Mode vor dem Mauerfall

In der Planwirtschaft der DDR war Fashion von vorneherein zum Scheitern ­verurteilt – und brachte so die schönsten Skurrilitäten hervor.

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Es gibt ja kaum etwas, das schlechter zusammenpasst als eine kommunistische Diktatur und Mode als Ausdruck von Individualität. Aber Not macht erfinderisch, und genau das machte die Ossi-Teile schliesslich so einzigartig, dass sich sogar die Wessis darum rissen. Über 90 Prozent der in Ostdeutschland produzierten Kleider wurden exportiert. Das durften die Leute im Ausland bloss nicht wissen, vor allem nicht jene in der BRD: So wurden einfach die Etiketten ersetzt, um die wahre Herkunft zu vertuschen. Das ist nur eine von diversen DDR-Mode-Skurrilitäten. Hier sind zum Mauerfall-Jubiläum die kuriosesten:

Pro-forma-Ladenkette

Mit Modetrends mithalten in einer Planwirtschaft mit Mehrjahresplänen und Mangel an Textilien? Schwierig. Auf ausländische Klamotten ausweichen? In der DDR unmöglich. Kleider «Made im Gebiet des Klassenfeinds» waren offiziell verboten. Um die Modebewussten trotzdem bei Laune zu halten, wurde die Ladenkette Exquisit gegründet. Dort gab es zumindest halbwegs sty­lishe Kleider zu kaufen, die aber so teuer waren, dass für ein einziges Teil schnell ein halbes Monatsgehalt draufging.

Der Staat als Modedesigner

Für die Jugendlichen überlegten sich die DDR-Oberen etwas Besonderes: eine Kollektion speziell für sie. Der Slogan «Jugendmode 68 – kess und farbenfroh!» hätte es nie und nimmer vermuten lassen, aber die staatlich designten Teile waren derart der Renner, dass sie im Nu ausverkauft waren.

Fast Fashion aus Papier

Die Regierung musste sich etwas einfallen lassen, um die Nach­frage zu stillen; auf protestierende Teenies konnte man gut verzichten. Die schräge Lösung: «trendy» Kleider aus papierähnlichem Stoff. Die waren mit rund 10 Mark auch für Teenager erschwinglich und zudem individualisierbar: einfach die Schere ansetzen und schnapp – wurde der Rock zum Mini. Nach fünfmal waschen waren sie allerdings reif für den Abfalleimer, und die nächste trendige Papier-­klamotte musste her. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet in der DDR Fast Fashion gefördert ­wurde!

Jeans als Provokation

Die Jugend merkte schnell, dass sich nichts besser zum Rebellieren und Provozieren eignet als eine Jeans vom Klassenfeind, den USA. Oder wie 1972 der Held eines Theaterstücks sagte: «Jeans sind eine Einstellung, keine Hose.» Levi’s oder Wrangler wurden zur modischen Schmuggelware Nr. 1. Die Partei versuchte dem entgegenzusteuern und brachte ab 1978 eigene Jeansmarken auf den Markt. Sie hiessen Wisent, Shanty oder Boxer und beeindruckten die Jungen nicht im Geringsten.

«Leder» als Regenschutz

Textilien aus Naturfasern waren entweder zu teuer oder gar nicht erst zu kaufen. Also begann man, Alternativen aus Chemiefasern zu entwickeln wie den Polyesterstoff Präsent 20 oder Dederon aus Polyamid. Daraus konnte fast alles geschneidert werden von Strumpfhosen über Badekleider zu Hemden. Allerdings begannen die Teile schnell zu müffeln, weswegen den DDR-Bürgern nachgesagt wird, sie hätten immer eine leichte Schweissnote mit sich herumgetragen. Die Lederkopie Lederol war ebenfalls nur mässig beliebt. Da halfen auch Werbespots wenig wie «Bist du in Lederol gekleidet, jeder Westler dich beneidet» oder «Hast du Lederol im Haus, kannst du auch bei Regen raus.»

Blusen aus Vorhängen

Wer keine Lust hatte, in sozial wenig kompatiblen Kunststoff-Teilen herumzulaufen, die erst noch unmodisch geschnitten waren, musste selber kreativ werden. Aus Bettlaken, Vorhängen, Stoffwindeln oder Möbelbezügen nähten sich die Modebewussten Blusen, Röcke oder Jacken und liessen sich dabei von eingeschmuggelten Frauenmagazinen aus dem Westen inspirieren. In fast jedem Haushalt stand eine Nähmaschine.

Die Regierung hatte nichts gegen das Selbermachen. Es gab staatlich geförderte Nähkurse und in jeder Ausgabe der heiss begehrten DDR-Zeitschrift «Sibylle», auch «Ost-Vogue» genannt, Schnittmuster. Natürlich standen die Designs unter strenger Kontrolle, und es wurde darauf geachtet, dass die Models nicht zu westlich oder mit zu kurzen Röcken posierten. Sich obenrum halb nackt zu zeigen, war offenbar weniger ein Problem, anders sind die teilweise recht freizügigen Werbefotos für DDR-Jeans nicht zu erklären.

Erstellt: 12.11.2019, 14:18 Uhr

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