Das Mädchen und der Loverboy

Das ist die Geschichte eines Mädchens aus dem Kanton Bern. Sie verliebte sich, er zwang sie zum Sex mit anderen Männern.

Die Täter bauen gezielt eine starke psychologische Abhängigkeit zum Opfer auf. (Symbolbild)

Die Täter bauen gezielt eine starke psychologische Abhängigkeit zum Opfer auf. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Es härzigs Modi, sagt die Mutter. Es lächelt von den Fotos an der Stubenwand. Das Modi mochte «Baywatch», die Rettungsschwimmer-Serie. Es wollte auch ein knallrotes Badekleid tragen.

Das Modi ist jetzt 16 Jahre alt. Es lebt im Loryheim in Münsingen. In einem «Erziehungsheim für verhaltensauffällige, begabte junge Frauen». Heisst es im Steckbrief. In einem Heim für die «Schwierigsten der Schwierigsten der Schwierigen». Sagt Direktorin Eliane Michel.

Die Mutter las den Satz in der Zeitung und stutzte. «Unsere Tochter ist nicht schwierig», sagt sie. «Sie ist ein Opfer. Und wir sind eine traumatisierte Familie.»

Ohne Anschluss

Ein Dorf am Rand des Kantons Bern. Eine Strasse, ein Haus, am Eingang ein Windspiel. Die Frau sitzt am Tisch in der Stube, daneben ihr Mann. Sie wollen die Geschichte ihrer Tochter erzählen. Aber sie möchten nicht erkannt werden.

Die Familie kam vor Jahren aus der Stadt in das Dorf. Das Leben ist günstiger hier. Die Eltern waren Hippies, fast jedenfalls. «Wir hatten es immer gut da oben», sagt die Mutter. «Aber das Modi hat einfach nie richtig Anschluss gefunden.»

«Das Modi wurde zu Männern gebracht, vergewaltigt, auch von mehreren erwachsenen Männern.»Die Mutter

Die Frau ist klein und quirlig und redet viel. Der Mann ist gross und bedächtig und sagt fast nichts. Er blickt durchs Fenster. Regentropfen laufen herunter. Hinter dem Haus steht ein Bauwagen.

Es begann so, dass sich die Eltern für einen umstrittenen Lehrer starkmachten. Sie waren die Einzigen im Dorf. «Wir waren wie Papageien. Das half dem Meitschi auch nicht, Freunde zu finden.» Dabei war es kontaktfreudig. Ging in den Volleyballclub. Spielte in der Dorfmusik. Machte beim Theater mit.

Es hatte eine Freundin. Doch die zog bald weg.

In der Badi

Sommer 2016. Zum ersten Mal ging das Mädchen ohne Mutter in die Badi. Es war 13, allein, stand da in der Badi, vielleicht im roten Badekleid, sah um sich. «Man konnte sie einfach pflücken», sagt die Mutter. Und da traf sie diesen Jungen. «Hübsch, lässig, lockere Sprüche, schmiss mit Geld um sich.» Das härzige Modi traf einen härzigen Schnüggu. «Schüggu, so nannte sie alle Jungen, die ihr gefielen.» Er nannte sich Peter. Schweizer, sprach den Dialekt der Gegend.

Sie war unsicher. Er war stark. Sie verliebte sich in ihn. Er führte sie aus.

«Wir merkten gar nichts. Nur, dass sie manchmal traurig war.» Es wurde langsam Herbst. Und da erzählte das Modi ihrer Mutter auf einmal, dass es vergewaltigt worden sei. «Sie hatte Angst, dass sie schwanger wird, deshalb sagte sie es uns.» Es war ein Hilferuf, aber nicht die ganze Wahrheit.

«Wir können gegen die Fremdbetreuung nichts machen, da wir das Obhutsrecht abgeben mussten.»Der Vater

In der Woche vor den Herbstferien ging das Mädchen mit auf die Schulreise. Das Handy liess sie zu Hause. Sie hatte ein Handy, aber nicht von ihren Hippie-Eltern. «Leider hat ihr der Grossvater eines geschenkt», sagt die Mutter.

Als sie weg war, schaute die Mutter ins Telefon. «Das habe ich vorher nie gemacht.» Sie las Chats, Nachrichten. «Wenn ich daran denke, könnte ich kotzen.» Es ging um den Körper des Mädchens, um Sex, Perversionen. Peter war nicht der liebe Freund. Er war ein Loverboy.

Der Loverboy

Ein Loverboy sucht sich gezielt junge, oft unsichere Mädchen aus. Spielt ihnen die grosse Liebe vor. Zwingt sie zu Sex mit anderen Männern. Drängt sie – das ist das Ziel – in die Prostitution. Am Ende verschwindet er spurlos. Ein Loverboy ist ein Zuhälter mit Don-Juan-Allüren, heisst es auf einer Website für Betroffene. Dort informierten sich auch die Eltern.

In den Herbstferien fuhr das Mädchen mir seiner alten Freundin und deren Mutter in die Ferien. Ihr zeigte sie das Tagebuch, das sie geführt hatte. «Da erfuhren wir Einzelheiten», sagt die Mutter.

«Sie wurde mit irgendwelchen Drogen zugeputzt. Wurde unter Druck gesetzt, psychischen und physischen.» Die Eltern sollten nichts erfahren, das wurde ihr eingetrichtert.

«Das Modi wurde zu Männern gebracht, vergewaltigt, auch von mehreren erwachsenen Männern.» Nachts, wenn sie im Bauwagen hinter dem Haus übernachtete, wie sie das als Kind schon gemacht hatte, wurde sie geholt, ohne dass die Eltern es merkten. Einmal wurde sie nach Oensingen auf den Strich geschickt.

Einmal erwachte sie morgens am Waldrand, geschlagen und vergewaltigt. «Dann rief sie ihren Typ an, der brachte sie nach Hause. Sie merkte nicht, dass er der Drahtzieher war. Der Obersauhund.» Und dann spricht für einmal der Vater: «Als sie es dann doch herausgefunden hat, ist für sie eine Welt zusammenge­brochen.»

Die letzte Lösung

Das Dorf, in dem die Eltern leben, ist klein. Relativ abgeschieden, Weitblick übers Land. Das Haus: «Unser Häxehüsli.» Wer Handyempfang braucht, muss in den oberen Stock steigen. «Man sagt oft, dass das hier eine heile Welt ist», sagt die Mutter. Aber das stimme nicht.

Die Eltern mussten Hilfe ­holen. Gelangten an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). An die Fachstelle Berner Gesundheit, an die Fachstelle Act 212. Mehrere Fachleute bestätigen, dass sie die Geschichte des Mädchens kennen. Und sie für glaubwürdig und typisch für das Phänomen Loverboy halten.

Die Kesb sprach eine Gefährdungsmeldung aus. Die Eltern mussten einen Platz finden, zum Schutz der Tochter, an einem neuen Ort, nicht in der Gegend. Sie fanden ihn in der Kindernotaufnahme Schlossmatt in Bern. «Es lief alles gut, bis sie die Gruppe wechselte. Da verlor sie den Faden. Hing bei der Reithalle herum, wurde wieder abgeschleppt. Wir merkten, es geht nicht, sie stürzt ab.»

Blieb das Loryheim. «Eine Justizvollzugsanstalt für Jugendliche», sagt die Mutter. Ein Jahr ist das her. Zuerst die geschlossene Abteilung. Zwischen 21 und 22 Uhr Einschluss hinter der Stahltür. Pro Monat dreimal zwei Stunden Besuch. Vorher: Ausweiskontrolle, Filzen. «Die haben nicht mal einen Spiegel im Zimmer, nur eine Folie. Es hat uns fast das Herz gebrochen, unser Kind dort einzusperren», sagt die Mutter.

Dann die halboffene Gruppe: «Nun durfte die Tochter stundenweise mit uns raus und durfte mal einen Tag nach Hause kommen.»

Ohne Obhutsrecht

Das Lory ist ein grosser Apparat, das therapeutische Angebot umfangreich. Ein Platz in der geschlossenen Abteilung kostet pro Tag 750 Franken. Die Eltern betonen: Sie wollten das Heim nicht schlechtmachen. Aber sie finden, ihre Tochter habe eine posttraumatische Störung, sie müsse in einem Zentrum für minderjährige Traumapatienten behandelt werden. Doch es gebe nur einen einzigen solchen Ort in der Schweiz, in der Ostschweiz. Und dort habe es keinen Platz für sie.

Im Lory lebt das Modi mittlerweile in der offenen Wohngruppe. Sie dürften nicht mitreden, was gut für das Meitschi sei. «Wir hätten sie gerne nach Hause genommen, aber die Institution meint, dass sie noch länger fremdbetreut werden müsse.» Und – jetzt spricht der Vater: «Wir können nichts machen, da wir das Obhutsrecht abgeben mussten.»

Eine Gehirnwäsche

Die Eltern suchen weiter nach einem Platz für das Modi. Sie hoffen, dass die Tochter einmal die ganze Wahrheit sagt. Aber bis heute schützt sie den Mann, der ihr das Leben zur Hölle machte. «Sie ist nicht bereit, eine Aussage zu machen.»

Es härzigs Modi, sagt die Mutter. «Er hat ihr eine Gehirn­wäsche verpasst.»

Erstellt: 14.05.2019, 17:22 Uhr

Loryheim: «Der richtige Ort»

Im Loryheim lebten «die Schwierigsten der Schwierigsten der Schwierigen». So wurde Direktorin Eliane Michel am 19. März nach einem öffentlichen Anlass im Loryheim in dieser Zeitung zitiert. Auf Anfrage sagt nun Michel: «Ich glaube nicht, dass ich es so gesagt habe.» Sie rede aber oft von den «Schwierigsten der Schwierigen» und sei sich bewusst, dass auch eine solche Aussage die Eltern des Mädchens im Loryheim gekränkt habe.

Passender wäre wohl, von den «Bedürftigsten der Bedürftigen» zu sprechen. Es sei eine Tatsache, dass die meisten Bewohnerinnen schon viel erlebt hätten, bevor sie ins Lory gekommen seien. «Deswegen sind sie keine schlechten Menschen.» Oft hätten ihnen auch die Eltern nicht den Halt geben können, den sie benötigten.

Das sei keine Schuldzuweisung, auch dafür gebe es wiederum Gründe. Aus Michels Sicht ist das Loryheim auch für Opfer von Loverboys der richtige Ort. «In unserer Schemapädagogik sind auch traumatherapeutische Elemente enthalten.» Zudem kaufe das Lory bei der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie therapeutische Leistungen ein. «Damit verfügen wird über ein äusserst professionelles und aus unserer Sicht ausreichendes Therapieangebot.» (rei)

Fachfrau: «Ein klassischer Fall»

Seit 2015 setzt sich die Beratungsstelle Act 212 aus Bern für die Opfer von Loverboys ein. Sie führt auch eine Meldestelle für Betroffene. Geschäftsführerin Irene Hirzel kennt die Geschichte des Mädchens, die hier geschildert wird. Die Eltern hatten auch bei ihr Meldung erstattet. «Das ist ein klassischer Loverboy-Fall, in dem man den Loverboy nicht erkennt, weil Betroffene oft schweigen, aus Angst und Scham», sagt Hirzel.

«Früher ging man davon aus, dass es nur Frauen aus dem Ostblock trifft», sagt Hirzel. Doch das stimme nicht mehr. In Deutschland oder Holland sei das Phänomen stärker verbreitet und bekannter, wozu die Fernsehdokumentation «Verliebt, verführt, verkauft» beigetragen habe. Dort gebe es mittlerweile spezialisierte Polizisten. Zuletzt seien aber auch immer mehr Schweizerinnen unter den Opfern gezählt worden.

Das zeigt eine Untersuchung. Von 2015 bis heute zählte Act 212 insgesamt 25 Fälle von Opfern aus der Schweiz. 18 Fälle hat die Fachstelle näher analysiert. Das Resultat zeigt: Alle Betroffenen sind hier aufgewachsen und sind hier wohnhaft, drei Viertel sind Schweizerinnen. Die Hälfte stammt aus dem Kanton Bern, und auch die Hälfte der Tatorte liegt im Bernbiet.

«Fast alle Betroffenen erlebten sexuelle Gewalt und dachten, es sei normal», heisst es im Bericht. Mehrere mussten sich prostituieren. Von fünf Personen wurde pornografisches Material hergestellt. Bei allen Betroffenen wurde gezielt eine starke psychologische Abhängigkeit zum Täter aufgebaut. Und: «Alle Betroffenen haben die Beziehung zu ihrem früheren Umfeld abgebrochen oder vernachlässigt.» 28 Prozent der Täter waren Schweizer, 39 Prozent Ausländer, bei den übrigen ist die Nationalität nicht bekannt. (rei)

Polizei: «Schwierige Ermittlungen»

Die Kantonspolizei Bern kennt das Phänomen Loverboy. Sie wurde in der Vergangenheit vereinzelt damit konfrontiert. Es handelt sich nicht um ein eigentliches Delikt, sondern betrifft Straftatbestände wie beispielsweise Förderung der Prostitution oder Menschenhandel. Diese würden nicht nach der Kategorie Loverboy aufgeschlüsselt. Deshalb könne die Polizei keine Zahlen zu Fällen, mutmasslichen Tätern oder Opfern nennen, erklärt Sprecherin Sarah Wahlen.

Als «äusserst komplex» bezeichnet die Polizeisprecherin die Ermittlungen in den Bereichen Menschenhandel oder Förderung der Prostitution. Die Aussage­bereitschaft möglicher Opfer sei zentral. Ein grosses Problem sei auch, dass diese die Schweiz oft bereits verlassen hätten und sich nicht mehr am Strafverfahren beteiligen wollten oder könnten. Auch befänden sich die mutmasslichen Täter oftmals nicht mehr in der Schweiz. In vielen Fällen würden die Ermittlungen international geführt. (rei)

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