Winterthur

Kontroverse um Moschee: «Der Stadtpräsident muss sich hinstellen»

Kommunikationsfachleute kritisieren die «No comment»-Strategie der Stadt Winterthur zur Radikalisierung von Muslimen im Umfeld der An’Nur-Moschee. So verstärke man die Verunsicherung in der Bevölkerung.

Beurteilt die Strategie «Maulkorb» von Stadtpräsident Michael Künzle als veraltet: Kommunikationsexperte Franco Gullotti. Bild: pd

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Winterthur macht gerade unrühmliche Schlagzeilen. «Islamismus in der Schweiz – geheime IS-Zelle», stand vor Wochenfrist in grossen Lettern auf dem Cover der «Weltwoche», darunter ein Strassenschild mit dem Wort Winterthur auf Deutsch und auf Arabisch.

Umstrittene Informationssperre

In den letzten Tagen meldeten sich in vielen Medien Kritiker zu Wort: Winterthur rede nicht mit Moscheenverantwortlichen, es gebe keine Anlaufstelle für orientierungslose Muslime, die Jugendarbeiter kennen den Islam nicht und so fort.

Für Kommunikationsexperten ist klar: Die totale Informationssperre der Stadt (kein Mitarbeiter darf etwas zum Thema sagen) ist ein Fehler. Diese Kommunikationsstrategie sei völlig veraltet, sagt Franco Gullotti, Inhaber einer auf Krisenkommunikation spezialisierten Beratungsfirma an der Marktgasse und früherer Swiss-Sprecher. Sicher gebe es gute Gründe, gewisse Informationen zurückzuhalten, und es sei auch nicht bekannt, welche Vorgaben die Stadt allenfalls von den Bundesbehörden erhielt.

Jedoch: «Wenn man gar nichts sagt, sagt man unbewusst sehr viel und verstärkt damit die Verunsicherung in der Bevölkerung, gerade bei einem so emotionalen Thema wie dem Islamismus.» Man könne nicht nicht kommunizieren, zitiert Gullotti ein Bonmot des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. «Sagt man: ‹Ich darf nichts sagen, das ist alles sehr heikel›, dann wirft das mehr Fragen auf als nötig und wird so selbst zu einer starken Aussage – aber keiner, die beruhigt.»

Moscheenvertreter «hat es erkannt»

Der Präsident der umstrittenen An’Nur-Moschee in Hegi habe erkannt, dass er Transparenz schaffen müsse, sagt Gullotti. Atef Sahnoun gab Interviews, in denen er sich und seine Moschee erklärte. Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) aber schweigt hartnäckig – «das ist fatal», so der Experte. «Der Stadtpräsident müsste die Botschaft vermitteln: Das Thema ist mir wichtig, und ich unternehme etwas. Ich spreche mit allen Beteiligten, hole alle an einen Tisch.» Diese Botschaft könne man auch vermitteln, ohne allfälligen Ermittlungen zu schaden. «Die Bevölkerung hat Verständnis, wenn man sagt, man könne keine Details zum Vorgehen in Einzelfällen nennen.»

Auch Roger Huber, Gründungspräsident des Schweizer Verbandes für Krisenkommunikation, sagt mit Bezug zu Künzle: «Er muss seinen Kopf zeigen.» Die Aufgabe eines Kommunikationsteams sei es, zu überlegen, wer sich in der Öffentlichkeit äussere und wer nicht. «In so einer Situation muss das der Stadtpräsident sein. Er zeigt sich am Albanifest und bei Einweihungen, er muss auch hinstehen, wenn etwas nicht gut läuft.» Es brauche einen «offensiven» Auftritt des «Captains».

Stadt bekräftigt: «Wir sagen nichts»

Mittlerweile sei der erste Schaden angerichtet, meint Franco Gullotti, die Stadt stecke in einer Sackgasse. «Man hat zu lange gewartet. Jetzt dominieren Gerüchte, verbreitet zum Teil von Leuten, die sich profilieren wollen, aber schlecht informiert sind.» Spätestens am Tag der Terroranschläge in Paris hätten im Superblock die Alarmglocken klingeln und ein wirksames Vorgehen in der Krise festgelegt werden müssen.

Nun steige mit jedem Tag der Druck, doch etwas zu sagen. «Schliesslich muss man den Informationsstopp irgendwann aufweichen.» Ansatzweise sei dies schon geschehen – der stellvertretende Informationschef Andreas Friolet sagte gestern im «Tages-Anzeiger», die Stadt habe mit den Verantwortlichen der An’Nur-Moschee schriftlich Kontakt aufgenommen, jedoch nie eine Antwort erhalten.

Roger Huber kritisiert auch die Medien. Er spricht von einem «Hype» um die islamistische Bedrohung in der Schweiz, von geschürter «Islamphobie». Umso wichtiger sei es aber, dass die Behörden die öffentliche Wahrnehmung aktiv mitgestalten. Die Stadt bekräftigte gestern die Informationssperre. Vizeinformationschef Friolet teilte mit: «Die städtischen Behörden äussern sich weiter nicht zu der Thematik.»

Erstellt: 26.11.2015, 20:57 Uhr

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