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US-PräsidentschaftswahlenJoe Biden redet – und kaum jemand schaut zu

Die Corona-Krise hat den US-Wahlkampf eingefroren. Die Demokraten müssen Donald Trump die Bühne überlassen. Ist das ein Problem?

Der Keller als Studio: Der demokratische Präsidentschaftskandidat bei einer Rede in seinem Haus in Delaware.
Der Keller als Studio: Der demokratische Präsidentschaftskandidat bei einer Rede in seinem Haus in Delaware.
Foto: Getty Images

Wenigstens die giftigen E-Mails verschicken sie immer noch. «Joe Biden wäre die schlechteste Wahl, um das Land aus dieser Krise herauszuführen!», schreibt der Mediensprecher von Donald Trump. Kurz darauf, als Antwort quasi: «Wir brauchen im Weissen Haus endlich einen Leader, der die Wahrheit sagt», schreibt der Wahlkampfchef von Joe Biden. Im Posteingang geht der Präsidentschaftswahlkampf weiter, als wäre nichts geschehen.

Aber sonst? Ist alles anders. Keine Analysen über die Kandidaten in den Zeitungen, keine Reportagen über Wähler im Hinterland, sogar die obsessive Beschäftigung mit Meinungsumfragen ist verschwunden, zumindest fast. Die Corona-Pandemie hat den grössten und teuersten Wahlkampf der Welt komplett eingefroren.

Biden wird wohl im Herbst als Kandidat der Demokraten gegen Trump antreten. Ganz sicher ist das nicht, weil die Partei fast alle noch ausstehenden Vorwahlen in den Sommer verschoben hat. Auch der Nominierungsparteitag wurde nun vom Juli in den August verlegt. Das erlaubt es dem Linkspolitiker Bernie Sanders, weiterhin im Rennen zu verbleiben, obwohl sein Rückstand auf Biden kaum mehr einzuholen ist. Biden gegen Trump: Das wird also die Geschichte dieses Wahljahres, das wäre sie zumindest, wenn die Pandemie nicht alles überlagern würde.

Kritik an der späten Reaktion Trumps

Die Gegner des Präsidenten machen angesichts dieser Tatsache einen etwas hilflosen Eindruck. All die sorgfältig zurechtgelegten Argumente und Strategien gegen Trump seien jetzt hinfällig, schreibt das Magazin «Politico»: «Trumps Wiederwahl hängt jetzt einzig von seinem Umgang mit der Corona-Krise und ihren Folgen ab.»

Bidens Problem – so stellen es zumindest die meisten Kommentatoren dar – ist, dass er in der Corona-Krise nicht vorkommt. Während der Präsident mit seinem täglichen Pressebriefing aus Washington ein Millionenpublikum erreicht, steckt Biden in seinem Haus in Delaware fest. «Sie haben mir eine neue Glasfaserleitung installiert», erzählte der 77-Jährige kürzlich. Damit hat er aus seinem Keller ein provisorisches TV-Studio gemacht. Dort hält er vor einer Bücherwand Ansprachen, unterhält sich mit Anhängern und hat auch einen Podcast mit Gästen.

Meistens kritisiert der frühere Vizepräsident von Barack Obama dort die späte Reaktion der Trump-Regierung auf die Pandemie, die fehlende Ausrüstung für das Gesundheitspersonal oder die diversen Falschaussagen des Präsidenten. Die Zugriffszahlen sind allerdings bescheiden. Bei einem Videochat mit Unterstützern schauten vergangene Woche gerade einmal 2236 Leute zu – Zahlen, die selbst manchem Lokalpolitiker peinlich wären.

Das Dilemma der Demokraten

Vielleicht – und das ist die andere Lesart – ist es aber auch gar nicht wichtig, was Biden mehr als ein halbes Jahr vor den Wahlen sagt und tut. Die Amerikanerinnen und Amerikaner werden Trump wohl tatsächlich eher daran messen, ob es seine Regierung schafft, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Ob sie es schafft, die Bundesstaaten doch noch rechtzeitig mit Beatmungsgeräten und Schutzmasken auszustatten. Und ob sie es schafft, den Millionen von Menschen zu helfen, die nun ihre Arbeit verloren haben.

«Während Trump herumtrödelt, sterben Leute.»

Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses

Die Probleme der Regierung sind dabei offensichtlich. Es gibt bei den Demokraten aber unterschiedliche Ansichten darüber, wie sehr sie diese Probleme ansprechen sollen. Leute wie der frühere Obama-Stratege David Axelrod warnen davor, dass zum jetzigen Zeitpunkt zu viel Kritik schädlich wäre für die Demokraten – weil es damit so aussehe, als würde die Opposition aus der Krise politischen Gewinn ziehen wollen.

In den Umfragen fällt Trump wieder zurück

Die Parteiführung um Nancy Pelosi scheint diese Bedenken jedoch nicht zu teilen. Dass Trump die Krise zu Beginn bestritten und geleugnet habe, sei «tödlich», sagte die Sprecherin des Repräsentantenhauses: «Während er herumtrödelt, sterben Leute.» Am Donnerstag kündigte Pelosi an, einen mit weitreichenden Kompetenzen ausgestatteten Sonderausschuss einzusetzen, der die Arbeit der Regierung laufend überwachen soll. Es bestehe die Gefahr, dass Gelder aus dem zwei Billionen Dollar schweren Rettungspaket in falsche Hände gerieten.

Und die Umfragen? Sie sprechen eher für die Demokraten. Nach einer Erhebung von ABC News und Ipsos vom Freitag beurteilt nun wieder eine Mehrheit der Amerikaner Trumps Krisenmanagement negativ. Was man zum jetzigen Zeitpunkt davon halten soll, ist eine andere Frage.