Der Anwalt, der Schulen verklagt

Matura nicht geschafft? Lehrabschluss verpatzt? Auftritt Didier Kipfer, der fast hundert Prüfungen angefochten hat.

Schüler des Gymnasiums Solothurn während einer Mathematikprüfung. Foto: Keystone

Schüler des Gymnasiums Solothurn während einer Mathematikprüfung. Foto: Keystone

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Ein weisses Hemd, ein exakter Scheitel und ein Zeigefinger, der sich streckt und lang wird wie ein Satz auf Juristendeutsch. «Die Schule», erklärt Didier Kipfer mit ausgefahrenem Zeigefinger, «muss wie jede andere staatliche Behörde auf ihr Handeln überprüft werden können.»

Wenn in der Steuerbehörde, im Verkehrsamt oder bei der Polizei ein Fehler passiere, dann leuchte es jedem ein, dass dieser aufgedeckt werden soll. Warum nicht auch in der Schule? Die reine juristische Lehre, das ist bereits jetzt klar, hat der Zürcher Anwalt schon mal auf seiner Seite. Dennoch sagt Kipfer: «Dieses Schulthema ist schon ziemlich undankbar.» Wenn er – zum Beispiel – über gleiche Löhne für Frauen und Männer reden müsste, sagt Kipfer, wäre das eine deutlich angenehmere Angelegenheit.

Dann legt sich der 45-Jährige trotzdem ins Zeug: für die anwaltschaftliche Perspektive, für die Prämissen der Jurisprudenz, für seine Arbeit. «Jeder hat in der Schweiz einen Rechtsanspruch, wenn es rechtliche Fragen zu klären gibt.» Während viele einen Autoritätsverfall der Lehrer beklagen, erkennt Kipfer eine unnötige Hierarchiegläubigkeit: «Dem Lehrer am Zeug zu flicken, das geht bei uns nicht. Damit haben die Schweizer Mühe.»

«Ich habe mir einen Namen gemacht», sagt Rechtsanwalt Didier Kipfer. Foto: zvg.

Didier Kipfer sitzt am langen Konferenztisch seiner Kanzlei an der Zürcher Rämistrasse. Wenn er aus seinem Büro tritt, sieht er das Schauspiel- und das Kunsthaus. Im selben Gebäude wie er arbeitet die Stiftung von Emil G. Bührle, dem Industriellen und Kunstmäzen. Deshalb die vielen, oft abstrakten Bilder an den Wänden. Er persönlich habe die alten Meister ja lieber, sagt der Jurist, der in Zollikon an der Goldküste wohnt.

Kipfer hat sich vor drei Jahren selbstständig gemacht. Als Neuling sei man erst noch etwas unsicher, ob man sich etablieren könne im umkämpften Markt der Anwälte, sagt Kipfer. Da habe er sich aufs Arbeitsrecht und Verkehrsdelikte spezialisiert – und die Schule als Betätigungsfeld entdeckt. Heute kann sich Kipfer vor Anfragen kaum retten. «Ich habe mir einen Namen gemacht.» Fast hundert Prüfungen hat er mittlerweile angefochten, an Schulen in der ganzen Deutschschweiz.

Je mehr Details, desto anfälliger

Auf dem Tisch vor Didier Kipfer liegen zwei Blätter. Auf dem einen steht «Verfahrensfehler», auf dem anderen «Ermessensentscheide». Am liebsten sind Kipfer die Verfahrensfehler. Etwa, wenn die Prüfungsordnung bei der mündlichen Klausur drei Experten vorsieht, aber nur ein einziger auftaucht. «In solchen Fällen erreiche ich in der Regel eine Annullierung oder Wiederholung der Prüfung.» Oder wenn im Vorfeld drei Prüfungsblöcke angekündigt werden, schliesslich aber nur zwei Blöcke geprüft werden. Ganz grundsätzlich gilt: Je detaillierter das Reglement einer Schule ist, desto anfälliger wird es für Klagen. Desto eher wird es zum Juristenfutter.

Eine Chance sieht Kipfer auch dann, wenn Lehrer den sogenannten Ermessensspielraum überreizen. Ein Beispiel aus Kipfers Praxis: Ein Lehrer fragte an einer Prüfung nach dem «grössten Kanton der Schweiz». Kipfers Mandant antwortete mit «Zürich». Dafür gabs null Punkte, weil der Lehrer den flächenmässig grössten Kanton gesucht hatte, also Graubünden. Weil Zürich aber nun mal bevölkerungsmässig der grösste Kanton der Schweiz ist und die Frage unklar gestellt war, war Kipfers Anfechtung erfolgreich.

Eine Güterabwägung

In erster Instanz gelangt Kipfer meist an das SBFI, das Schweizerische Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Unter Umständen würde Kipfer eine Prüfung hinauf bis zum Bundesverwaltungsgericht anfechten. «Dort ist der Handlungsspielraum dann aber deutlich enger. Ein Bundesrichter wird sich die Prüfung nicht mehr selber anschauen.»

Es gehe um eine Güterabwägung, erklärt der Anwalt, und rechnet vor: «Falls wir keinen Erfolg haben, verliert mein Kunde maximal 2000 Franken mit Gebühren und Anwaltskosten. Falls wir gewinnen, darf mein Mandant ins Berufsleben einsteigen.»

Der US-Skandal

Machen Eltern und Schüler bloss ihr gutes Recht geltend, wenn sie sich einen Anwalt nehmen? Oder verfügen nur Reiche über das Geld, das Wissen und die Zeit, sich einen Anwalt nehmen zu können? Lässt sich Bildungserfolg kaufen?

Eine Frage, die sich dieser Tage wieder stellt. Ein übler Bildungsskandal macht Schlagzeilen: US-Promis haben Prüfungsexperten mit Zehntausenden Dollars geschmiert, um ihre Kinder an einer Elite-Uni wie Stanford oder Yale unterzubringen. Unsportliche Schülerinnen verwandelten sich auf dem Papier in Topathleten und nahmen so die Zulassungshürde. Felicity Huffman, bekannt aus der TV-Serie «Desperate Housewives», gab ihren Bestechungsversuch zu. Nun drohen ihr einige Monate Gefängnis.

Trickste ihre Tochter an die Elite-Uni: Felicity Huffman. Foto: AFP

Sicher, die Causa Huffman ist ein Extremfall. Aber der Kult um Diplome, deren Erlangung fast alle Zwecke heiligt, das ausserschulische Wettrüsten – sie finden auch bei uns statt.

Bei Kipfer melden sich vor allem Eltern von Schülerinnen und Schülern, die durch die Lehrabschlussprüfung gefallen sind. Angehende Detailhändler, Coiffeusen, Bauzeichner. Der Anteil der klagenden Gymischüler nehme derweil markant zu, stellt Kipfer fest. Der Anwalt hatte auch schon mit dem Gymnasium Rämibühl zu tun, das nur ein paar Meter von seiner Kanzlei entfernt liegt. «Eltern wollten alle Prüfungen anfechten und so ihr Kind durch die Matura boxen, obwohl sie offensichtlich keine Chance auf Erfolg hatten.»

Und wie sehen die Gymnasiumsvertreter die Angelegenheit? Das Realgymnasium Rämibühl muss sich nach der Aufnahmeprüfung regelmässig mit Rekursen auseinandersetzen. Pro Jahr sind es bis zu acht Klagen. Der Rechtsweg müsse selbstverständlich offen stehen, beteuert Prorektor Philipp Wettstein.

Das Gymnasium Rämibühl muss sich nach der Aufnahmeprüfung regelmässig mit Rekursen auseinandersetzen. Foto: Keystone

Eltern dürften Einsicht in die Prüfung und deren Korrekturen nehmen. Mit einer «sehr sorgfältigen» Prüfung nach den reglementarischen Vorgaben wolle man Klagen möglichst verhindern, sagt Wettstein.

Die Prüfung nochmals angeschaut

Das Einschalten eines Anwalts könne auch eine nicht-juristische Wirkung haben, erklärt Kipfer. «Manchmal schauen die Lehrer sich eine Prüfung nochmals an, wenn ich mich melde. Obwohl sie das, rein juristisch gesehen, nicht tun müssten.» Dann könne es durchaus vorkommen, dass ein Lehrer tatsächlich noch einen oder zwei Punkte zugunsten des Schülers entdecke. «Die wissen ja auch, wie viel für meine Mandanten an der Sache hängt.»

Ob er, der Zürcher Arztsohn, sich in seiner Schulzeit auch mal einen Anwalt gewünscht habe? Nein, sagt Kipfer. Denn er habe in der Schule nie Probleme gehabt. Als Anwalt hat er für Schulversager keine Zeit, komplett aussichtslose Fälle lehnt er ab. Wenn es ums Erreichen einer genügenden Note gehe, sei mindestens eine 3,8 als Ausgangsposition notwendig. «Damit kann ich arbeiten.»

Auch müsse an einer Prüfung sehr viel hängen, es um einen biografischen Wendepunkte gehen – «Matura Ja oder Nein?», «Lehrabschluss jetzt oder nie?». Wegen einer einzelnen Mathematikprüfung, die irgendwann im Verlauf des Schuljahres vermasselt wurde, käme niemand zu ihm, sagt Didier Kipfer. Er hält inne. «Noch nicht.»

Erstellt: 06.06.2019, 08:20 Uhr

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