hätte Menschenleben gerettet und uns viel Geld gespart. Denn erstens hätte dann der Lockdown nicht so scharf sein müssen, und zweitens hätte man früher mit den Lockerungen beginnen können. Erst ab Ende Februar reagierte der Bundesrat entschlossen und zunehmend überzeugend. Erst wurden das Social Distancing propagiert und Veranstaltungen mit über 1000 Leuten verboten. Dann, am 16. März, verhängte der Bundesrat de facto den Notstand und legte gleichzeitig einen grossen Teil der Wirtschaft lahm. Es war das teuerste Gesundheitsprogramm in der Schweiz, aber auch das effektivste. Die Ansteckungszahlen sanken rasant und nachhaltig. Es ging nicht lange, und der sogenannte R-Wert pro Person sank unter eins. Im Nachhinein hat man gesehen, dass nur schon das Social Distancing und das Verbot von Grossveranstaltungen die Kurve drehten. Man wäre wohl auch mit einem Mini-Lockdown durchgekommen, sagte Matthias Egger letzte Woche in der «SonntagsZeitung».

Wir sind drauf und dran, den Lockdown zu verspielen

Er sagte aber auch: «Mit den neuen Lockerungen sind wir wohl bald am Punkt angekommen, an dem eine breite Maskenpflicht eingeführt werden muss.» Doch nichts geschah seither, von Maskenpflicht weiterhin keine Spur, auch wenn die S-Bahnen, die Trams und die Busse immer voller werden. Erstaunlich, denn Egger ist immerhin der Leiter der wissenschaftliche Taskforce, die den Bund in der Corona-Krise berät. Die hat auch schon viel früher geraten, möglichst viele Tests durchzuführen und möglichst früh die App zu lancieren, welche erlaubt, die Ansteckungen rückzuverfolgen. Warum der Bundesrat nicht auf die Experten hört und immer sehr spät reagiert, ist unbegreiflich. Jeder Blick in die öffentlichen Nahverkehrsmittel zeigt, dass viel zu wenige eine Maske tragen. Jede Umfrage zeigt, dass die Leute eine Maskenpflicht akzeptieren würden. Frei nach dem Motto: «Wenn jeder muss, dann mach ich es halt auch.»

Nun, eine Woche später und nach nochmals steigenden Ansteckungszahlen, fordern bald alle Epidemiologen und immer mehr Politiker eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Wenigstens dann, wenn die Sitze voll sind, sollte das nun auch umgesetzt werden. Auch muss man rasche Massnahmen ergreifen bei der Einreise von Menschen aus Ländern wie Serbien, die noch immer Krisenherde sind. Sonst wird es langsam grobfahrlässig – wie in den USA oder in Brasilien, wo man drauf und dran ist, den Lockdown zu verspielen. Ein Experiment, das bei uns 30 Milliarden Franken, so viel kostete der Stillstand der Wirtschaft, aufs Spiel setzen würde. In diesen Spalten ist oft kritisiert worden, dass die Massnahmen zu scharf waren und Lockerungen zu spät erfolgten. Jetzt ist es umgekehrt.

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