Jürg Willi wusste, was Paare einte – und entzweite

Der Zürcher Paartherapeut und Bestsellerautor ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Der bekannte Paartherapeut Jürg Willi. Foto: Keystone

Der bekannte Paartherapeut Jürg Willi. Foto: Keystone

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Offen, neugierig und trotz seines Erfolges bescheiden geblieben – so erlebte man Jürg Willi, wenn man ihn in seinem Haus an der Zürcher Gloriastrasse besuchte. Mit seinen beim renommierten Rowohlt-Verlag erschienenen Büchern «Die Zweierbeziehung», «Was hält Paare zusammen?» oder «Ko-Evolution» erreichte der Direktor der Psychiatrischen Poliklinik am Universitätsspital Zürich ein Millionenpublikum. Jürg Willi ist, wie erst jetzt bekannt wurde, bereits am 8. April mit 85 Jahren verstorben.

Als 1999, zur Emeritierung Jürg Willis, die erste wissenschaftliche Tagung über «Liebe» stattfand, meinte der Geehrte: «Es schien so, als ob die Liebe ein zu wenig seriöses Thema für die Wissenschaften ist.» Dass sich dies geändert hat, ist auch ein Verdienst des Zürcher Professors, der in leicht verständlicher Sprache und mit zahlreichen Fallbeispielen das komplexe und komplizierte Zusammenleben von Paaren erklärte.

Partnerschaft als ein dynamisches System

Als Psychoanalytiker wusste Willi auch um die Bedeutung der Sexualität. So schrieb er im Vorwort zur Taschenbuchausgabe seines 1975 erschienenen Standardwerks «Die Zweierbeziehung»: «Störungen im sexuellen Zusammenwirken stellen häufig die Art der Beziehungsstörung besonders verdichtet und symbolhaft dar.» Im Unterschied zur verbreiteten Orthodoxie verstand sich Jürg Willi stets als Brückenbauer und wandte jene Theoriemodelle an, die in der Praxis am meisten Erfolg versprachen. «Mir scheint die Polemik zwischen Vertretern der Verhaltens- und Kommunikationstherapie einerseits und der Psychoanalyse andererseits wenig fruchtbar, da meines Erachtens beide Therapiekonzepte einander nicht ausschliessen, sondern ergänzen!»

Jürg Willi hat, ähnlich wie der Heidelberger Psychologe Helm Stierlin, die Partnerschaft als ein dynamisches System verstanden, in dem die ausschliessliche Sicht der Individuen nur beschränkt aussagekräftig ist. In einer Paarbeziehung erhält das, was der Einzelne tut oder sagt, eine ganz andere Bedeutung und Resonanz als sonst. Einseitige Schuldzuweisungen seien aufgrund der Interaktion wenig hilfreich, bemerkte Willi einmal im Gespräch. Die vermehrte Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit von Verhalten habe dazu geführt, dass Paare heutzutage zurückhaltender seien im einseitigen Einfordern von Rechten.

In den letzten Jahren litt Jürg Willi an Parkinson. Seine Bücher werden auch im Zeitalter von Tinder Wegweiser in einem unübersichtlichen Gelände bleiben.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.04.2019, 17:58 Uhr

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