«Man sieht, was man selbst prophezeit»

Andy Clark hat eine der einflussreichsten philosophischen Schriften der letzten Jahrzehnte verfasst. Ein Gespräch über die Realität und unseren Geist.

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Es gibt zwei Arten von Philosophen. Die einen kommentieren, erklären und verteidigen die Theoriegebäude, in denen sie leben. Die andere Art ist eine verschwindende Minderheit – sie errichten ein ganz neues Gebäude. Mut gehört dazu, ein brillanter Kopf, Offenheit gegenüber allem, was die neue Struktur stützt, Sturheit gegenüber jenen, die sie attackieren, bisweilen auch ein Hang zur Exzentrik.

Andy Clark erfüllt alle Bedingungen. Er liebt bunte Hemden und fährt Cabrio, weil er keine Dächer mag. Er bezeichnet sich auch nicht als Philosophen. Natürlich kennt er die Geschichte der Philosophie, aber die Fragen und Probleme, auf die er in anderen Disziplinen stösst, interessieren ihn meist mehr. Er sammelt Theorien ebenso wie Kostüme und alte Rechenmaschinen und ist begeistert von allem Technischen, mit dem der Mensch sich umgibt.

Clarks Philosophie ist der Versuch, alles, was er sammelt, in sein Denken zu integrieren – mit immensem Erfolg. Sein Essay über den durch technische Hilfsmittel erweiterten Geist gehört zu den einflussreichsten philosophischen Schriften der letzten Jahrzehnte. Im deutschen Sprachraum noch wenig diskutiert, zählt Clark, der in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, im angelsächsischen Raum längst zu den Superstars. Er vertritt die These, dass der Mensch nur erkennt, was er selbst vorhergesagt hat. Wir alle, sagt Clark, konstruieren unsere Welt aus uns selbst heraus – ein wenig so, als würden wir mit offenen Augen und wachen Sinnen halluzinieren.

Herr Clark, ich sehe Sie auf dem Bildschirm meines Laptops, während wir per Skype miteinander telefonieren. Aber was genau passiert da eigentlich, wenn ich Sie sehe?
Sie sehen, wen und was Ihr Geist für plausibel hält. Aktuell bin ich das. Entgegen der landläufigen Meinung funktioniert Wahrnehmung nicht so, dass über Ohren, Augen, Nase oder Haut Sinnesdaten unser Hirn kitzeln, das diese dann verarbeitet. Diese Anschauung, die sehr viele Philosophen teilen, nenne ich die Homer-Simpson-Theorie: Wer ihr anhängt, stellt sich unseren Geist wie Homer Simpson vor, der auf dem Sofa herumliegt und erst aktiv wird, wenn ihm jemand eine Dose Bier hinstellt. Aber so ist es nicht. Wir produzieren einen permanenten Strom von Prognosen über das, was uns umgibt. Diese Prognosen sind es, die wir sehen. Und nur am Rande fliessen ausserdem noch Sinnesdaten ein.

Warum sollte die Simpson-Theorie falsch sein? Immerhin hat sie, wenn auch nicht unter diesem Namen, die Mehrheit der Philosophen der letzten Jahrhunderte vertreten. Und plausibler klingt sie auch.
Nein, meine Erklärung ist viel schlüssiger: Unser Geist hat ein riesiges, anpassungsfähiges Netz von Erwartungen gesponnen. Die Information, die von Augen und Ohren hereinkommt, brauche ich nur als winziges Feedback, das mir sagt, dass ich die richtige Erwartung zum richtigen Zeitpunkt hatte.

«Man kann den Prozess der Wahrnehmung auch als kontrolliertes Halluzinieren beschreiben.»

Das heisst, ich weiss vorher schon, was ich sehen werde? Dann brauche ich ja die Sinne und letztlich auch die äussere Welt gar nicht mehr.
Doch, ich brauche die Sinne, als Korrektiv der Erwartung. Wir alle tragen ein Modell der Welt in uns, das sich ständig verbessert, erweitert und korrigiert. Dieser Gedanke bildet den Kern meiner Theorie, die ich predictive processing nenne – Verarbeitung von Vorhersagen: Was auch immer ich erfahre, erfahre ich, indem ich es dank eines internen Modells der Welt vorhersagen und mit der äusseren Welt in Einklang bringen kann.

Aber wenn das innere Modell der Welt wichtiger für die Erfahrung ist als die wirkliche Welt, wo ist da die Grenze zur Einbildung?
Sie ist schwach, aber sie ist da. Man kann den Prozess der Wahrnehmung auch als kontrolliertes Halluzinieren beschreiben. Wer halluziniert, errichtet die Welt aus den Bausteinen seines Geistes. Tatsächlich funktioniert aber auch unsere Wahrnehmung auf sehr ähnliche Weise. Denn in uns haben wir schon ein Modell der Welt, das Dinge wie Tassen, Tische, Linksabbieger oder die Fragen eines Journalisten in sich trägt. Angenommen, man könnte etwas «einfach nur sehen», würde es wahnsinnig lange dauern und sehr viel Rechenleistung von unserem Hirn erfordern, bis wir aus jeder neuen Situation Sinn ziehen können. Viel effizienter ist es, wenn wir die Welt als ideelles Konstrukt bereits verfügbar haben und nur noch von den Sinnesdaten bestätigen lassen müssen.

«Zu 99 Prozent der Ereignisse, die passieren, hat unser Geist recht.»

Wie soll das konkret funktionieren? Dass ich, wenn ich Ihnen zuhöre, immer schon den nächsten Satz, den nächsten Gedanke kenne, bevor ich ihn höre?
Genau so. Während wir uns unterhalten, ist Ihr Hirn ziemlich beschäftigt damit vorherzusagen, was gleich passieren wird. Ihr Hirn ist auch ziemlich gut darin, diese Vorhersagen zu treffen. Es versucht, das nächste Wort vorherzusagen.

Wie? Auf welcher Grundlage?
Das geschieht auf vielen verschiedenen Ebenen. Auf einer sprachlichen Ebene machen die Regeln der Grammatik bestimmte Wortformen in einer bestimmten Reihenfolge mehr oder weniger wahrscheinlich. Und auf einem sehr hohen Niveau fragen Sie sich, während ich rede, die ganze Zeit: Worauf will der hinaus? Was ist sein Punkt? Hinzu kommen Erfahrungswerte: Welche Worte kommen im Englischen* häufig nach diesem Wort oder dieser Satzkonstruktion? Welche Wörter oder Redensarten verwendet Andy häufig? All das berechnen und wägen Sie gleichzeitig ab.

Auch wenn ich mir Mühe gebe: Ich kann raten, aber ich weiss einfach nicht, was Sie jetzt gleich sagen.
Genau. An der Stelle kommen die Prognosefehler ins Spiel. Wenn etwas, von dem mein Geist ausgeht, dass es eintrifft, nicht eintrifft, dann hat er – dann habe ich – ein Problem. Es ist aber kein grosses Problem. Denn zu 99 Prozent der Ereignisse, die passieren, hat unser Geist recht.

Wie das?
Zum Beispiel habe ich gerade gesagt: «zu 99 Prozent ... hat unser Geist recht»; angenommen, Sie hätten gedacht, ich würde sagen: «zu 99 Prozent ... hat unser Geist unrecht», dann wäre nicht die gesamte Prognose falsch. Ihre Prognose wäre im Gegenteil fast komplett richtig: Ich sitze weiterhin auf dem Stuhl, meine Haare haben ihre Farbe nicht verändert, mein Hemd auch nicht, und nur ein einziges Wort kam anders als gedacht. Diese Abweichung wird für spätere Prognoseanwendungen in der Erinnerung gespeichert. Sie müssen deswegen nicht Ihr ganzes Modell der Welt ändern – die Abweichung betrifft ja nur ein winziges Detail in einer sehr spezifischen Situation; schliesslich interviewen Sie mich ja nicht jeden Tag.

Und was wäre, wenn Ihre Haare eben doch plötzlich ihre Farbe änderten?
Eben dafür brauche ich dann die Sinnesdaten: um für Eventualitäten gewappnet zu sein. Ich weiss, wie alles sein sollte, aber nicht, in welchem Zustand sich die Welt gerade befindet. Daher – auch wenn ich sage, dass der Strom der Sinnesdaten gegenüber den Vorhersagen des Geistes nachrangig ist – sind die Sinnesdaten dennoch lebenswichtig. Wir Menschen wurden so designt, dass wir mit Unsicherheit möglichst effizient umgehen können. Das heisst, dass wir nicht permanent wie unerfahrene Babys in die Welt blicken, dass wir aber auch nicht so borniert sind zu glauben, wir würden längst alles kennen. Beides bekäme uns nicht gut.

Aber was ist mit genuiner Neuigkeit, mit etwas, das ich nicht kennen, worüber ich gar keine Voraussagen treffen kann? Wie zum Beispiel Kunst?
Wenn ich eine Ausstellung besuche, werde ich eine ganze Menge zutreffender Annahmen machen, bevor ich das erste Kunstwerk sehe. Denn vielleicht kenne ich die Ausstellungsräume oder habe gelesen, dass expressionistische Kunst gezeigt wird. Und schon werde ich nicht völlig überrascht sein.

Was wäre ein besseres Beispiel?
Tauchen. Wenn man zum ersten Mal in einem Tauchanzug mit Atemmaske unter Wasser ist, merkt man sehr schnell, dass alle Voraussagen und körperlichen Erfahrungen, die man an Land gesammelt hat, nicht gelten. Man sieht fast nichts, der Körper reagiert unvorhergesehen, man kann die Entfernungen nicht einschätzen, verliert die Orientierung. Der Geist feuert zwar Prognosen heraus, aber er feuert ins Leere. Er hat kein Modell vom Leben unter Wasser. Erst mit der Zeit, im Zusammenspiel von Geist und Sinnen, bauen wir ein Prognosesystem auch für diese Umgebung auf. Insofern gibt es da schon eine Analogie zur Kunst: Wenn man eine völlig neue Art von Kunstwerk vor sich hat, eines, das nicht in die vorhandenen Prognoseraster passt, dann muss man sich auch daran erst gewöhnen, muss der Geist erst lernen, damit wir es überhaupt wirklich sehen können.

«Hätten wir kein Modell, wären wir verloren. Hätten wir keine Sinne, wären wir es auch.»

Sie sagen, man könne nichts erkennen, ohne ein Modell, ohne Vor-Urteile zu haben – wie kommen die in uns hinein, bevor wir die erste Erfahrung haben?
Ja, gute Frage. Die einen, die Empiristen, glauben, dass alle Erfahrung, die wir haben, von aussen in uns hineingekommen ist, aus der Umwelt, in der wir uns bewegen. Die anderen, die Nativisten, sagen: Nein, nein, wir sind mit einem ziemlich ausgefeilten Modell auf die Welt gekommen, das es uns erlaubt, die Welt zu erkennen. Diese beiden konträren Positionen spielen aber keine grosse Rolle in meinem Modell. Denn es beginnt einfach irgendwo, Gestalt anzunehmen. Und erst mit der Zeit, wenn man Hunderte, Tausende, Millionen falsche Voraussagen gemacht hat, wird es schliesslich ziemlich gut. Das heisst: Erst während man versucht, den Strom der Eindrücke vorherzusagen, baut man ein Modell auf, das den Strom der Eindrücke tatsächlich vorhersagen kann.

Je älter wir werden, desto besser funktioniert das Modell also?
Ja und nein. Denn die Sinne lassen natürlich nach und auch die geistige Kraft. Grundsätzlich glaube ich aber, die Evolution hat in uns einen sehr guten Wahrnehmungsapparat installiert, der es erlaubt, die Welt zu begreifen, aber auch, wenn sich plötzlich etwas ändert, unsere Annahmen über die Welt anzupassen. Hätten wir kein Modell, wären wir verloren. Hätten wir keine Sinne, wären wir es auch. So haben wir jederzeit die Möglichkeit zu einem Update.

Sie haben die Frage aber noch nicht wirklich beantwortet: Was ist am Anfang in unserem Geist? Der Philosoph Karl Popper ging davon aus, dass der Geist ein leerer Kübel sei, der erst langsam mit Sinnesdaten und Erfahrungen gefüllt wird. Aber wenn wir am Anfang gar keine Schublade haben, in die wir unsere Sinnesdaten ablegen können, dann ist ja alle Erfahrung wirr.
Richtig. Darum glaube ich, dass einige grundlegende Annahmen vor aller Erfahrung notwendig sind, um die Welt dann auch wirklich erfahren zu können. Solche grundlegenden Annahmen sind wahrscheinlich Raum und Zeit. Immanuel Kant hatte vermutlich ganz recht, dass wir ein paar Ordnungssysteme in uns haben müssen, bevor wir mit dem Erkennen loslegen können. Man kann auch davon ausgehen, dass die physikalische Struktur des Körpers und die Morphologie des Gehirns schon bestimmte Voraussetzungen und Annahmen in sich tragen über die Welt, die wir bewohnen werden. Wie ein Maulwurf sehr gut dafür ausgerüstet ist, unter der Erde zu leben und sich dort zurechtzufinden.

Wie muss man sich dann die erste Erfahrung überhaupt – als Fötus oder Säugling – vorstellen?
Sie ist weder klar noch null, sondern muss wohl irgendwo zwischen blühender, schwirrender Verwirrung und etwas vage Strukturiertem liegen.

Woher wissen Sie, ob es so etwas wie Realität gibt? Kant sprach von der Welt an sich, die uns nicht zugänglich sei, weil wir alles nur durch die Brille unseres beschränkten Erkenntnisapparates wahrnehmen. Die Idealisten folgerten daraus, dass es diese Welt an sich gar nicht gibt. Was antworten Sie denen?
Dass sie mir erst ein überzeugendes Gegenargument geben müssen. Ein Beispiel, das manche anführen, ist die Hohlmasken-Illusion. Wir sehen eine Hohlmaske und denken, die Maske sei erhaben, dabei ist sie nach innen gewölbt. Es gibt da auch keinen Lerneffekt: Egal wie oft ich sie mir ansehe, es scheint immer so, als würde die Nase rausstechen. Das liegt daran, dass mein internes Modell daran gewöhnt ist, ein Gesicht als erhaben zu erkennen. Da überstimmt der Geist die Sinne. Aber ist die Welt deshalb nur von mir ausgedacht? Nein, denn der Wahrnehmungs-Irrtum bedeutet ja nicht, dass es diese Maske nicht gibt. Im Gegenteil: Das Beispiel zeigt sehr klar, dass es einen Sinnesreiz gibt, auch wenn dieser dann falsch interpretiert werden kann.

Fraglich ist also nicht, ob es die Welt gibt, sondern was unser Geist aus ihr macht?
Ja, die Verarbeitung der Sinnesdaten ist die philosophisch viel interessantere Frage: Es gibt, soweit ich sehe, keine Möglichkeit festzustellen, ob unser Geist die Daten auf gute oder schlechte Weise verarbeitet. Es kann sein, dass er stur und herrisch wird und Sinnesdaten, die er besser beherzigen sollte, einfach ignoriert. Aber ob er das tut oder nicht, das können wir eben nicht beobachten.

Machen wir es ganz konkret: Vor mir liegt ein Blatt Papier mit Fragen. Angenommen, es liegt wirklich da, ist also nicht von mir ausgedacht – in welchem Verhältnis steht es zu dem Blatt Papier, das ich sehe?
Auf jeden Fall sehe ich nicht, wie es die Idealisten dachten, nur meine Idee eines Blatts Papier. Ich sehe das Blatt Papier. Aber ich sehe es auch wiederum nur eingeschränkt so, weil es ein wenig Imagination braucht, um aus den Sinnesdaten dieses Bild des Blattes in mir zu konstruieren. Dieses selbe Blatt Papier ist in keiner Weise ein Blatt Papier für meine Katze. Es ist für sie auch da, aber sicherlich etwas anderes als für mich. Denn die Katze hat eine andere Struktur, wie sie die Sinnesdaten in ihrem inneren Modell der Welt einordnet.

Wie kamen Sie denn auf Ihr Modell der prognostischen Erkenntnis? Es ist ja nicht gerade naheliegend.
Zum einen bin da ja nicht allein draufgekommen, viele andere Kognitionswissenschaftler und Philosophen haben dazu beigetragen und denken in eine ähnliche Richtung. Zum anderen kenne ich keine andere Theorie, die näherliegend wäre. Die Methode ist erstens enorm effizient, was die Rechenleistung des Hirns angeht. Sie ergibt aber auch phänomenologisch Sinn, weil man Halluzinationen und viele andere Dinge damit erklären kann. Und sie macht biologisch Sinn. Denn die Mechanismen, wie ich sie sehe, scheinen sich sehr gut zu decken mit der neuronalen Struktur unseres Körpers.

«Was einen Menschen von Maschinen unterscheidet, ist, dass wir nicht zielgerichtete Wesen sind.

Sie sprachen die Effizienz Ihrer Theorie an. Sie scheint eine grosse Nähe zu einer Erfindung der Computerwissenschaft zu haben.
Sie meinen das predictive coding. Stimmt, aber predictive processing, meine Theorie, ist davon doch recht verschieden. Predictive coding geht auf Versuche bei Bell in den 1950er-Jahren zurück, bei Datenübertragungen möglichst wenige Daten und dabei die maximale Information zu senden. Dabei wird der Code so programmiert, dass nur Daten anfallen, wenn die Information einen anderen Weg nimmt als vorhergesagt. Die meisten Arten von Datenkomprimierung funktionieren so. In einer Videodatei etwa wird nicht Millisekunde für Millisekunde das gesamte Bild gespeichert, sondern nur die Teile des Bildes, die sich von einem Moment auf den andern verändern. Daher stimmt es schon: Ein Teil meiner Theorie ist beeinflusst von kommerzieller IT-Anwendung. Weil die so effizient ist. Predictive processing ist eine Methode für den Geist, Rechenleistung zu sparen.

Noch mal: Was ist der Zusammenhang zwischen einer Videodatei und unserem Geist?
Die Analogie liegt darin, dass der Geist, wie ein Speichercode, davon ausgeht, dass unsere Umwelt – respektive eine Videosequenz – bestimmten Mustern folgt, die seiner Erwartung entsprechen. Solange das Leben oder das Video nach Plan laufen, ist keine grosse Anstrengung nötig. Erhöhte Rechenleistung wird erst dann abgerufen, wenn das Muster durchbrochen wird, wenn ein unvorhergesehener Fall abgespeichert werden muss.

Grosse Teile Ihrer Erkenntnistheorie gehen auch auf Ihre Beschäftigung mit Maschinenlernen und Robotern zurück. Können Roboter mehr von uns lernen, oder ist es andersherum?
Der Philosoph Michael Wheeler hat gesagt, je besser wir uns verstehen, desto bessere Roboter können wir bauen. Vielleicht könnte man ergänzen: Und desto besser verstehen wir wiederum uns selbst. Ein Roboter, der in den Grenzen, in dem es ihm möglich ist, wahrnimmt, hat eine interne Struktur, die unserem internen Modell der Welt ähnelt. Von einem solchen, an Erkenntnis interessierten Roboter muss man den Roboter unterscheiden, der nur bestimmte Befehle befolgt, sagen wir, einer Linie zu folgen. Ein Linienroboter muss keine Prognosen machen, er folgt einfach einer Linie. Wenn man aber einen Roboter bauen möchte, der die Welt ähnlich gut erkennt wie wir, selbst wenn er nur sehr karge sinnliche Informationen bekommt – der muss unheimlich viele Annahmen machen, bevor er etwas «sieht».

Hätten Sie ein Beispiel?
Wenn ich von meinem Büro aus dem Fenster blicke, sehe ich das diesige Meer, ein paar Seemöwen und im Dunst eine kleine Marina. Auf dem Mast eines Bootes, da ist etwas. Ich meine zu sehen, was es ist, ohne es optisch erkennen zu können – für einen Computer ist das enorm anspruchsvoll. Denn um sinnvolle Prognosen zu machen, muss man ziemlich viel über die Welt wissen.

Sagen wir, auf dem Mast sitzt eine Möwe. Ein Roboter könnte von den Umrissen aber auch auf den Gedanken kommen, dass da eine Teekanne steht.
Genau. Er kann keine Dinge ausschliessen, wenn er keine Erfahrung, wenn er kein internes Modell der Welt hat. Insofern ist es eine Einweg-Lernrichtung: Roboter lernen von uns. Je mehr wir aber versuchen, Roboter zu bauen, die in unserem Sinne wahrnehmen, desto mehr lernen wir wiederum in diesem Prozess über unsere eigene Wahrnehmung. Was einen Menschen aber von bislang allen Maschinen unterscheidet, ist der Umstand, dass wir nicht zielgerichtete Wesen sind. Wir haben eine Art artifizielle Generalintelligenz im Gegensatz zu Robotern, die ein oder mehrere sehr spezielle Ziele verfolgen. Unser Ziel ist sehr allgemein: Vorhersagefehler zu vermeiden. So weit sind Roboter noch längst nicht, sie haben nur Befehle, aber keinen Geist.

«Geist» tönt in der deutschen Sprache merkwürdig vage und esoterisch, ist aber der Zentralbegriff der zeitgenössischen Philosophie, der «philosophy of mind». Sie haben eine Theorie des «erweiterten Geistes» entwickelt. Was verstehen Sie darunter?
Gemeinhin glauben wir, unser Geist wohne in unserem Hirn. Im Kopf, so nehmen wir an, laufen all die unglaublichen rationalen und emotionalen Prozesse ab, die das Leben so reich und so komplex machen. Und das stimmt auch, nur eben nicht ausschliesslich. Denn der Kopf allein kann nichts ausrichten, wenn er nicht auf einem Körper sitzt. Die Art, wie wir uns bewegen, was und wie wir bestimmte Dinge tun, ist ebenso Teil des erweiterten Geistes wie die Hilfsmittel, die wir benutzen: Mit Zettel und Stift denken wir anders als mit dem iPhone in der Hand; zu Fuss auf einem weiten Feld nehmen wir ein Unwetter anders wahr als in einem Auto. Die Tätigkeit des Hirns hängt sehr eng damit zusammen, wie wir die Welt wahrnehmen und mit welchen Handlungen wir wieder in die Welt hinauswirken. Körper und Geist sind zwei Seiten derselben Medaille. Es gibt nicht auf der einen Seite das Hirn und auf der anderen Seite die Welt. Sie gehören zusammen und beeinflussen sich gegenseitig.

«In der Philosophie geht es darum zu erklären, wie die Dinge zusammenhängen.»

In Ihrer Philosophie sind Erkennen und Handeln eng miteinander verknüpft. Wie genau hängen sie miteinander zusammen?
Die Voraussagen darüber, wie wir glauben, dass die Welt sei, bestimmen auch, wie wir in der Welt handeln. Andersherum haben Handlungen wiederum Einfluss auf die Vorhersagen. Das heisst, ich verhalte mich auf eine Art und Weise, von der ich glaube, dass sie dem Zustand der Welt, den ich vorhersage, angemessen ist.

Das heisst: Wenn nicht eintrifft, wovon ich ausgegangen bin, dann helfe ich mit meinen Handlungen so lange nach, bis es doch passiert?
Ja. Unser Handeln ähnelt dem wissenschaftlichen Experiment: Man hat bestimmte Annahmen, und wenn die nicht eintreffen, dann ändert man den Aufbau des Experiments, bis es irgendwann klappt. Erst wenn es gar nicht klappt, ändere ich vielleicht meine Hypothesen.

Grundsätzliche Frage: Die Philosophie war einmal eine Leitwissenschaft. Täuscht der Eindruck, dass die Philosophie den Anschluss an die echte Welt ein Stück verloren hat?
Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Teile der Philosophie haben sich sicherlich ein wenig abgekoppelt. Für Aussenstehende, auch für philosophisch Interessierte und Gebildete, ist dann fast nicht mehr verständlich, was da eigentlich verhandelt wird. Diese Diskussionen haben dann vielleicht wirklich nicht mehr so viel mit den grossen, ewigen Fragen zu tun wie jener, ob ich glauben kann, was ich sehe. Aber gleichzeitig gibt es immer wieder Philosophen, die neue Fragen aufwerfen und Antworten geben, die dann wiederum in kleine, unverständlich werdende Verästelungen führen. Das sind einfach die Zyklen des Denkfortschritts.

Sie sind einer der Philosophen, die neue Fragen aufwerfen. Was ist für Sie Philosophie?
In der Philosophie geht es eigentlich immer darum zu erklären, wie die Dinge zusammenhängen. Wie hängt meine physische Identität mit mir als Person zusammen? Mit meinem Bewusstsein? Mit mir als moralisch Handelndem? Mit der Welt? Nur wenn die Philosophie das leistet, ist sie auch interessant.

Erstellt: 24.08.2019, 21:46 Uhr

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