Warum sich die Kirchen schwertun mit der Ehe für alle

Der katholische Ethik-Professor Alberto Bondolfi über die Bedeutung des Patriarchats, der Penetration sowie der Säkularisierung in Religionen.

Für die römische Amtskirche ist der einzig legitime Ort der Sexualität die Ehe, und zwar nur der Koitus.

Für die römische Amtskirche ist der einzig legitime Ort der Sexualität die Ehe, und zwar nur der Koitus.

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«Gott schuf den Menschen als Mann und Frau». Tut sich die Kirche wegen dieser Matrix so schwer mit der Ehe für alle?
Das ist eine ganz grundlegende Metapher. Der alttestamentliche Schöpfungsbericht baut auf der Komplementarität der Geschlechter auf. Die Macht dieses Bildes wird im Neuen Testament noch verstärkt durch die Aussage, dass Mann und Frau Abbild der Beziehung Christus zu seiner Kirche sind.

Die Schweizer Bischöfe mögen zur Ehe für alle nicht Stellung beziehen. Ihre Kirche sei für die sakramentale Eheschliessung zuständig, nicht für die Zivilehe. Ist dieser Dualismus legitim?
Es ist legitim, weil friedensstiftend, wenigstens kurzfristig. Die Bischöfe machen damit klar, dass sie keinen Kreuzzug gegen die Ehe für alle führen wollen. Sie sind auf Frieden auch innerhalb der Bischofskonferenz bedacht und orientieren sich an Franziskus.

Papst Franziskus ist ja gerade nicht offen für die Ehe für alle. Er beklagt, dass der Westen mit «ideologischer Kolonisierung» einen «Weltkrieg gegen die Ehe» führe.
Das hat er im Zusammenhang mit der Gendertheorie gesagt. Aber er ist gegen jegliche Repression in der Kirche.

Verlieren die Kirchen mit der Ehe für alle nicht vollends ihre Definitionsgewalt über die Ehe? War das nicht eigentlich schon bei der Einführung der Zivilehe der Fall?
Es ist eine komplexe Geschichte, wann die Ehe ein «weltlich Ding» wurde. Jedenfalls nicht erst in der Reformation. Die Reformation wollte der Kirche die Gerichtsbarkeit über die Ehe wegnehmen und dem Gemeinwesen übertragen, die Scheidung kam dann schrittweise. Als Reaktion darauf hat die katholische Kirche im Konzil von Trient die sakramentale Ehe ganz und gar verrechtlicht. Napoleon setzte mit dem Code civil durch, dass alle Bürger heiraten können, auch Protestanten und Juden. Die Zivilehe hat letztlich gesiegt: Erst die so vollzogene Ehe wird unter den Schutz Gottes gestellt.

Bisher zeigt sich bei uns die christkatholische Kirche offen für die Ehe für alle. Bischofskonferenz und evangelischer Kirchenbund zieren sich. Dabei sind sie alle vor die Frage gestellt, ob sie eine Trauung für alle einführen wollen. Für die reformierte Zürcher Kirche etwa ist das kein Problem.
Das reformierte Verständnis der Trauung ist eine Bestätigung dessen, was der Staat vollzieht. Das ist seit dem 19. Jahrhundert so.

Die Bischöfe sehen auch das Kindeswohl in Gefahr. Man könne die Ehe für alle nicht diskutieren, ohne auf die Fortpflanzungsmedizin zuzugehen, und die lehnen sie ab.
Partiell kann ich das verstehen. Sie wissen, dass es in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Korrektive braucht. Kinder mit zwei Vätern oder zwei Müttern können etwa Paten des anderen Geschlechts haben. Der Behauptung aber, dass Kinder aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften psychisch benachteiligt sein sollen, widersprechen Schweizer Studien, die wir in der Nationalen Ethikkommission mitinitiiert haben.

Danach ist allein die emotionale Bindung zu den Eltern entscheidend?
Ja. Solche Studien sind glaubwürdig und plausibel, sie können aber nicht ein prinzipielles Problem lösen. Man kann die normative Frage, unter welchen Bedingungen das Wohl des Kindes garantiert ist, nicht mit empirischen Untersuchungen beantworten. Der Staat hat ja homosexuelle Beziehungen entkriminalisiert, eine Voraussetzung für die Ehe für alle.

Kriminalisiert nicht die römische Kirche solche Beziehungen noch immer? Homosexuelle dürfen etwa nicht Priester werden.
Kriminalisieren würde ich das nicht nennen, eher diskriminieren. Homosexuelle werden ja nicht exkommuniziert.

Auch für Freikirchen ist Homosexualität Sünde, und zwar eine therapierbare.
Evangelikale und Freikirchen scheinen ihre rigide dogmatische Position aufzuweichen, indem sie die Homosexualität medikalisieren. Das hat aber nichts mit der biblischen Botschaft zu tun. Es ist vielmehr eine Konzession an die Medizin, die ja ebenfalls Homosexualität lange Zeit als Krankheit taxiert hat.

Einem Homosexuellen zu sagen, mit ein bisschen gutem Willen und Glauben kannst du dich verändern – ist das nicht weit schlimmer?
Es ist eine Pathologisierung aus angeblich wissenschaftlichen Gründen. Sie erkennt die Komplexität des Phänomens Homosexualität nicht an. Ich vermute, dass auch die Freikirchen immer die männliche Homosexualität im Visier haben, zügellosen Analverkehr, der Aids zur Folge hat. Alle anderen Spielarten von Sexualität sind für sie Terra incognita.

Eine Theologie der Penetration, der auch die römische Kirche huldigt?
Ja, es dominiert in den Religionen eine Theologie des Koitus, der Penetration. Für die römische Amtskirche ist der einzig legitime Ort der Sexualität die Ehe, und zwar nur der Koitus – Gott will es so. Das ist eine biologistische Perspektive.

Darum sind die Religionen auch durch und durch patriarchal.
Es gibt Staaten, die die Zivilehe noch nicht kennen, etwa Israel. Dort kann man nur vor dem Rabbiner heiraten. Das war eine Konzession David Ben Gurions an die Ultraorthodoxen. Nach traditionell jüdischem Recht kann der Mann auch die Frau entlassen und ihr sogar die Scheidung verweigern.

Im islamischen Recht, in der Scharia, ist das nicht anders.
Das ist nicht zuerst konfessionell bedingt, sondern in der altorientalischen Kultur angelegt.

Die türkische AKP und ihre Religionsbehörde Diyanet haben neulich die Imam-Ehe diskutiert, mit dem Ziel, das Heiratsalter der Mädchen markant zu senken.
Das ist archaisch. Wenn ein 12-jähriges Mädchen geschlechtsreif ist, wird es für ehefähig gehalten. Auch das ist eine biologistische Verkürzung. Wir wissen: Nicht die anatomische, sondern die psychologische Reife macht ehefähig.

Verbietet sich grundsätzlich ein Zurück zu religiös fundierten Ehemodellen?
Angesichts der Herausforderung durch die Ehe für alle kommt es zu solchen Wünschen: Der Staat habe keine schlüssige Ehetheorie mehr, darum müsse man die Jurisdiktion über die Ehe den Religionsgemeinschaften zurückgeben. Das wäre ein sehr gefährlicher Weg, weil er zu einer unzulässigen Pluralität der Ehedeutungen führen würde – sogar in Richtung einer indirekten Anerkennung der Polygamie oder der Gewalt gegen Frauen. Sollte der Staat die Spielregeln der Religionen anerkennen, würden sich solche Probleme häufen.

Die Ehe zu säkularisieren heisst auch, sie zu entpatriarchalisieren? Die Religionen haben ja alle ein patriarchales Eheverständnis.
Das stimmt, aber nicht umgekehrt. Es gibt keine Garantie, dass die Säkularisierung die Ehe automatisch weniger patriarchal macht. Aber man darf das nicht rückgängig machen.

Wollen denn überhaupt alle Homosexuellen die Ehe?
Da habe ich meine Zweifel. Gewiss, innerhalb der LGBT-Gemeinschaft gibt es eine «ökumenische» Grundeinstellung: Wir wollen nicht diskriminiert werden. Was Heteros dürfen, dürfen auch wir. Ein Teil sagt dann allerdings: Wir sind anders als andere, wir wollen weiterhin eine signifikative Minderheit sein. Und wir wollen, dass die Gesellschaft unser Anderssein anerkennt, nicht nur unsere Gleichheit.

Erstellt: 06.08.2019, 11:06 Uhr

Der katholische Theologe Alberto Bondolfi (73) war bis 2011 Professor für Ethik an der reformierten theologischen Fakultät Genf. Von 2002 bis 2013 war der Tessiner Mitglied der Nationalen Ethikkommission.

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