«Lehrer Schmidt» vs. Sek-Lehrerin

Jugendliche lernen gern mit Videos auf Youtube. Hat die normale Schule ausgedient?

Besonders gefragt ist Mathe-Nachhilfe auf Youtube. Dieses Video über Parabeln und Funktionen wurde über eine Million Mal angeklickt.

Besonders gefragt ist Mathe-Nachhilfe auf Youtube. Dieses Video über Parabeln und Funktionen wurde über eine Million Mal angeklickt. Bild: Youtube/ Screenshot Mathe by David Jung

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«Nun zeig ich euch, wie man ganz schnell den Prozentwert ausrechnen kann.» «Lehrerschmidt» ist in seinem Element – auf Youtube. Über 160’000 Abonnenten wollen von ihm wissen, wie man Prozente, Flächen und Dichten berechnet, Brüche kürzt oder wie der Satz des Pythagoras geht. Die hohen Klickzahlen der Videos spiegeln, was eine aktuelle Studie in Deutschland bestätigt: Youtube ist ein beliebter Ort, um sich Nachhilfe zu holen. Fast die Hälfte der 12- bis 19-Jährigen erachten die Videoplattform für wichtig oder gar sehr wichtig für die Schule.

Dieser Befund deckt sich mit Zahlen aus der Schweiz. Klaus Rummler forscht an der Pädagogischen Hochschule Zürich, wie Schülerinnen und Schüler mit neuen Medien lernen. Kürzlich hat er im Rahmen einer vom Schweizer Nationalfonds geförderten Studie 250 Jugendliche befragt, wie sie Hausaufgaben mit digitalen Medien machen. Die Hälfte der durchschnittlich 13-Jährigen gab an, Youtube gezielt für schulische Aufgaben einzusetzen.

Auch Schülerinnen und Schüler der Sekundarklasse von Herbert Wilms nutzen Youtube zum Lernen, am liebsten für Mathematik. Der Lehrer, der in Grafstal im Kanton Zürich unterrichtet, findet das grundsätzlich gut. Er sieht Nachhilfe- und Lernvideos als Chance. «Wir Lehrpersonen wissen: Jedes Kind lernt anders.» Es gebe jene, die im Unterricht nicht so gut mitkommen würden wie andere, oder jene, denen der Unterrichtsstil der Lehrperson nicht zusage. Mithilfe von Videos könnten die Jugendlichen den Stoff anders lernen. Weitere Vorteile liegen auf der Hand: Geht es zu schnell, kann man einfach «Pause» drücken und zurückspulen. Und anders als Herr Wilms sei der Youtube-Lehrer jederzeit verfügbar, sagen zwei seiner Schüler, als er sie fragt, weshalb sie Lernvideos mögen.

Ergänzung ja, Ersatz nein

Nicht nur bei Schülerinnen und Schülern ist Youtube für schulische Zwecke in den letzten 10 Jahren immer beliebter geworden. Auch Lehrpersonen akzeptieren und nutzen Videos vermehrt im Unterricht. Das geht aus Forschungserkenntnissen von Rummler hervor. Wilms setzt Youtube in seiner Sekundarklasse bewusst ein. Jenen, die mit den Aufgaben schneller fertig sind und nichts mehr zu tun haben, gibt er den Auftrag, für die Mitschüler ein Video zu suchen, das den gerade behandelten Stoff erklärt.

Ihm sei bewusst, dass er als Lehrer keine Kontrolle darüber habe, was seine Schülerinnen und Schüler auf Youtube lernten. Er findet es deshalb wichtig, sich selbst dort auszukennen, wo die Jugendlichen im Netz unterwegs seien. Das mache es leichter, ihnen qualitativ gute Videos empfehlen zu können.

Youtuber Lehrerschmidt weiss, wie er Jungen Zahlen und Rechnungen näherbringt. Quelle: Youtube

Mathenachhilfevideos sind besonders beliebt bei Schülerinnen und Schülern, auch jene von Davin Jung. Quelle: Youtube

Auch ein Geschichtslehrer an einer Zürcher Berufsfachschule ist sich der Risiken bewusst, die Lernvideos auf Youtube bergen. «Es ist eher ein Überblick und keine Quellenarbeit, die Lernende für den Geschichtsunterricht online vermittelt bekommen.» Das findet er sinnvoll, solange die Lernenden ihr Wissen damit ergänzen. Herkömmliches Unterrichtsmaterial mit Youtube-Videos zu ersetzen, komme für ihn nicht infrage. Er plädiert jedoch dafür, vermehrt zu thematisieren, was «gute» Nachhilfe- oder Lernvideos sind und wie Schülerinnen und Schüler diese optimal für den Unterricht nutzen.

Medienkompetenz fördern

Herbert Wilms sieht das ähnlich. «Ich will meiner Klasse nicht beibringen, wie man Youtube schaut.» Stattdessen sollen die Jugendlichen lernen, wie sie vertrauenswürdige Quellen finden und diese von nicht vertrauenswürdigen unterscheiden können. «Wir stecken gerade mitten in der digitalen Revolution.» Worauf genau man die Lernenden vorbereite, wisse man oft nicht. Deshalb sollten Schülerinnen und Schüler ganz generell lernen, wie sie sich Informationen selbst suchen. Das gelte für Youtube, aber auch für jegliche andere verfügbare Formate und Portale.

Die Videoplattform werde häufig zusammen mit anderen digitalen Plattformen wie Whatsapp und Wikipedia benutzt, weiss Rummler aus der Forschung. «Youtube ist für Schülerinnen und Schüler daher weniger eine Art Nachhilfe, sondern vielmehr Bestandteil ihres digitalen Instrumentariums bei der Bearbeitung von Hausaufgaben.» Die Schule sei dazu angehalten, diese Kanäle mit den Lernenden zu thematisieren, so wie das auch mit anderen Alltagsphänomenen gemacht werde.

In einem weiteren Schritt könne es darum gehen, Schülerinnen und Schüler darin zu begleiten, Videos nicht nur zu schauen, sondern auch selbst zu produzieren. Zum Beispiel als Gruppenarbeit zu einem aktuellen Unterrichtsstoff. Können da ältere Lehrpersonen mithalten? Wilms erzählt, dass er als junger Lehrer an seiner Schule einer der wenigen sei, die den Umgang mit Videos als Bestandteil oder Ergänzung des Unterrichts beherrschten.

Neues Rollenverständnis

Man dürfe die Älteren nicht unterschätzen, findet Rummler. Eine Lehrperson müsse nicht gleich gut Videos schneiden können wie die Jugendlichen. Es gehe eher darum, Schülerinnen und Schülern Türen zu neuen Lernräumen zu öffnen und auf Augenhöhe mit ihnen zusammen etwas zu erarbeiten. Das gehe Hand in Hand mit der Rollenverschiebung, die gerade stattfinde. Die Zeiten seien vorbei, in denen die Lehrperson einen streng vorgegebenen Wissenskanon nur frontal vermittle. Die Lehrperson sei auch Coach und moderiere Diskussionen und Positionen.

Wie kommen die beiden Lehrer mit diesem Paradigmenwechsel klar? Fühlen sie sich angegriffen, wenn Schülerinnen und Schüler unter Umständen Youtube ihrem Unterricht vorziehen? «Nein», sagt der Geschichtslehrer, solange die Videos qualitativ mit seinem Unterricht mithalten können. «Betupft» würde sich Herbert Wilms fühlen, wenn ihm ein Schüler sagen würde, er sei als Lehrer schlechter als irgendein Youtuber. «Wobei, viele Nachhilfe-Videos stammen von übermotivierten Lehrern», sagt er und lacht. Man müsse sich auch eingestehen können, wenn es ein Fachkollege besser mache. Im Idealfall würden sich Lehrpersonen sogar etwas abschauen von den Youtuberinnen und Youtubern, die bei Jugendlichen besonders gut ankämen. Didaktisch könne man sicher das eine oder andere in den analogen Unterricht einbauen.

Auch auf Youtube ist nicht alles neu

Seine Schule ist bereits auf gutem Weg, dies zu fördern. Seit einem Monat sind alle Jugendlichen seiner Klasse mit Tablet-PCs ausgerüstet. Ab diesem Sommer werden sie, wie alle anderen Sekundarschulen des Kantons Zürich, im Zuge des «Lehrplans 21» das obligatorische Fach «Medien und Informatik» besuchen. An der PH Zürich absolvieren alle angehenden Lehrpersonen Module zu Medienbildung. Auch Erklärvideos werden behandelt.

Klaus Rummler glaubt aber nicht, dass Videos bald den Unterricht dominieren werden. Eher werde ein neues Gleichgewicht zwischen Offline- und Online-Elementen entstehen. Denn sogar in den beliebtesten Videos, jene für Mathe-Nachhilfe, greifen Youtuber häufig auf traditionelle Vermittlungstechniken zurück: Sie leiten Formeln, wie an der Wandtafel, handschriftlich her. Der einzige Unterschied dabei sei, dass man dies nun online anstatt nur im Klassenzimmer mitverfolgen könne. Was sich ändere, sei, wie Lernmaterial visualisiert werde. Neu werde es wohl vermehrt vorkommen, dass in einem Schulbuch ein Link zu einem geeigneten Youtube-Video zu finden sein wird.

Erstellt: 16.06.2019, 14:36 Uhr

«Lehrer Schmidt» in Aktion.

Schülerinnen informieren sch heute gern im Web über ihren Schulstoff. (Bild: iStock)

Wie nutzen Jugendliche soziale Medien?

Die James-Studie untersucht das Medienverhalten von Jugendlichen in der Schweiz.

Neun von zehn Jugendlichen gaben in der letzen Studie an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche in sozialen Netzwerken unterwegs sind.

Rund die Hälfte der Befragten nutzt soziale Netzwerke und Videoplattformen wie Youtube als Informationsquellen.

Die Details der Studie gibt es hier.

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