Er ist Wissenschaftler – und glaubt an eine höhere Macht

Ramin Talib ist in der Schweiz aufgewachsen und hat an der ETH Zürich studiert. Heute lebt er als hinduistischer Mönch in Indien.

«Diese Offenbarungen sind nicht ohne Logik»: Ramin Talib an einem hinduistischen Holi-Festival. Foto: PD

«Diese Offenbarungen sind nicht ohne Logik»: Ramin Talib an einem hinduistischen Holi-Festival. Foto: PD

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Ramin umarmt einen Baum, drückt seine Wange ganz nah an die Rinde. Er steht in einem Garten in Indien. Regelmässig pflanzt er mit anderen zusammen Bäume an. «Das ist ein wichtiger Teil der lokalen Tradition, und nebst der entscheidenden Kohlenstoffbindung tragen Bäume zu Sauberkeit, Schönheit und Bewässerung der Erde bei», sagt der 39-jährige dunkelhäutige Mann mit den kurz geschorenen Haaren, der ganz in Weiss gekleidet ist. Seit 2006 lebt er als hinduistischer Mönch in Indien. Meistens in sogenannten Ashrams in Vrindavan und Orissa. Zudem betreibt er eine eigene Yogaschule.

Fragt man ihn, woran er glaubt, lacht Ramin. «Ach, das ist komplex.» Er gehe von drei Hauptgrundsätzen aus. Erstens glaube er, dass die ganze Welt eine Familie sei. «Dazu müssen wir realisieren, dass wir jenseits von Körper und Land existieren und spirituell verbunden sind.»

Zwei Klassen übersprungen

Zudem ist er überzeugt, dass wir Menschen nicht von nichts, sondern von einer höchsten Person abstammen. «Drittens glaube ich, dass die höchste Person durch ihre unwiderstehliche Schönheit und Reinheit allanziehend ist, jenseits von Kultur und Glauben. In Sanskrit heisst diese Person Krischna, der Allanziehende.»

Ramin wuchs in Pfäffikon ZH auf – seine Mutter ist Schweizerin, sein Vater Malaysier. In der Primarschule übersprang er zwei Klassen, besuchte die Kantonsschule in Wetzikon und studierte später Umweltwissenschaften an der ETH Zürich.

Für ihn als Wissenschaftler ist es kein Widerspruch, an eine höhere Macht zu glauben.

Es folgten Yogastudien in Indien und ein Philosophiestudium in Florida. Er reiste viel herum, war Lehrer an der Ecole d’Humanité in Hasliberg und dozierte an verschiedenen Universitäten auf der ganzen Welt.

Für ihn als Wissenschaftler sei es kein Widerspruch, an eine höhere Macht zu glauben. «Ich habe Gott in inneren Offenbarungen erfahren, für die ich gebetet habe. Diese Offenbarungen sind nicht ohne Logik und Wissenschaft.»

Die Mönche dürfen heiraten – ausser die wenigen, die ein Zölibatsgelübde abgelegt haben. Er selbst ist Single.

Für ihn sei Krischna ein intimer Freund mit Name, Gestalt und Person. Die Mönche dürfen heiraten, ausser die wenigen, die ein Zölibatsgelübde abgelegt haben. Er selbst ist Single.

Das erste Mal in Indien war Ramin im Jahr 2001, als er eine Rundreise machte. «Ich fühlte mich vor allem von der reichen indischen Kultur angezogen – besonders von der klassischen Musik und dem klassischen Tanz.» Später habe er dann die spirituellen Wurzeln dieser Kultur entdeckt, die ihn faszinierte.

Sein Leben sei wie eine indische Pilgerreise – bunt und voller Überraschungen. «Indien wird nicht umsonst die spirituelle Botschaft auf Erden genannt», sagt er. «Ich reise zwar nicht mehr so viel wie früher, doch treffe ich stets sehr inspirierende Menschen aus der ganzen Welt, und meine innere Reise kommt mehr in Schwung.» Nebst dem morgendlichen Meditieren und Singen schreibe er Bücher, Drehbücher und Lieder und setze sich in seinen Projekten ein.

Kampf gegen Plastikmüll

2012 gründete er eine NGO für eine nachhaltige und «seelengerechte» Welt. «Unsere Seele strebt nicht nach materiellem Erfolg, sondern nach Glück. Aber unsere Schulen werden dem nicht gerecht. Das sollte sich ändern.» Seine «Sublime Union» betreibt unter anderem Projekte wie Recycling, organische Landwirtschaft und Baumbepflanzungen. «In Indien ist die Umweltverschmutzung sehr sichtbar, obwohl westliche Länder viel mehr Schadstoffe produzieren», sagt Ramin. «Wir kämpfen vor allem gegen die Verschmutzung der Flüsse und gegen Plastikverschmutzung. Und wir helfen auch, Ökodörfer und -städte aufzubauen.»

Wissenschaftlich könne er beweisen, dass wir feinstoffliche Wesen jenseits des biologischen Körpers seien. «Deshalb brauchen wir nicht nur eine nachhaltige, sondern vor allem eine seelengerechte Welt, welche von Natur her ökofreundlich ist. Ein revolutionärer Paradigmenwechsel ist gerade in unserer Zeit von dringenden radikalen Klimaaktionen sehr notwendig.»

Er pflegt weiterhin Kontakt zu seiner Familie und zwei alten Freunden. Das letzte Mal sei er vor vier Jahren in die Schweiz gereist. «Für meine Mutter war es anfangs nicht einfach. Doch jetzt skypen wir ab und zu, und alle sind glücklich, weil sie sehen können, wie gut es mir geht.»

«Viele sind deprimiert, und wäre ich nicht gläubig, dann wäre ich es vielleicht auch.»Ramin Talib, Mönch

Über seine eigene Zukunft macht sich Ramin Talib wenig Gedanken, über die der Menschheit allerdings schon. «In einer Welt, in der die nächsten 20 Jahre existenziell ungewiss sind, sind wir alle gezwungen, die wichtigsten Dinge im Leben in die Gegenwart zu rufen.»

Als Wissenschaftler wisse er, dass viele Klimaforscher unter Kollegen zugeben würden, dass gemäss ihren Modellen die Menschheit in den nächsten 50 Jahren als Folge des Klimakollapses extrem dezimiert wird oder ausstirbt. «Viele sind deprimiert, und wäre ich nicht gläubig, dann wäre ich es vielleicht auch. Als Gläubiger jedoch weiss ich, dass es für Gott und selbst für unsere Mutter Erde ein Kinderspiel ist, wieder Ordnung herzustellen.»

Wichtig sei jedoch, dass diese Gewissheit nicht zu pseudo-spirituellem Problemumgehen führe, sondern die Menschheit vereint das tun würde, was angesagt sei: «Eine schnelle Wandlung zu einer nachhaltigen, erdfreundlichen Lebensweise.»

«Der Ball liegt bei den Menschen»

Seine Hoffnung sei, dass die Menschheit die notwendige Synergie von Wissenschaft und Spiritualität zustande bringe. «Selbst wenn die Gläubigen denken, sie wissen alles, müssen sie jetzt Demut praktizieren und die Wissenschaft ernst nehmen, sonst werden die Konsequenzen unvorstellbar schwarz sein.»

Auf der anderen Seite könnten frustrierte Leute bei Gläubigen Zuflucht und Hoffnung finden. «Nichts ist unmöglich für Gott. Doch der Ball liegt jetzt klar bei den Menschen. Je schneller wir unseren eigenen Mist aufputzen, desto besser.»

Erstellt: 24.08.2019, 19:57 Uhr

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