«Lärm ist für mich, als würde mich jemand an den Haaren ziehen»

Sängerin Jaël Malli ist hochsensibel. Sie erklärt, welche Auswirkungen eine erhöhte Empfindsamkeit im Alltag hat – und was deren Vorteile sind.

«Zog ich mich früher vor dem Konzert zurück, befürchtete ich, man würde mich für eine Diva halten»: Sängerin Jaël. Foto: Nicole Philipp

«Zog ich mich früher vor dem Konzert zurück, befürchtete ich, man würde mich für eine Diva halten»: Sängerin Jaël. Foto: Nicole Philipp

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Jaël Malli, Sie haben sich für das Gespräch ein Café mitten in Bern ausgesucht. Warum wollten Sie an diesen Ort?
Das Restaurant befindet sich zwar in der Stadt, doch man ist abgeschirmt. Ich kann im Schatten sitzen, weit genug vom nächsten Tisch entfernt. Was andere reden, lenkt mich nicht ab. Hier läuft auch keine Musik. Das schätze ich, denn ich geniesse die Stille. Obwohl: Ausgerechnet jetzt fliegen Flugzeuge über uns hinweg, und ein Rasenmäher dröhnt.

Wie sehr stören Sie diese Laute?
Sie kosten mich Energie, die ich brauchen würde, um mich auf meine Antworten zu konzentrieren. Ich fühle mich, als würde ständig jemand an meinen Haaren ziehen. Noch vor ein paar Jahren wäre ich hässig geworden, ohne zu begreifen, wieso. Mittlerweile komme ich besser mit solchen Situationen klar.

Sie wissen seit einiger Zeit, dass Sie hochsensibel sind. Das bedeutet etwa, dass Sie Lärm schlecht ertragen. Wodurch zeigt sich Ihre übersteigerte Feinfühligkeit sonst?
Ich mag keine extremen Gerüche. Smalltalken in einer Gruppe fällt mir schwer. Bei negativer Stimmung zwischen Menschen wird mir übel, und ich bekomme Bauchschmerzen; schlechte Laune von anderen beziehe ich auf mich. Ich bin oft verspannt oder bekomme einen Tinnitus, sobald ich mich unwohl fühle. Auf intensives Sonnenlicht reagiere ich empfindlich. Und ich bin oft zu gutgläubig, manche würden sagen: naiv.

Wie meistern Sie den Alltag?
Inzwischen habe ich meine Tricks: Ich lege viele Pausen ein, achte darauf, bequeme Kleider zu tragen, esse, wann und was ich mag – um nur einige zu nennen. Zudem habe ich eine Umfeldhygiene betrieben und mich von Leuten getrennt, die mir nicht guttaten.

Schminkt sich ab: «Done with Fake» von Jaëls neuem Album. Video: Youtube

Ihr neues Album «Nothing to Hide» ist erschienen – nichts zu verstecken. Was haben Sie früher verborgen?
Mir war meine einfache Sprache unangenehm, Fachjargon und Fremdwörter liegen mir nicht. Zudem war mir peinlich, dass ich mich weder für Wirtschaft noch für Politik interessiere. Gesprächen über solche Themen bin ich möglichst ausgewichen.

Und heute?
Sehe ich ein, dass ich andere Stärken habe, etwa meine Kreativität. Bloss weil ich Zeitungen nicht von vorne bis hinten studiere, bin ich nicht dumm. Ich begeistere mich lediglich für andere Dinge.

Wie fanden Sie heraus, dass Sie hochsensibel sind?
Vor etwa fünf Jahren las ich zufällig etwas über dieses Thema und vertiefte mich darein. Ich war enorm erleichtert. Ich begriff: Du bist kein schräger Vogel, kein Alien, sondern hochsensibel. Endlich hatte ich eine Erklärung für meine Befindlichkeiten und mein Verhalten. Zog ich mich früher vor dem Konzert zurück oder schickte die Crew raus, befürchtete ich, man würde mich für eine Diva halten. Ich habe mich meiner Bedürfnisse fast geschämt. Inzwischen weiss ich, dass ich meine Ruhe brauche und diese auch verlangen darf.

Hat Ihr Umfeld Verständnis für Sie?
Bisher habe ich hauptsächlich positive Rückmeldungen erhalten. Seit ich mich mit Hochsensibilität beschäftige, fällt mir auf, dass viele meiner Freunde und Bekannten ähnlich ticken wie ich. Und von den anderen habe ich mich ja getrennt.

Streiten Sie sich manchmal mit Ihrem Mann Roger wegen Ihrer Hochsensibilität?
Er kennt mich mittlerweile gut genug, um geduldig zu sein. Er ist ebenfalls eine sensible Person und nimmt mich, wie ich bin. Aber hin und wieder würde er gerne mit mir in einem Restaurant essen, das mir zu laut ist. Oder er bedauert, dass ich nicht an Apéros mitkomme. Dann geraten wir mal kurz aneinander. Aber: Wer tut das nicht?

«Nach einem Konzert sagen mir Fans oft, ich würde ihnen aus der Seele sprechen.»

Sie gehen offen mit Ihrer Feinfühligkeit um. Fällt es Ihnen leicht, sich diesbezüglich zu exponieren?
Es ist, als würde ich den Leuten sagen, dass ich blonde Haare habe. Ich erwähne lediglich eine Tatsache. Findet jemand, der mich nicht kennt, ich sei übersensibel, antworte ich: «Ja, ich bin sehr sensitiv.» Dadurch bin ich weniger angreifbar. Und ich habe die Möglichkeit, auch die Vorteile hervorzuheben.

Die wären?
Ich bin empathisch, kann Gefühle so formulieren, dass sich andere in meinen Songs wiedererkennen. Nach einem Konzert sagen mir Fans oft, ich würde ihnen aus der Seele sprechen. Zudem hilft mir meine Hochsensibilität als Mutter. Ich merke, wenn es Eliah zu viel wird, da ich selbst empfindsam bin wie ein kleines Kind.

Ihr Sohn Eliah Lorin ist zwanzig Monate alt. Sie sagten einmal, er sei wie Sie hochsensibel. Weshalb kommen Sie darauf?
Er ist oft ungeduldig, steht häufig unter Spannung. Eliah sieht alles. Stelle ich ein Glas an einen ungewohnten Ort, irritiert ihn das. Zum Stillen musste ich mich mit ihm auf den Boden legen, damit er von nichts abgelenkt wird. Zudem war er ein Schreibaby, das schlecht schlief. In einer Nacht wachte er bis zu fünfzehn Mal auf. War er endlich eingeschlafen, musste ich bloss einmal etwas lauter ausatmen, und er schrie wieder los. Auch am Tag liess er die Müdigkeit kaum zu.

«Während der Schwangerschaft hatte ich 17 Kilo zugenommen, danach verlor ich 22.»

Wie hielten Sie das aus?
Fast nicht. Leider gerieten wir häufig in eine Abwärtsspirale, steckten uns mit unserer Anspannung gegenseitig an.

Was taten Sie in solchen Situationen?
Meist war ein Ortswechsel nötig. Waren wir draussen, gingen wir zurück in die Wohnung und umgekehrt. Ich lief mit ihm im Tragetuch stundenlang durch den Wald. Während der Schwangerschaft hatte ich 17 Kilo zugenommen, danach verlor ich 22. Ich war in einem Überlebenskampf, fühlte mich oft machtlos.

Sie fächern sich Luft zu. Wird Ihnen die Sonne zu intensiv?
Nein, ich bekomme Schweissausbrüche, wenn ich daran zurückdenke.

Haben Sie je an der Entscheidung gezweifelt, ein Kind zu bekommen?
Das nicht. Aber ich musste mir Unterstützung holen. Vom Arzt liess ich mir Nährstoffe verschreiben, und ich ging regelmässig zu einer Hebamme, die auf solche Babys spezialisiert ist. Drei, vier Stunden war ich jeweils mit Eliah da, und sie beobachtete uns. Sie versicherte mir, ich würde alles richtig machen. Mein Sohn sei aber ein Kind, das mehr Aufmerksamkeit brauche als andere. Die Gespräche und ihr Zuspruch halfen mir. Inzwischen schläft Eliah besser, entwickelt sich täglich.

«Früher hätte ich mein Leben, das ich jetzt führe, als langweilig bezeichnet.»

Und Sie können wieder auf Tournee. Sie sind unterwegs und stehen erneut vor Hunderten von Leuten. Ist das kein Widerspruch zu Ihrer Hochsensibilität?
Auf der Bühne schliesse ich oft meine Augen und trage Kopfhörer. Dadurch bin ich ganz bei mir, in meiner Welt. Autogrammstunden und der Verkauf von Fanartikeln hingegen sind tatsächlich anstrengend und fordern mich heraus. Doch das gehört alles zu meinem Beruf – und den finde ich toll.

In Ihrem Lied «Greatest Win» besingen Sie, wie schön es sein kann, bieder zu sein. Inwiefern sind Sie bünzlig?
Früher hätte ich mein Leben, das ich jetzt führe, als langweilig bezeichnet: Ehe, Kind, um acht ins Bett, um sieben aufstehen, gesunde Ernährung, keine Alkoholexzesse. So verhalten sich Popstars kaum. Ich bin nicht die coole Sängerin, die man sich vorstellt. Trotzdem: Ich bin zufrieden mit meinem Bünzli-Dasein. Etwas anderes vertrage ich schlecht – das weiss ich heute.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 11.10.2019, 15:53 Uhr

Ihr zweites Soloalbum

Jaël Malli, 40, kam in Bern zur Welt. Auf der Bühne steht sie seit über 20 Jahren – von 1998 bis 2013 als Frontfrau der Band Lunik, ab 2015 als Solokünstlerin.

«Nothing to Hide» ist Ende September erschienen und nach «Shuffle the Cards» ihr zweites Studio-Album. Malli ist mit ihrem langjährigen Partner Roger verheiratet. Am 31. Dezember 2017 wurden die beiden zum ersten Mal Eltern. Mit ihrem Sohn Eliah Lorin leben sie in Bern.

Hypersensitivität

Hochsensibilität oder die vom englischen Begriff «high sensitivity» abgeleitete Hypersensitivität ist keine Krankheit, sondern ein Wesenszug. Experten schätzen, dass weltweit zwischen 10 und 20 Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind, doch die Forschung befindet sich noch in den Anfängen.

Hochsensible zeigen ein gesteigertes Ruhebedürfnis, fühlen sich in Gruppen überfordert und ziehen sich oft zurück. Sie spüren, wie es Leuten um sie herum geht, und suchen die Schuld bei sich, wenn jemand übel gelaunt ist. Häufig beschreiben sie auch eine verschärfte Wahrnehmung oder ein starkes Schmerzempfinden.

Geräusche oder Aussenreize wie grelles Licht, kratzende Wolle auf der Haut oder Mückenstiche empfinden sie als störender als Normalsensible. Bezeichnend ist auch ein grosses Harmoniebedürfnis. Der Test auf der Website www.zartbesaitet.net kann Aufschluss geben, ob eine nähere Abklärung sinnvoll wäre.

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