Rheinau

Musikalische Begegnungen und Lampenfieber in herrlichem Ambiente

Für den dreitägigen 41. Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb bot das Wochenende den perfekten Rahmen. Das Niveau war hoch, doch es war kein Kampf.

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Am vergangenen Wochenende machte die Musikinsel Rheinau ihrem Namen alle Ehre: Umrundete man das Gebäude des ehemaligen Klosters, waberten feine Klangfetzen Richtung Rhein. Man sah aber auch Väter mit Klavierbänken unter dem Arm und andere, die Harfen auf Rollwagen schoben.

Auffallend elegant gekleidete Kinder in Schwarz, mit Gilet oder im Paillettenkleid strömten meist still in sich gekehrt zum Eingang. In vielen Proberäumen und den Sälen wurde musiziert, solo auf Streich- und Holzblasinstrumenten, Schlagzeug, Harfen und Akkordeons, aber auch in entsprechenden Kammermusikensembles. Die berühmten «15 Minuten Ruhm» durften die 8- bis 20-Jährigen bei ihrem Vorspiel am Schweizerischen Jugendmusikwettbewerb (SJMW) «geniessen» – so es denn ein Genuss war.

Selbstkritische Protagonisten

«Ich bin nicht so zufrieden, denn ich bin einmal rausgefallen», kommentiert der 13 Jahre alte Nicolas Triebold aus Zürich seinen Auftritt. Er lernt am Konservatorium Winterthur und startet als Soloviolinist mit einer satten Partita von Bach und den atemberaubenden Zigeunerweisen von de Sarasate. Sein «Patzen» dürfte den allerwenigsten Zuhörern aufgefallen sein, sie konnten es höchstens für den Bruchteil einer Sekunde an seinem Gesicht ablesen. Was zählt, ist jedoch die Meinung der Jury, und die empfiehlt ihm zwischen den beiden Stücken, doch ruhig einmal die Geige nachzustimmen.

Als es nicht ganz klappt, springt Beate Sauter, selbst Konzertgeigerin, ein: «Brauchst du Hilfe bei den Wirbeln?», fragt sie und legt sich das Instrument auf die Schulter. «Es ist schade, wenn es nicht stimmt.» Und ihr Jurykollege Marc Luisoni, Violinist im Tonhalle-Orchester Zürich, ergänzt später: «Das ist auch besser für unsere Ohren!» Für das Nachstimmen gebe es keinen Punktabzug, im Gegenteil, die Jugendlichen sollten den Raum spüren und sich möglichst gut darauf einstellen. Am Abend wird Nicolas der 2. Preis mitgeteilt.

Mehrere erste Plätze

Der SJMW ist kein hartes Ausstechen von Kontrahenten, die Preise können mehrfach vergeben werden. Vielmehr ist es eine Evaluation mit einem Punktesystem, bei dem 25 Punkte einen 1. Platz mit Auszeichnung bedeuten. Im Anschluss an die Bekanntgabe der Resultate schliessen sich deshalb auch Teilnehmerberatungen an. Die Jugendlichen, ihre Lehrpersonen und die Eltern bekommen von der Jury die Bewertung erläutert.

Der Oboist Nicky Schmidli aus Aproz VS war bereits im vergangenen Sommer zu einem Meisterkurs auf der Musikinsel. «Es ist wunderbar hier, hübsche Säle, sehr gross – so etwas haben wir in der Westschweiz nicht», fasst er seine Eindrücke zusammen. Für ihn war aber auch das Zusammentreffen mit Musikern aus aller Welt, China, den USA, Thailand, wichtig. Den Unterricht hatte er als Sonderpreis am letztjährigen SJMW gewonnen, wo er in einem Trio spielte.

Das Lösen von der Lehrperson

«Man sollte nicht denken, dass damit die Karriere gemacht ist», betont Hans-Ulrich Munzinger, Mitorganisator und Jurymitglied. Vom stetig steigenden technischen Niveau ist er angetan, doch vor allem gefällt ihm, die Entwicklung der Jugendlichen zu beobachten. «Mit zunehmendem Alter lösen sie sich von den Lehrpersonen und haben auch mehr gehörte Musik im Ohr.»

Manche Kinder entwickeln ihren eigenen Weg, den die Eltern nur noch staunend begleiten können, lässt sich im Gespräch mit ihnen heraushören. Andere wie der Geiger Nathan Ammann wachsen in einem musikalischen Umfeld, Vater Pianist, Mutter Sängerin, auf. Auch sein Bruder Sebastian hat sich mit dem Cello qualifiziert, im vergangenen Jahr traten sie als Duo auf. Die Familie ist 2011 aus den USA in die Schweiz gekommen, die chinesische Grossmutter lebt bei ihnen in Bäretswil. Der 13-Jährige spielt seit sieben Jahren und hört sich absichtlich nicht die anderen Teilnehmer an, um sich nicht zu verunsichern. Zu seiner Performance mag er nicht viel sagen. «Er ist bescheiden und Perfektionist», ergänzt der Vater, «er hat eine realistische Einschätzung von sich selbst.» Musiker zu werden, ist für Nathan eine Option, oder Mathematiker.

Hackbrett-Duo aus der Region

Ambitioniert sind auch Livia Hartmann aus Winterthur und Sina Merki aus Rickenbach. Sie bilden das Hackbrett-Duo Avilanis. Was der Name bedeutet? «Es sind unsere beiden Vornamen rückwärts zusammengeschrieben», erklären die 14-Jährigen. Sie haben eine Suite vorbereitet, die die gesamte Bandbreite ihrer Kunst präsentieren soll. Zunächst traditionelle Appenzeller Musik, dann klassisch Telemann und eine Mazurka des italienischen Komponisten Migliavacca. Ausserdem erklingt der «Roma­nian Train Song» mit improvisierter E-Blues-Skala.

Die Geschwindigkeit meistern sie mit technischer Raffinesse, die aufeinander abgestimmte Dynamik zeigt, wie gut sie das Zusammenspiel beherrschen. «Der Motivator ist die super aufgestellte Lehrerin», sagt Mutter Hartmann und zeigt auf Erika Peter, die schon fünf solcher Duos aufgebaut hat. «Mein Ziel ist, das Image des Hackbretts zu verbreitern», antwortet die Winterthurerin. Noch nie haben so viele Musizierende an den Vorausscheidungen teilgenommen (1400); knapp 400 schafften die «Entrada» und damit den Weg nach Rheinau.

Willkommenes Ausflugsziel

Der Anlass zog ebenso externe Besucher wie Uta Bestler aus Wiesendangen an, die der Hinweis in der «Landbote»-Agenda, das schöne Wetter und das Interesse, auch einmal die Klosterkirche zu besichtigen, nach Rheinau lockten. Dementsprechend bevölkert war das Areal von Donnerstag bis Samstag, ohne dass es überfüllt wirkte. Man möchte der Musikinsel die kreative Atmosphäre, das Spielen, Flanieren und Entspannen der jungen Leute jeden Tag gönnen.

Erstellt: 08.05.2016, 18:54 Uhr

Die Teilnehmer aus Winterthur und der Region

1. Preis mit Auszeichnung für Blockflötistin

Koryna Lottenbach, Embrach (1. Preis mit Auszeichnung, Blockflöte), Ann-Kristin Langer, Winterthur (1. Preis, Klavier), Linda Peter, Nürensdorf (1. Preis, Blockflöte), Salome Pilgram, Winterthur (1. Preis, Klavier), Tobias Staub, Winterthur (1. Preis, Violine), Nathan Ammann (2. Preis, Violine) und Sebastian Ammann, Bäretswil (1. Preis, Violoncello), Jascha Maximilian Gramatic, Winterthur (2. Preis, Klavier), Livia Hartmann, Winterthur, und Sina Merki, Rickenbach (2. Preis, Hackbrett/Duo Kammermusik), Toya Belén Johansen, Winterthur (2. Preis, Klavier), Lorena Schwerzmann, Winterthur (2. Preis, Violoncello), Niccolo Stibal, Dägerlen (3. Preis, Kontrabass). gsp

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