Diesem Venedig gehört die Zukunft

Das Filmfestival an der Adria war früher für Pannen gut. Heute läufts besser. Mit Netflix- und Amazon-Filmen überholen die Italiener ihre Konkurrenz.

Lady Gaga spielt, als wäre sie ein zaudernder Niemand: Szene aus «A Star Is Born». An der Gitarre Bradley Cooper. Foto: Warner Brothers

Lady Gaga spielt, als wäre sie ein zaudernder Niemand: Szene aus «A Star Is Born». An der Gitarre Bradley Cooper. Foto: Warner Brothers

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Man hätte es nicht besser erfinden können. «Lady Gaga und ich haben über unsere italienischen Wurzeln zusammengefunden, ohne dass wir davon gewusst hätten», sagt Bradley Cooper bei der Premiere zu «A Star is Born». «Bei unserem ersten Treffen sassen wir nach zehn Minuten am Tisch und assen, was sie uns gekocht hatte.»

Zwei Fremde a tavola. So was geht einem am Filmfestival Venedig natürlich wie Balsam runter, scusi, wie Aceto balsamico – auch wenn einem dabei als Filmjournalist der Magen knurrt, weil man hier zu Essenszeiten geringe Chancen zur Nahrungsaufnahme hat. Dies aufgrund notorisch überlanger Wettbewerbsfilme, die in der ­Regel um 11.30 Uhr oder 19.00 Uhr beginnen (unter 120 Minuten geht dann gar nichts), sowie anderer Pressetermine, zu denen längeres Anstehen Pflicht ist. Ganz zu schweigen von den zeitaufwendigen Checkpoints. Die Polizei hat rund ums Festival Strassensperren errichtet, während in der Luft unablässig Helikopter kreisen.

Aufregendes Starpaar

Mutmasslicher Grund für den Ausnahmezustand: An der Mostra ist die Promidichte so hoch wie selten. Man könnte nun darüber sinnieren, wie verrückt eine Welt geworden ist, in der solche Kulturanlässe nur noch in Hochsicherheitszonen möglich sind. Man kann die Tatsachen aber auch runterwürgen und festhalten: Bradley Cooper und Lady Gaga haben die inoffizielle ­Auszeichnung für das aufregendste Festivalstarpaar mit mindestens einer Lagunenlänge Vorsprung gewonnen. Er, der einst als Schönling der klamaukigen «Hangover»-Trilogie entsprang, zeigt mit dem Remake des «A Star Is Born»-Stoffs nicht nur seinen Regieerstling, sondern debütiert auch als Sänger, was wie ein Mix aus Lynyrd Skynyrd und Bon Jovi klingt.

Lady Gaga dagegen stemmt ihre erste Filmhauptrolle problemlos und führt in Venedig eine platinblonde Frisur spazieren, wie sie die Diven aus Hollywoods klassischer Ära nicht adretter trugen. Da hat es durchaus System, zu betonen, dass sie schon immer Schauspielerin werden wollte. Ihr mangelt es nicht an Selbstvertrauen – ganz im Gegensatz zu ihrer Filmfigur Ally, die erst mal nur hobbymässig in einer Dragqueen-Bar singt und dort vom zufällig reinstolpernden Rockstar Jackson (Cooper) entdeckt, umschwärmt und gefördert wird.

Angeblich wurde das Kino während der Premiere von «A Star Is Born» vom Blitz getroffen.

«Es ist dieselbe Geschichte – immer und immer wieder», sagt Gaga in Venedig, während Cooper seine Ehrfurcht vor der bekanntesten Filmversion von 1954 mit Judy Garland und James Mason durchschimmern lässt. Die Story läuft auch beim vierten Update klassisch: Hier der erfolgreiche Künstler, dem sein Werk nichts mehr bedeutet und der sich langsam zugrunde richtet, dort die angehende Sängerin, deren Karriere erst noch lanciert werden will. Wobei die Herausforderung für Gaga darin bestand, dass sie über weite Strecken nicht den Star spielt, der sie heute ist, sondern bloss entsprechendes Potenzial erahnen lassen sollte.

«Als ich 19 war, fanden mich Produzenten nicht sexy genug und wollten meine Songs anderen Sängerinnen geben», sagt sie. «Aber ich weigerte mich, denn ich glaubte an mich. Ally dagegen hat sich zu diesem Zeitpunkt fast aufgegeben. Die grösste Herausforderung war, diese Verwundbarkeit aus mir rauszuholen.»

Es läuft wie am Schnürchen

Das sieht man jetzt auf der Leinwand. Und erfährt zudem, wie die hemdsärmlige Gitarrenrock­ära ein Ende findet, während Ally einen Manager sucht (und bekommt), der sie als modernen Dancepop-Act aufbaut. Das ist Musikgeschichte. In Erinnerung wird aber auch die Premierengala bleiben.

Laut «Variety» wurde das Kino vom Blitz getroffen, worauf das Branchenblatt kalauerte, «A Star Is Born» habe Venedig im Sturm erobert. Falsch ist das nicht, im Gegenteil, und ausser einem 15-minütigen Unterbruch wegen technischer Probleme war nichts zu beklagen. Überhaupt läuft das aktuelle Festival organisatorisch so sehr am Schnürchen, dass man sich wundert, wie es je anders sein konnte. So blicken wir mit Verwunderung auf die Filmpremiere von Marc Forsters «Finding Neverland» (2004) zurück, die wegen Pannen erst nach 2 Uhr morgens begann. Oder auf jenes Gewitter von 2010, in dessen Folge mannshohe Löwenplastiken die Treppen herunterpolterten und das Pressezentrum zur unbetretbaren Lagune machten. Ganz zu schweigen von dem neuen Festivalpalast, der für 2012 geplant war, aber nie errichtet wurde. In Erinnerung bleibt eine Baugrube, die jahrelang klaffte, weil darin Asbest gefunden worden war.

«A Star Is Born» - Der Trailer. Quelle: Youtube

Von diesen Pannen und anderen Unglücklichkeiten merkt man dem Festival heute nichts mehr an. Im Gegenteil: Sogar das seit 2010 geschlossene Hotel des Bains – einst Schauplatz von Thomas Manns «Tod in Venedig» und seit den Anfängen der Mostra Treffpunkt für Stars – hat seine Tore wiedergeöffnet. Ein bisschen jedenfalls. Zum 75. Jubiläum ist im Belle-Epoque-Palast eine Ausstellung über das Festival zu sehen, wie es sich seit 1932 präsentierte.

Die Anfänge werden dabei nicht ausgespart. So sieht man auf den Schwarzweissfotografien Hakenkreuzflaggen im Kinosaal oder einen Empfang für Nazipropagandaminister Joseph Goebbels. Die Mostra war ursprünglich ein Marketinginstrument des Faschismus.

Dass Direktor Alberto Barbera im Hotel des Bains die ganze Festivalgeschichte zeigt, spricht für das aktuelle Selbstverständnis in Venedig. Und für einen Anlass, der sich neuen Herausforderungen stellt. Im Gegensatz zu Cannes sind hier Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Studios hochwillkommen. Mehr noch: Deren Filme, allesamt von renommierten Autorenfilmern inszeniert, dominieren bislang den Wettbewerb. Die Coen-Brothers haben mit «The Ballad of Buster Scruggs» ein in sechs Episoden aufgesplittertes Werk über Sterbevarianten in der amerikanischen Pionierzeit gedreht. Mike Leigh ­beschreibt in «Peterloo» den Gä­rungs­prozess in der englischen Arbeiterschaft vor dem gleich­namigen Massaker von 1819 bei Manchester.

Und Luca Guadagnino verfrachtet sein Remake von Dario Argentos «Suspiria» (ein Amalgam aus Psychotrip, Tanz und Hexerei) ins frostige Westberlin von 1977, was für Hauptdarstellerin Dakota Johnson («Fifty ­Shades of Grey») immerhin den Vorteil hat, dass sie ihre Kleider meist anbehalten darf.

Freiheit des Erzählens

Es wäre nun einfach, diesen Werken die dramaturgischen Schwächen vorzuhalten, die sie tatsächlich haben. Andererseits gilt es, hervorzuheben, dass gerade die Streamingdienste ihren Regisseuren erzählerische und formale Freiheiten zugestehen, wie man sie zuletzt in herkömmlichen Produktionen selten fand. So gesehen stehen Netflix und Amazon schon jetzt als Sieger da. Die Trumpfkarten für die Zukunft hält dieses Festival fest in der Hand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2018, 18:59 Uhr

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