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«Ganze Karrieren wurden zerstört»

«Moskau Einfach!» macht die Fichenaffäre von 1989 zur Kinokomödie. Wie sieht das der Historiker Jakob Tanner?

«Das Auffliegen eines monströsen Überwachungsapparates in einer Musterdemokratie hat sich tief in das historische Gedächtnis eingegraben», sagt Historiker Jakob Tanner. Filmstill aus «Moskau Einfach!». Foto: Ona Pinkus
«Das Auffliegen eines monströsen Überwachungsapparates in einer Musterdemokratie hat sich tief in das historische Gedächtnis eingegraben», sagt Historiker Jakob Tanner. Filmstill aus «Moskau Einfach!». Foto: Ona Pinkus

Sind denn alle völlig von der Rolle? Es ist 1989, der unscheinbare Polizist Viktor (Philippe Graber) wird von seinem Chef (Mike Müller) als Spitzel ins Schauspielhaus Zürich eingeschleust, um über umstürzlerische Pläne zu berichten. Als Statist im Shakespeare-Stück fasziniert ihn dann aber vor allem die Schauspielerin Odile (Miriam Stein).

Die Komödie «Moskau Einfach!» von Micha Lewinsky eröffnete am Mittwoch die 55. Solothurner Filmtage und macht aus der Fichenaffäre eine Zeitgeschichtsklamotte – inklusive Identitätsspielen und Wahnvorstellungen. Was sagt der Historiker Jakob Tanner zum Geschichtskino aus der Zeit von Betonköpfen und Nonkonformisten?

Damit der Polizeispitzel zum glaubwürdigen Linken wird, stellt ihm sein Chef Bücher von Max Frisch und Peter Bichsel in die Wohnung. Etwas simpel, oder?

Die Staatsschützer in der Schweiz des Kalten Krieges pflegten tatsächlich sehr stereotype Bedrohungsbilder. Insofern ist es folgerichtig, dass der Film stark klischiert. Von den Auseinandersetzungen innerhalb der Linken hatte die Bundespolizei wenig Ahnung. Und in den WGs standen damals durchaus Frisch, Hohler und Bichsel, daneben aber auch «Das Kapital» von Marx sowie Herbert Marcuse oder Walter Benjamin. Das hat die Rechte ja auch immer irritiert, dass die Inspirationsquellen des gesellschaftlichen Wandels von links kommen.

Der Spion macht vom Autositz aus Fotos seiner Zielpersonen. Hat man das so gemacht?

Fotos schiessen war, wie ein Dokument von 1974 festhielt, «selbstverständlich». Wurde vor einer Kaserne demonstriert, war hinter jedem Fenster eine Hochleistungskamera platziert. Die Protestierenden erschienen sozusagen zu ihrem eigenen Fototermin. Das wussten sie auch, weshalb sie sich zum Teil vermummten.

Observation anno 1989. Philippe Graber (links) in «Moskau Einfach!». Bild: Ona Pinkus
Observation anno 1989. Philippe Graber (links) in «Moskau Einfach!». Bild: Ona Pinkus

«Moskau Einfach!» macht aus der Fichenaffäre von 1989 eine Komödie, mit Rollenspielen und Klamauk. Ist das ein guter Film?

Ich finde, er verhebt. Der Staatsschutz war während des Kalten Krieges komisch realitätsfremd. So etwas kann man nur karikieren. Der Film zeigt auch, dass nicht wenige unter der Fichierung gelitten haben. Da wurden ganze Karrieren zerstört. In «Moskau Einfach!» gibt es die etwas verträumte Figur des Lora-Moderators, der gern Lehrer werden möchte, aber nur in der Theaternische einen Job bekommt.

Der Film erwähnt den Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp und die darauffolgende PUK, die Parlamentarische Untersuchungskommission, die auf 900'000 Fichen stiess. Wissen die Leute noch, was damals geschehen ist?

Nicht unbedingt und immer weniger. Historisches Bewusstsein erodiert schnell. Unter dem «Fall Kopp» kann sich nur noch eine Minderheit Genaueres vorstellen. Dagegen hat die Erinnerung an die Fichenaffäre eine gewisse Abnützungsresistenz. Dieses Auffliegen eines monströsen Überwachungsapparates in einer Musterdemokratie hat sich tief in das historische Gedächtnis eingegraben.

Damals war es ein Riesenskandal.

Es gab bereits vorher ein Wissen um diese Zustände. Doch als die PUK gegen Ende ihrer Untersuchungstätigkeit im Herbst 1989 vor diesen riesigen Fichenschränken stand, ist sie schon erschrocken. Die Nachricht von der Existenz einer solchen Staatsschutzbürokratie schlug dann wenige Tage vor der Abstimmung zur Volksinitiative «Schweiz ohne Armee» wie eine Bombe ein.

Proteste vor dem Bundeshaus 1990. Foto: Keystone
Proteste vor dem Bundeshaus 1990. Foto: Keystone

Wie stellt der Film die Stimmung in der Schweiz kurz vor dem Fall der Mauer dar?

Was er sehr gut trifft, ist diese graue, gespenstische Wahnwelt, in der die amtlichen Staatsschützer operiert haben. Auch die dilettantische Überwachungspraxis und der Hang zu abstrusen Verschwörungstheorien werden plastisch vermittelt.

Für die Kenner wird sogar die legendäre Banalität aus der Fiche über die St. Galler Nationalrätin Menga Danuser zitiert: «Trinkt abends gern ein Bier.»

Genau. Es ist ja ein Schweizer Film. Das ermöglicht eine Fokussierung auf Bekanntes. Unter den Tisch fallen transnationale Vorgänge, vor allem die Erkenntnis, dass die eigene Bevölkerung bespitzelt wurde, dieselbe Überwachung aber im internationalen Finanzsektor und im Transithandel völlig unterbelichtet war. Über das organisierte Verbrechen wollte die Bundespolizei offensichtlich nichts Genaues wissen. In diesem Bereich gingen die Behörden mit frappanter Laxheit vor. Bundesrätin Kopp, die durchaus vorhatte, die Strafnormen für Drogen- und Steuerfluchtgelder zu verschärfen, stolperte ausgerechnet über einen solchen Fall, indem sie ihrem Mann telefonisch einen «Tipp» gab und das anschliessend bestritt. Solche Zusammenhänge bleiben im Film unterbelichtet.

«Eine Stärke des Films ist, dass er die Tiefenschichten der antikommunistischen Nachkriegs-Schweiz zum Vorschein bringt.»

Jakob Tanner

Auf jeden Fall spielt der Film mit der Schweizer Geschichte. In einer zentralen Szene tritt die Schauspielerin Odile in einem Zunftsaal in Zürich auf und singt vor lauter älteren Herren das Soldatenlied «La petite Gilberte de Courgenay».

Hier liegt dann wieder die Stärke der filmischen Darstellung. In dieser Szene wird der ganze imaginäre Hintergrund vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg mobilisiert. Der Film «Gilberte de Courgenay» von Franz Schnyder kam 1941 ins Kino, mit Anne-Marie Blanc als helvetischem Star. Er prägte die damalige Geistige Landesverteidigung und romantisierte die Verbundenheit von Volk und Armee. Typischerweise über eine Frau, die eine emotionale Klammer für das Land darstellte. Das wird in dieser Männergesellschaft gefühlstrunken ausagiert.

Nach dem Lied setzt Odile allerdings zu einer Tirade gegen die Armeeabschaffer an und wird dabei immer extremer, schlägt vor, Künstler zu erschiessen.

Das ist der Moment, in dem die Stimmung kippt. Einem nach dem andern bleibt das Lachen im Hals stecken. Am Schluss will nur noch ein vertrottelter Alter Applaus geben, wird aber umgehend daran gehindert. Es breitet sich eine depressive Zurückhaltung aus. So will die versammelte Gesellschaft die «freie Schweiz» dann doch nicht verstanden haben. Eine Stärke des Films ist, dass er mit solchen Szenen die Tiefenschichten der antikommunistischen Nachkriegs-Schweiz zum Vorschein bringt, auch wenn nicht alle diese Bezüge leicht zu dechiffrieren sind.

Der Film zitiert hier auch wieder, nämlich den provokativen Auftritt der «Müllers» 1980 im Schweizer Fernsehen.

Ja, da stellt sich spontan ein Echoeffekt ein. Auch der ironische TV-Auftritt der «Müllers» während der Jugendbewegung «Züri brännt» stand in der linken 68er-Provokationstradition. Diese Strategie der Zuspitzung hatte das Ziel, dem Bürgertum den Spiegel vorzuhalten. Odile zeigte der Zunftgesellschaft, wohin diese «Moskau-einfach!»-Parolen führen können. Die Linke konnte fest damit rechnen, dass das bürgerliche Gegenüber sagte: «Nein, so haben wir das aber nicht gemeint.»

SP-Nationalrat Moritz Leuenberger bei der Präsentation des PUK-Berichts im November 1989. Foto: Keystone
SP-Nationalrat Moritz Leuenberger bei der Präsentation des PUK-Berichts im November 1989. Foto: Keystone

Solche Provokationen hätten es heute wohl schwer.

Heute würden an einer AfD-Veranstaltung alle voll klatschen bei solchen Tönen. Das ist sozusagen der neue Tenor gegen die «Eliten» und für das «Volk». Das sehen wir auch in der Schweiz. SVP-Nationalrat Andreas Glarner erklärte 2016, die Schweiz müsse sich «mit Stacheldraht abriegeln» – da fragt man sich, wann er in der Zunft-Szene mit Klatschen aufgehört hätte. Die Grenzen des Sagbaren haben sich inzwischen massiv verschoben. Das hat auch mit den Radikalisierungstendenzen in den Resonanzräumen der sozialen Medien zu tun.

Das heisst?

Heute ist es möglich geworden, jede Plattitüde und jede Beleidigung zum Besten zu geben und damit Aufmerksamkeit zu erzeugen. Kein Wunder, dass rechte Parteien dieses Mittel extensiv nutzen. Bürgerlich-liberale Haltungen bröckeln aber auch in der Mitte weg. Wenn es um die Ausweisung von Ausländern geht, kommen in der Bundesversammlung Beschlüsse zustande, die grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien, bis hin zum zwingenden Völkerrecht, verletzen. Das war in den 90er-Jahren noch nicht möglich.

«Nicht nur im Finanzsektor ist Überwachung heute Teil der Unternehmenskultur.»

Jakob Tanner

Wenn wir schon von der Gegenwart reden: Dank der Credit Suisse haben wir heute wieder einen Überwachungsskandal. Nur ist es jetzt ein Privatunternehmen, das Mitarbeiter beschattet.

Die Privatwirtschaft hatte schon immer eigene Überwachungspraktiken. Interessant ist, dass nach der Fichenaffäre das Bild eines Staatsschutzes dominierte, der unfähige Mitarbeiter beschäftigt und Geld verpulvert, ohne irgendetwas Sinnvolles zu produzieren. Das beförderte einen neoliberalen Diskurs, der auch andere Staatsaktivitäten als überflüssig und schädlich darstellte. Die 90er waren ja dann auch in der Schweiz eine Dekade der Liberalisierung und Deregulierung.

Und heute können die Konzerne die Überwachung gleich selber übernehmen.

Der Fall Iqbal Khan spielt sich in einem hoch kompetitiven Umfeld der internationalen Vermögensverwaltung ab. Nicht nur im Finanzsektor ist Überwachung Teil einer Unternehmenskultur, die unter dem Diktat von Stress und Leistung steht. Auto fahrende Spione, die mit Fotoapparaten in der Gegend herumfahren, haben zwar nicht ausgedient, doch die Digitalisierung hat ein neues Zeitalter der Überwachungs- und Kontrolltechniken eingeläutet, das den Film-Plot von «Moskau Einfach!» ziemlich alt aussehen lässt.

Ein Ausschnitt aus «Moskau Einfach!» Video: Vimeo/Vinca Film

«Moskau Einfach!» an den Solothurner Filmtagen: 25.1., 21 Uhr, Reithalle; 28.1., 20.45 Uhr, Reithalle. Ab 13. Februar in den Kinos.

Podium mit Regisseur Micha Lewinsky, dem Datenschutzbeauftragten Bruno Baeriswyl u.a.: 11. Februar, 18 Uhr, Arthouse Le Paris, Zürich.

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