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Venezolanisches Chaos Pass bestellt, Geld bezahlt – und dann passiert: nichts

Venezolanerinnen und Venezolaner warten in der Schweiz oft jahrelang auf einen neuen Pass. Das schränkt sie im Alltag stark ein. Die venezolanische Botschaft in Bern gibt den Amerikanern die Schuld.

«Ich fühle mich unglaublich gedemütigt»: Die venezolanische Anwältin Gabriela Sarmiento 
 wartet vergeblich auf ein neues Reisedokument.
«Ich fühle mich unglaublich gedemütigt»: Die venezolanische Anwältin Gabriela Sarmiento
wartet vergeblich auf ein neues Reisedokument.
Foto: Sabina Bobst

Es dauert. Und dauert. Und dauert. Seit Jahren ist die venezolanische Botschaft in Bern in vielen Fällen ausserstande, einen abgelaufenen Reisepass zu erneuern.

Pablo Moráns Reisepass ist 2016 abgelaufen. Der IT-Spezialist, der für ein grosses Schweizer Unternehmen arbeitet, beantragt bei der Konsularabteilung der «bolivarianischen Republik Venezuela» in Bern ein neues Dokument. Auf der Homepage der venezolanischen Passbehörde muss er ein Formular ausfüllen und per Kreditkarte 200 Dollar bezahlen. Dann geschieht wochenlang nichts.

«Jedes Mal, wenn ich die Botschaft anrief, hiess es: Wir wissen nichts, wir können nichts machen. Geduld», erzählt Morán. Obwohl er belegen kann, dass die Passgebühr von seinem Konto abgebucht wurde, stellt sich irgendwann heraus: Das System der Passbehörde hat seinen Antrag gar nicht registriert.

Um das Geld bei der Kreditkartenfirma zurückzufordern, ist zu viel Zeit vergangen. Eine Angestellte der Botschaft gibt Morán eine Mailadresse der Passbehörde in Caracas, unter der er sich beschweren könne. Das Mail kommt als unzustellbar zurück. Und Telefonanrufe aus dem Ausland nehmen die Beamten jenseits des Atlantiks nicht entgegen.

600 Dollar vergeblich bezahlt

Gleiche oder ähnliche Scherereien drohen allen 1300 Venezolanerinnen und Venezolanern, die laut Staatssekretariat für Migration legal in der Schweiz leben, arbeiten, studieren und oft mit einem Einheimischen verheiratet sind. Weil Eingebürgerte aus den Ausländerstatistiken der Schweizer Behörden verschwinden und Illegale nicht mitgezählt werden, stammen in Wirklichkeit deutlich mehr Personen aus dem südamerikanischen Land.

Die meisten, die mit dieser Zeitung über die systematische Passverweigerung sprechen, wollen wie Pablo Morán ihren richtigen Namen nicht nennen, aus Furcht, sonst erst recht kein neues Dokument zu erhalten.

«Ich muss beruflich häufig reisen», sagt Morán. «Als ich meinem Chef erklärte, mein Pass sei abgelaufen und werde nicht erneuert, schaute er mich verständnislos an.» Der Venezolaner ist sich bewusst, dass er seinen Job früher oder später verlieren wird. Irgendwann erklärt sich eine Konsularangestellte in Bern bereit, Moráns Pass durch einen Stempel und eine handgeschriebene Kugelschreibernotiz für ein Jahr zu verlängern.

Nackt ausgezogen

Eine typisch lateinamerikanisch-kreative Lösung, die jedoch die Grenzpolizisten am Flughafen von Kairo nicht überzeugt: Sie nehmen Morán für 24 Stunden fest, sperren ihn in eine Einzelzelle, während des Verhörs muss er sich nackt ausziehen. Nachdem ein Angestellter der venezolanischen Botschaft bestätigt, dass mit Moráns Pass alles in Ordnung ist, darf er einreisen. Später sucht er sich eine Stelle, bei der er nicht reisen muss.

Der 30-Jährige versucht noch zweimal, einen neuen Pass zu bestellen. Mittlerweile hat er 600 Dollar bezahlt. Doch das Dokument hat er immer noch nicht erhalten.

«Das geschieht häufig», sagt Gabriela Sarmiento. «Man bezahlt, aber das System registriert den Antrag nicht. Oder er wird nach einiger Zeit gelöscht.» Sarmiento – das ist ihr wirklicher Name – hat in Venezuela als Anwältin gearbeitet. Heute berät sie im Ausland lebende Personen, die mit venezolanischen Behörden zu tun haben, etwa bei Erbschaften. Wenn sie während eines Gesprächs beim Rondell am Zürcher Bellevue lacht, ist es ein Lachen aus ungläubiger Empörung.

Als Sarmientos Pass im Dezember 2019 abläuft, widerfährt ihr dasselbe wie Morán: Sie bezahlt 200 Dollar per Kreditkarte und 80 Dollar in bar am Schalter der Botschaft in Bern. Danach verschwindet ihr Antrag aus dem System.

Seit mehr als einem halben Jahr ist er ungültig: Gabriela Sarmientos Pass.
Seit mehr als einem halben Jahr ist er ungültig: Gabriela Sarmientos Pass.
Foto: Sabina Bobst

Mit einer Schweizer Aufenthaltsbewilligung und abgelaufenem venezolanischen Pass ins benachbarte Ausland zu reisen, ist riskant. Ein Flugzeug zu besteigen, ist unmöglich.

«Ich empfinde dieses Gefühl der Machtlosigkeit als unerträglich demütigend», sagt Sarmiento. Ein Treffen mit Freundinnen, plötzlich schlage jemand vor, gemeinsam zu verreisen, und sie sitze schweigend daneben. «Ich bin es als Anwältin gewohnt, die Probleme anderer Leute zu lösen. Und schaffe es nicht, meinen eigenen Pass zu erneuern.»

Statt einer ID gabs Militärdienst

Die seit vier Jahren in Bern lebende Venezolanerin Juliana Arroyo würde gerne persönlich bei der Botschaft vorsprechen. Doch dazu braucht sie einen Termin, den sie nicht erhält. Das in St. Gallen lebende Ehepaar Fariza versucht seit drei Jahren vergeblich, einen Pass für ihre in der Schweiz geborene Tochter zu bekommen. Das Kind besitzt überhaupt kein Reisedokument. Den Eltern eines Zehnjährigen teilt die Botschaft mit, der Junge müsse eine venezolanische Identitätskarte vorweisen, um einen Pass beantragen zu können und für eine Identitätskarte müsse er nach Venezuela reisen.

Gabriela Sarmiento weiss von einem Venezolaner, der in der Schweiz aufgewachsen ist und als Zwanzigjähriger nach Venezuela reiste, um eine ID zu beantragen. Stattdessen wurde er zum Militärdienst eingezogen.

«Mein Vater ist 82. Ich würde ihn gerne noch einmal sehen. Ohne Reisepass geht das nicht.»

Oscar López, in Basel lebender Venezolaner

Ausserdem nennen Venezolanerinnen und Venezolaner als Folgen ihres passlosen Zustandes: Probleme bei der Erneuerung ihrer Schweizer Aufenthaltsbewilligung, beim Eröffnen eines Bankkontos, bei der Heirat, beim Abschluss eines Arbeitsvertrages. Oscar López lebt seit neun Jahren in Basel. Er sagt: «Mein Vater ist 82 Jahre alt. Er wohnt in Maracaibo und kann nicht reisen, weil es ihm gesundheitlich schlecht geht. Ich würde ihn gerne noch einmal sehen. Ohne gültigen Reisepass geht das nicht.»

Die Unfähigkeit der venezolanischen Passbehörde betrifft nicht nur Venezolanerinnen und Venezolaner in der Schweiz, sondern weltweit. In sozialen Netzwerken haben sich rund 15’000 Personen zur Gruppe «Save My Identity» zusammengeschlossen. Gabriela Sarmiento leitet eine Gruppierung in der Schweiz. «Unser Ziel ist es, mindestens 100’000 Unterschriften für einen offiziellen Protest zu sammeln. Danach gehen wir vor die Organisation Amerikanischer Staaten und die UNO-Flüchtlingskommission in Genf.»

Es sei unverständlich, sagt Sarmiento, dass internationale Abkommen das Recht auf Identifikation nicht zu den Menschenrechten zählen.

Immerhin sagen mehrere Betroffene, die Angestellten der venezolanischen Botschaft in Bern seien am Telefon meist nett und verständnisvoll. «Ich hasse sie von ganzem Herzen», sagt Pablo Morán. «Aber ich glaube, sie handeln nicht aus Bosheit. Sie sind Vertreter eines gescheiterten Staates und können nichts dafür, dass bei der Passbehörde in Caracas Unfähigkeit und totales Chaos herrschen.»

Und was meint die venezolanische Botschaft in Bern zu den Vorwürfen ihrer Landsleute? Auf Anfrage verschickt sie eine lange Stellungnahme, deren Aussage sich in drei Punkten zusammenfassen lässt.

Corona macht alles noch schlimmer

Erstens sei nicht die Botschaft, sondern die Passbehörde in Caracas zuständig. Zweitens sei das amerikanische Embargo schuld: Der internationale Zahlungsverkehr, das Versenden von Pässen durch Kurierdienste, das Material, das für die Herstellung eines Passes importiert werden müsse: Alles werde erschwert oder verunmöglicht durch die «illegale Finanzblockade» der Amerikaner. Und drittens habe die Corona-Krise die Lage noch verschlimmert.

Ausserdem, behauptet die Botschaft, seien seit Jahresbeginn 198 abgelaufenen Pässe erneuert worden. Die Nachfrage, ob es moralisch und juristisch akzeptabel sei, eine teuer bezahlte Dienstleistung nicht zu erbringen, bleibt unbeantwortet.

«Das leidige Theater mit den Pässen begann bereits 2012», entgegnet Sarmiento. «Damals gab es noch keine Sanktionen.» Die befragten Personen aus Venezuela bestätigen unisono, dass mehrere ihrer Freunde und Bekannten ebenfalls auf einen neuen Pass warten.

21 Kommentare
    Maria Gabriela Sarmiento

    Ich bin überrascht, dass die Kommentaren die ganze Ausgabe auf "Politics" reduzieren. Dafür und dagegen. Niemand bezieht sich auf die frontale Verletzung der Menschenrechte (Freizügigkeit oder das Recht auf eine angemessene Identifizierung), die von der Venezolanische Regierung begangen wurde. Aber ich bin trotzdem sehr froh, dass die Geschichte überhaupt gelesen wurde!