Tribüne

Junkies und Dealer

Karl Lüönd ist Journalist und Publizist.

Karl Lüönd ist Journalist und Publizist. Bild: pd

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Ausgerichtet wird das Turnier von Ehrenmännern, die ihre Löhne durch Griff in die Kasse selber fest­legen. Wer dabeisein will, gibt schon bei der Eingangskontrolle seine Bürgerrechte samt seiner Menschenwürde ab. Die Spiel­leitung bestimmt sogar, welche Sorte Bier getrunken werden muss. Dass dem Konsumenten für das Ganze ein Schweinegeld abgenommen wird, versteht sich am Rande.

Wer es vorzieht, das Spektakel am Fernsehen zu verfolgen, bezahlt mit seiner Lebens­zeit. Er bekommt – ab­gesehen von der immer gleichen kindischen Werbung – zwei Stunden vor und eine Stunde nach dem Ereignis die immer gleichen Mutmassungen ehe­maliger Gladiatoren vorgesetzt. Doch die meisten Zuschauer ­geben sich keine Rechenschaft dar­über, dass sie nur jene Bilder zu sehen bekommen, die den Veranstaltern passen.

Das ganze System ist nicht auf redliche Dokumentation angelegt, sondern auf Verfälschung der Wirklichkeit. Zeit, Ort, Art und Ablauf der Darbietung richten sich nach den Wünschen der Firmen, die mithilfe dieser Veranstaltung noch mehr Bier, Autos und ­Kreditkarten abzusetzen hoffen.

Warum lassen wir das alles geschehen? Wahrscheinlich, weil das Spiel, das uns geboten wird, das Leben nicht einfach abbildet, sondern auf seinen Wesenskern reduziert. Die Kämpfe im wirklichen Leben dauern ja eine Ewigkeit. Marlboro und Camel bekriegen einander seit mehr als hundert Jahren. Der Nahost­konflikt ist bald siebzig Jahre alt. Sogar ein vergleichsweise gepflegter Fight wie die Sika-Affäre geht schon ins zweite Jahr. Längst weiss keiner mehr, ­worum es eigentlich geht.

Deshalb lieben wir Kämpfe mit überblickbaren Terminen und einfachen Regeln, wobei auch da ein Rest von Grenzwissenschaft nicht fehlen darf (Offsideregeln). Die Auseinander­setzung wird auf 2-mal 45 Minuten plus Nachspielzeit eingedampft. Ganz wichtig: Das erste und das letzte Wort hat ein Chef mit diktatorischen Vollmachten (Schiedsrichter). Welch eine Wohltat in einer Welt, die alles demokratisiert hat mit dem Resultat, dass jeder mitreden kann, auch wenn er keine Ahnung hat. Auf dem Rasen herrscht noch Ordnung. Diskussionen sind verboten, Widerspruch ist strafbar. Wie in jeder Diktatur sind 90 Prozent der Untertanen froh, geführt zu werden.

Nochmals: Warum lassen wir uns das alles gefallen? Weil wir alle süchtig sind nach Fussball. Weil das Ganze einfach verdammt spannend und unterhaltsam ist und so wunderbar folgenlos, dass wir die Resultate in fünf, sechs Wochen wieder ver­gessen haben werden. Mit uns Junkies kann man alles machen. Die Dealer wissen das. (Landbote)

Erstellt: 24.06.2016, 14:29 Uhr

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