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SRF 2: «Der Läufer»Lauf in den Abgrund

Inspiriert vom wahren Fall Mischa Ebner: Ein Schweizer Film will zeigen, wie einer zum Gewalttäter wird. Dazu ein Gespräch mit den Machern.

Trainiert, als ginge es um sein Leben: Jonas (Max Hubacher).
Trainiert, als ginge es um sein Leben: Jonas (Max Hubacher).
Foto: PD

Weil SRF 2 den Spielfilm «Der Läufer» am 10. Juni um 20.10 Uhr als Fernsehpremiere zeigt, schalten wir diesen Artikel von 2018 noch einmal auf:

Man meint sich an eine eigenartige Stimmung in Bern zu erinnern, in jenen Augusttagen im Jahr 2002. Die Polizei suchte einen Serientäter, der mehrere junge Frauen brutal angegriffen, eine von ihnen tödlich verletzt hatte. Eltern rieten ihren Töchtern, nachts nicht alleine unterwegs zu sein. Drei Wochen nach dem Mord war der Täter gefasst: Mischa Ebner, Koch und erfolgreicher Waffenläufer. Im November 2002 erhängte er sich in seiner Zelle im Regionalgefängnis Thun.

Auch Stefan Eichenbergers Schwester durfte in dieser Zeit nicht nach Bern in den Ausgang. Heute ist er Filmproduzent, und der Fall Mischa Ebner hat ihn während der letzten gut fünf Jahren intensiv beschäftigt. Jetzt ist «Der Läufer» abgedreht, produziert von Eichenberger und inszeniert von Regisseur Hannes Baumgartner. Die beiden sitzen auf einer weitläufigen Terrasse im Berner Sandrain, von oben lärmt der Verkehr über die Monbijoubrücke. Eichenberger erinnert sich, wie erstaunt er gewesen sei, dass der Täter ein Sportler war – so wie er selber, damals ebenfalls ein ambitionierter Läufer. «Später fand ich heraus, dass er an gewissen Rennen teilgenommen hatte, an denen ich auch gelaufen bin.»

Geschehen in die Gegenwart verlagert

Bei aller persönlichen Betroffenheit: Woher kam der Entschluss, Ebners Geschichte in einem Spielfilm zu erzählen, an die Realität angelehnt zwar, aber doch fiktiv? Das hat, wie Produzent und Regisseur erzählen, damit zu tun, dass es Opfer und Angehörige gibt, die man schützen wollte. Aus Rücksicht auf sie habe man im Film alle Namen geändert, das Geschehen in die Gegenwart verlagert – und in sämtlichen Werbetexten darauf verzichtet, den Namen des realen Täters zu nennen.

Dass dies nun jenen obliegt, die über den Film berichten, ist nicht ganz widerspruchsfrei. Die Macher aber fühlten sich in erster Linie den Betroffenen moralisch verpflichtet. «Wo ein Kontakt möglich war, haben wir sie frühzeitig über unser Projekt informiert», sagt Hannes Baumgartner. Auch mit Ebners Pflegemutter war das Team im Gespräch. Sie legte dem Projekt keine Steine in den Weg. «Ihr war es aber wichtig, dass es ein fiktionaler Film würde», so Eichenberger.

«Je nach Blickwinkel sind unterschiedliche Lesarten möglich.»

Hannes Baumgartner, Regisseur

Für die Fiktion sprach zudem auch ein inhaltlicher Aspekt: weil nämlich jede Annäherung an den Fall eine Interpretation sei, erklärt Baumgartner. Je nach Blickwinkel seien unterschiedliche Lesarten möglich. Er habe den Fokus bewusst auf die Psyche des Täters gerichtet – und auf die Frage, wie Gewalt entsteht. Dabei unternimmt «Der Läufer» etwas eigentlich Paradoxes: Der Film versucht, ein Verhalten zu erklären, das sich nicht restlos erklären lässt – und ist sich dieser Unmöglichkeit völlig bewusst.

Für die Recherche hat sich Hannes Baumgartner viel Zeit genommen. Er sagt, entscheidend sei der Kontakt zum damaligen psychiatrischen Gutachter gewesen, dessen Einblick in die Innenwelt des Täters ihm sehr geholfen habe. «Er beschreibt ein komplexes, kaum zu entwirrendes Zusammenspiel verschiedener Faktoren.»

Verstehen, aber nicht Verständnis wecken

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch der Regisseur in seinem Film: Er will verstehen, aber nicht Verständnis wecken. Nachvollziehbar machen, aber gleichzeitig reflexive Distanz ermöglichen. Gewalt zeigen, aber sie nicht zur Hauptsache werden lassen. Das alles klingt nach einem ziemlichen Balanceakt – und auch wenn der Film ihn letztlich meistert: «Der Läufer» ist auch für das Publikum eine Herausforderung.

Schliesslich müssen die Macher nicht zuletzt damit umgehen, dass ihre Adressaten gewisse Sehgewohnheiten mitbringen, wenn es um Mörder auf der Leinwand geht. Diese werden hier allerdings sehr konsequent gebrochen.

Jonas Widmer (Max Hubacher), wie die Hauptfigur im Film heisst, erscheint als unauffälliger junger Mann, zuverlässig am Arbeitsplatz, erfolgreich im Sport, gebettet in eine funktionierende Beziehung. Als er beginnt, nachts Frauen die Handtaschen zu entreissen, scheint es zunächst, als traue er sich dabei selber nicht recht über den Weg.

Und doch lässt etwas aufmerken: Wie dieser junge Mann den Blick abwendet, wenn ihn eine Frau im Bus anschaut, wie er seine Arbeitskollegin verstohlen beobachtet, oder wie er nach dem Lauftraining, um Atem ringend, die Hände auf die Oberschenkel stützt und der Welt seinen Kopf wie einen Prellbock entgegenhält: Das sind Anzeichen von schlecht vernarbten Wunden einer problematischen Kindheit, die in einer Texttafel am Anfang des Films angedeutet wird. Jonas und sein Bruder Philipp seien von den leiblichen Eltern derart vernachlässigt worden, dass Jonas mit vier noch nicht richtig habe laufen, Philipp mit sechs kaum habe sprechen können.

Baumgartner zeigt in impressionistischen Rückblenden, wie eng die Beziehung der Brüder war, obsessiv beinahe. Bis Philipp (Saladin Dellers), den Älteren, die Spätfolgen der frühkindlichen Verletzungen einholen: Er hat sich – ein Jahr, bevor die Filmhandlung einsetzt – das Leben genommen. Sprechen will Jonas nicht über den Verlust, auch nicht darüber, dass der tote Bruder in seinen Träumen als Wiedergänger auftaucht. Und jedes Mal schwappt das versenkte Trauma wieder an die Oberfläche.

Keine Trivialpsychologie

Der Berner Max Hubacher spielt Jonas als Verstockten, beinahe Sprachlosen, und sein Gesicht hat oft dieses Zähe, dieses Sehnige, wie es Langstreckenläufer haben. Hubacher («Der Verdingbub», «Mario») absolvierte für den Film ein intensives Lauftraining, sogar auf das Rauchen hat er verzichtet.

So arbeitet der 24-Jährige glaubwürdig das Rastlose, Gehetzte seiner Figur heraus, die keinen anderen Weg weiss, als vor den eigenen Gefühlen wegzurennen – was in einem anderen Film vielleicht wie Trivialpsychologie wirken würde, hier aber durch die Wirklichkeit beglaubigt ist. Wie ein Leitmotiv zieht sich Jonas’ Atmen durch den Film – mal im antrainierten Rhythmus des Läufers, mal als verzweifeltes Luftschnappen.

Es macht den Druck deutlich, der auf Jonas lastet und der in jenem Moment unerträglich wird, als fast gleichzeitig seine Freundin auf Abstand geht und seine Arbeitskollegin einen Annäherungsversuch zurückweist. Als Jonas schliesslich nachts, irgendwo bei einem menschenleeren Bahnhof, eine Unbekannte anspricht und eine weitere Abfuhr erhält, ist ihm das Grund genug, brutal zu werden.

Still, gehetzt, brutal: Jonas unterwegs im nachtschwarzen Bern.
Still, gehetzt, brutal: Jonas unterwegs im nachtschwarzen Bern.
 Bild: zvg

Ganz akkurat skizziert Hannes Baumgartner hier also einen Zustand von Isolation, Verdrängung und zunehmender Gekränktheit, die aufs Mal in Aggression umschlägt.

Das Publikum bekommt das hautnah mit: Es ist ein Film zum Durchbeissen. «Der Läufer» lässt einem kaum Gelegenheit zum Aufatmen, man ist Jonas ständig nahe, bewegt sich mit ihm durch ein nachtschwarzes Bern, durch Wälder in Tarnfarben. Musik gibt es keine, gesprochen wird wenig. Das ist nichts als konsequent, denn hier wird der Thrill, die Stilisierung bewusst vermieden. Es ist eine Konsequenz, die einem übergeordneten Ziel dient, auf das Baumgartner und Eichenberger im Gespräch hinweisen: Man wolle eine Diskussion darüber auslösen, wie Gewalt entsteht; der Film könne da eine Einstiegsmöglichkeit bieten.

Grosse Erwartungen ans Kino

«Der Läufer» besteht, bei allen didaktischen Ansprüchen, auch als Film. Obwohl er in seinem Verzicht auf fast alles, was an Raffinesse und Brillanz möglich wäre, fast etwas Mönchisches hat. Bis auf jene längere Sequenz am Schluss, bei der Baumgartner seinen Bildern für einmal erlaubt, symbolisch zu werden. Jonas rennt – abermals – davon, nicht als trainierter Läufer, sondern als Taumelnder, Verzweifelter. Die Kamera folgt ihm, filmt ihn im Profil, sein Kopf geht auf und ab, auf und ab, auf und ab. Das Bild verschwimmt, und es ist, als ob er zwei Gesichter hätte. Oder keines.

3 Kommentare
    Krattiger

    Der Film war ein glatte Enttäuschung: Das Genuschel der Schauspieler war nur mit Untertiteln zu verstehen, sehr viele Aufnahmeeinstellungen waren so dunkel, dass man überhaupt nichts sehen konnte. Die Motivation des Täters für seine Verbrechen war nie auch nur im Ansatz ersichtlich und der Schluss abrupt und eine reine Zumutung. Schade, man hätte aus dem Stoff mehr machen können.