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LeitartikelKaufen wegen der Arbeitsplätze – ist das sinnvoll?

Welche Läden haben Sie in den letzten Wochen wirklich vermisst? Ein Plädoyer fürs Überdenken der Konsumgewohnheiten.

Redaktorin Andrea Söldi.
Redaktorin Andrea Söldi.
Johanna Bossart

Wenn am Montag die Läden wieder aufgehen, werde ich so bald wie möglich die Batterie meiner Armbanduhr auswechseln lassen. Diese ist vor einer Woche stehen geblieben und zeigt nun den ganzen Tag über zehn vor sechs an. Aber sonst? Eigentlich fällt mir nicht viel ein, das ich dringend kaufen müsste. Neue Sommergarderobe? Mein Schrank ist noch voll. Geschirr, Bettwäsche, Toaster oder Kaffeemaschine? Alles noch reichlich vorhanden und funktionstüchtig. Bücher? Gern, aber ich kann sie ausleihen oder elektronisch lesen. Deko und Krimskrams? Lieber nicht.

Mit so einer miserablen Konsumhaltung ist natürlich kein Geschäft zu machen. Würden sich alle Menschen so verhalten wie ich, hätten viele Läden kaum eine Überlebenschance. Shoppingcenter ausserhalb der Städte bräuchte es von mir aus sowieso keine. (Dafür würden einheimische Biobauern profitieren, Veloläden, Anbieter erneuerbarer Energien, Personen, die Dinge reparieren, innovative Restaurants, Kulturschaffende, gemeinnützige Organisationen – für ihre Angebote gebe ich mein Geld gern aus.)

Die Versorgung mit Lebensmitteln und Alltagsgütern war bei uns auch während des Lockdown stets im üblichen Überfluss sichergestellt. Eigentlich habe ich kaum etwas vermisst. Seit zwei Wochen können wir sogar wieder Pflanzen, Nägel und Bohrmaschinen kaufen, uns die Haare schneiden lassen und in die Physiotherapie oder zum Zahnarzt gehen. In der Zeit mit weniger Konsummöglichkeiten wurden wir lange mit prächtigem Frühlingswetter entschädigt. Mir persönlich hat dies sogar den temporären Verzicht auf Konzerte, Kino und Theater erleichtert.

Natürlich ist mir bewusst, dass sehr viele Arbeitsplätze vom Detailhandel abhängen. Unsere Innenstädte leben von all den kleinen und grösseren Geschäften, die allerlei Nützliches und Angenehmes anbieten. Der Grund, wieso die Gewerbeverbände auf eine schnelle Wiedereröffnung gedrängt haben, liegt denn wohl auch mehr bei gesamtwirtschaftlichen Überlegungen als bei einer dringenden Notwendigkeit, zu shoppen.

Bereits jetzt mussten viele Geschäfte hierzulande grosse Verluste in Kauf nehmen oder stehen gar kurz vor dem Bankrott. Noch viel schlimmer ist die Lage in ärmeren Ländern. Kann die neue Sommermode nicht verkauft werden, bleiben bei den Zulieferern weitere Aufträge aus. Die Näherinnen in Bangladesh und Kambodscha – auch in sogenannt normalen Zeiten schon schlecht bezahlt – stehen vor dem Nichts.

Also konsumieren, was das Zeug hält? Am nächsten Montag in die Geschäfte stürmen? Schwierige Frage. Gerade Textilien sind ein ökologisch belastendes Gut. Der Anbau von Baumwolle benötigt viel Wasser – meist in trockenen Regionen – und Pestizide. Bei der Herstellung von synthetischen Textilien kommen Chemikalien zum Einsatz, und es entstehen Klimagase.

Irgendwie ist da grundsätzlich etwas schiefgelaufen, wenn die Arbeitsplätze von so vielen Menschen davon abhängen, dass wir Dinge kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Dass wir zum Beispiel unsere Garderobe jede Saison erneuern und diejenige vom letzten Jahr in die Kleidersammlung geben. Die billigen T-Shirts, Pullover und Jeans – kurz: Fast Fashion – haben dazu geführt, dass wir Mitteleuropäer durchschnittlich 60 Stück davon kaufen – etwa doppelt so viele wie vor 15 Jahren. Auch die Möbelhersteller und -verkäufer leben davon, dass viele ihre Sofas und Tische weggeben, obwohl sie noch gut im Schuss wären.

Ein Strukturwandel wäre dringend nötig. Dabei werden Arbeitsplätze verloren gehen, und das wird vielen wehtun. Aber es werden auch neue entstehen. Es braucht mehr Menschen, die Gebrauchsgegenstände in hoher Qualität herstellen und verkaufen, unter ökologisch und sozial vertretbaren Bedingungen, mit wiederverwertbaren Materialien und zeitlosem Design. Menschen, die Dinge reparieren, und andere, die sich aufs Recycling spezialisieren. Und weiterhin viele, die nicht materielle Dienstleistungen anbieten. Gleichzeitig sollten Kunden bereit sein, für qualitativ hochwertige Dinge einen angemessenen Preis zu bezahlen.

Die Armbanduhr, die immer noch zehn vor sechs anzeigt, habe ich schon etwa 15 Jahre. In dieser Zeit habe ich jedes Jahr die Batterien und das Lederband ausgewechselt und sie zweimal reparieren lassen. Klar: Mit dem Geld, das ich investiert habe, hätte ich mir wohl schon mehrere neue Uhren kaufen können. Aber diese Uhr gefällt mir immer noch. Wenn am Montag die Läden öffnen, werde ich als Erstes ein Uhrengeschäft aufsuchen.