Zum Hauptinhalt springen

Schwere KindsmisshandlungKinder in Keller gehalten – aber niemand will schuld sein

Beim zweiten Prozesstag gegen ein Zürcher Ex-Ehepaar, das seine Kinder einem Terror-Regime ausgesetzt haben soll, haben beide Verteidiger Freisprüche gefordert. Der jeweils andere Elternteil sei alleine schuldig.

Die Eltern sollen zwei ihrer Kinder über Jahre im Kinderzimmer und im Keller eingeschlossen haben. Sie bekamen zu wenig zu essen, ihre Sozialkontakte wurden eingeschränkt.
Die Eltern sollen zwei ihrer Kinder über Jahre im Kinderzimmer und im Keller eingeschlossen haben. Sie bekamen zu wenig zu essen, ihre Sozialkontakte wurden eingeschränkt.
Themenfoto: Thomas Peter

Sogar in den Schlussworten nach dem zweiten Prozesstag am Mittwoch schoben sich Mutter und Vater noch gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Es tue ihr von Herzen weh, dass sie es nicht geschafft habe, früher von diesem Mann wegzukommen, sagte die Schweizerin. «Ich bitte meine Kinder um Entschuldigung für das erlittene Martyrium.»

Auch der Vater sah die Verantwortung nicht bei sich. Er wünsche seiner Ex-Frau, dass sie ihre Kinder irgendwann lieben könne. Sie habe sie ja ohnehin von Anfang an nicht gewollt, sagte der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln zum Schluss.

Der Vater führte ein «Terror-Regime»

Die beiden Verteidiger forderten entsprechend Freisprüche für ihre Mandanten. Die Mutter sei für alle Misshandlungen alleine verantwortlich, sagte der Verteidiger des Vaters.

Dieser habe teilweise zwei Jobs gehabt, um die Grossfamilie über die Runden zu bringen. So habe er nicht mitbekommen, wie die Mutter mit den Kindern umgesprungen sei. Von einem «Terror-Regime», das der Vater geführt haben solle, könne keine Rede sein.

Die Verteidigerin der Mutter schob die Schuld auf den Vater. Dieses «Terror-Regime» habe es gegeben, und auch die Mutter habe darunter gelitten.

Die Mutter kühlte die Verletzungen

Sie sei zwar teilweise bei den Misshandlungen anwesend gewesen, ohne einzugreifen. Aber sie selber habe den Kindern keine Gewalt angetan. «Zudem hat sie die Verletzungen jeweils gekühlt und verarztet», sagte die Verteidigerin.

Die Staatsanwältin hingegen sieht sowohl Mutter als auch Vater in der Verantwortung. Für den Vater fordert sie eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, für die Mutter eine von 13 Jahren.

«Die Hilfe wurde ihr über Jahre auf dem Tablett präsentiert», begründete die Staatsanwältin die geforderten 13 Jahre für die Mutter. «Sie hätte sie nur mal annehmen müssen.» Als Mutter habe sie eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Kindern gehabt.

Lange Liste der Grausamkeiten

Die Liste der Grausamkeiten, die dem ehemaligen Paar zur Last gelegt werden, ist lang. Vater und Mutter sollen die zwei am stärksten geschädigten Kinder, einen Sohn und eine Tochter, vier Jahre lang fast jede Nacht und an den Wochenenden eingeschlossen haben.

Zunächst geschah das im Kinderzimmer, später im ungeheizten Naturkeller – manchmal im Dunkeln ohne Licht. Laut Anklage durften Tochter und Sohn dabei nur selten auf die Toilette und mussten sich auf den Boden des Kinderzimmers oder des Kellers erleichtern.

Mit neun Jahren nur 18 Kilogramm schwer

Zu essen bekamen die Kinder wenig. Der Sohn wog im Alter von neun Jahren gerade einmal 18,5 Kilogramm. Die Kinder, die heute junge Erwachsene sind, mussten wegen der Folgen dieser «Erziehung» zeitweise IV beziehen.

Die Stadtzürcher Behörden blieben in all den Jahren untätig, obwohl sie zahlreiche Meldungen über die Vorgänge in dieser Familie erhielten. Sie boten zwar mehrmals Hilfe und Gespräche an, insistierten aber nicht, als sie von den Eltern weggeschickt wurden.

Die beiden einst im Keller eingesperrten Kinder verfolgten den Prozess im Saal mit. Sagen wollten sie bei der Verhandlung nichts. Das Urteil wird am Donnerstag eröffnet.

SDA