Seine Beerdigung dauerte sieben Minuten

Wann Sebastian A. genau starb, weiss niemand. Über den Abschied von Menschen, die von keinem vermisst werden.

Karger Abschied: Das Grab eines Menschen, von dem man nicht mehr als seinen Namen, das Geburts- und Todesdatum weiss. Foto: Keystone

Karger Abschied: Das Grab eines Menschen, von dem man nicht mehr als seinen Namen, das Geburts- und Todesdatum weiss. Foto: Keystone

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Achtzig Stühle stehen in der Trauerhalle des Krematoriums. Es ist neun Uhr morgens, der Himmel draussen war kurz zuvor noch klar und blau, nun ist er zugezogen. Es nieselt. Der Friedhofsmitarbeiter schliesst die Tür, geht zum Musikpult und drückt einen Knopf. Eine Orgel spielt das Lied «So nimm' denn meine Hände». Dann ist Stille. Sie dehnt sich. Der Mann hustet. Dann drückt er noch mal einen Knopf, diesmal ertönt ein Chorstück, «Befiehl du deine Wege». Er öffnet die Tür, trübes Licht fällt herein. Die Trauerfeier ist beendet. Sie hat genau sieben Minuten gedauert.

Es könne sein, dass 20 Leute kommen, hatte er vorher gesagt. Es könne aber auch sein, dass niemand kommt. Diesmal ist niemand gekommen. Niemand sitzt auf einem der achtzig Stühle, die Reihen sind leer. Kein Mensch, ausser Jürgen Baumann, der Friedhofsmitarbeiter. Kein Kranz, kein Schmuck. Nur eine Urne, die vorne auf einer Stele steht, flankiert von Lorbeerbäumchen: Sebastian A., geboren am 22. Januar 1950 in einem kleinen Ort in Südtirol, gestorben in München. Wann, das weiss niemand ganz genau. Am 5. Februar ist A. tot in seiner Wohnung gefunden worden.

Immer wieder liest man das in der Zeitung. Nach zwei Monaten in der Wohnung tot aufgefunden.

Die Polizei fand später heraus, dass er am 19. September zum letzten Mal gesehen worden war. A. wurde 69 Jahre alt. Baumann schüttelt den Kopf. «Das ist doch eigentlich kein Alter, da sollte es doch noch Leute geben, die man kennt.» Tatsächlich haben sie einen Bekannten von A. ausfindig gemacht und eingeladen; er ist aber nicht gekommen. Weil sie ausserdem bislang noch keine Angehörigen gefunden haben, ein Mensch nach seinem Tod aber nun einmal bestattet werden muss, hat die Stadt München sich um die Trauerfeier gekümmert. Bestattung von Amtes wegen, so nennt sich das auch in der Schweiz.

Dabei wird von allem die schlichteste Variante gewählt: einfachster Sarg, keine Sterbebilder, keine Todesanzeige – und ein Grabplatz für zehn Jahre. «Einfach, kostengünstig, würdevoll und ortsüblich» soll es sein, erklärt Sigrid Diether den Vorgang in München. In der Schweiz sind die genauen Regelungen von Kanton zu Kanton unterschiedlich.

Für Jürgen Baumann und seinen Kollegen auf dem Ostfriedhof sind Amtsbestattungen Routine. Manchmal haben sie sogar mehrere pro Woche. In vielen anderen Städten gibt es jedes halbe Jahr einen Termin für ein Sammelgedenken; in München bekommt jeder dieser Menschen eine eigene Trauerfeier – auch wenn sie nur sieben Minuten dauert. «Es ist schon traurig, dass die Anonymität in der Grossstadt so hoch ist», sagt Jürgen Baumann.

In der Schweiz finden jedes Jahr Hunderte von Menschen auf ähnliche Weise ihre letzte Ruhe. Je rund 60 waren es in der Stadt Basel und in Bern im vergangenen Jahr. Viele Städte führen keine Statistik. In manchen sind die Zahlen tiefer, weil die Bestattungsämter viel Aufwand betreiben, um Angehörige zu finden, in Zürich und Luzern beispiels­weise. Meldet sich 48 Stunden nach dem Tod einer Person niemand, suchen sie auf eigene Initiative nach Angehörigen, Freunden, Bekannten.

Lorbeerbäumchen, eine Urne auf der Stele, leere Bänke: Trauerfeier für Sebastian A. in München. Foto: Alessandra Schellnegger

In München sterben ungefähr 1800 Menschen allein. Auf diese Schätzung kommt die christliche Laienbewegung Sant'Egidio, die sich im Münchner Stadtteil Schwabing um Bedürftige und Einsame kümmert. Jeden Tag fünf Menschen also, die erst nach Tagen, Wochen oder Monaten entdeckt werden. Immer wieder liest man das in der Zeitung. Nach zwei Monaten in der Wohnung tot aufgefunden. Einsam gestorben. Zuletzt von Nachbarn ein halbes Jahr zuvor gesehen worden. Schaut man sich die Seite mit den Todesanzeigen an, liest man noch etwas anderes. Zweimal pro Woche steht da in einem Kasten: «Die Städtischen Friedhöfe München bitten um telefonische Mitteilung, wenn Sie Angehörige von nachfolgend genannten Verstorbenen kennen.» Denn Angehörige müssen eine Bestattung bezahlen, ob sie wollen oder nicht.

Angehörige sind oft auf der ganzen Welt verteilt

Dass etwas nicht stimmt, merkten die Nachbarn oft erst dann, wenn der Briefkasten überquelle oder es im Haus komisch rieche, sagt Sigrid Diether. Einmal habe eine Coiffeuse die Polizei verständigt, weil ihre Stammkundin sich schon so lange nicht gemeldet hatte. Einmal wunderte sich eine Wirtin, warum der Gast wieder nicht zum sonntäglichen Bratenessen gekommen war. Doch bei Menschen, die keine Routinen haben, fällt es oft niemandem auf, wenn sie nicht mehr da sind.

Vier Leute arbeiten in Sigrid Diethers Team, drei davon sind nur für die «Ermittlungsarbeit» zuständig, die Suche nach Angehörigen. Bald bekommen sie noch einen zusätzlichen Kollegen für diese Detektivaufgaben. Zwar ist die Zahl der Amtsbegräbnisse in München zuletzt sogar ein wenig zurückgegangen, 2018 wurden 1333 angemeldet, im Jahr davor 1407. Über einen längeren Zeitraum hinweg sind die Zahlen jedoch gestiegen. «Und durch die Globalisierung tun wir uns immer schwerer, Angehörige zu finden», sagt Diether. Oft sind sie auf der ganzen Welt verteilt.

Schwieriges Unterfangen: Sigrid Diether und ihr Team machen sich auf die Suche nach Angehörigen. Foto: Alessandra Schellnegger

In mehr als der Hälfte der Fälle findet die Stadt schliesslich aber doch noch jemanden, der die Kosten übernimmt. Bei Sebastian A. ist das bislang nicht der Fall gewesen. Die Stadt München hat auf der Suche nach Angehörigen in Südtirol die italienische Botschaft um Hilfe gebeten. Bis es ein Ergebnis gibt, kann gut ein halbes Jahr vergehen. Weil A. keine Wünsche oder Anweisungen für sein Begräbnis festgehalten hatte und um den endgültigen Ort offen zu lassen, haben die städtischen Mitarbeiter sich für eine Feuerbestattung entschieden. Falls sich Familienmitglieder finden und falls sie es dann möchten, können sie die Urne noch nach Südtirol holen.

Nach der Trauerfeier in der Aussegnungshalle am Ostfriedhof wird die Urne mit Sebastian A.s Asche in eine Sammelgitternische in den Räumen unter der Halle gestellt. Von aussen wird nicht erkennbar sein, dass seine Urne dort steht. Es stehen keine Namen dort, nur Nummern.

An diesem Samstagnachmittag sind die Bänke nicht leer, sondern gut gefüllt.

Eine Woche nach der Trauerfeier für A. findet in Schwabing ein Gottesdienst zum Gedenken an all jene Menschen statt, die in Einsamkeit und Armut gestorben sind. In München erinnert die christliche Laienbewegung Sant'Egidio seit dem Jahr 2014 an diese Menschen; die Gemeinschaft will der Vereinsamung ein Netzwerk aus Aufmerksamkeit und Freundschaft entgegensetzen. «Es ist ein Widerspruch», sagt Weihbischof Graf zu Stolberg; wo viele Menschen zusammenlebten, sei die Einsamkeit oft grösser als etwa auf dem Land. Er ruft dazu auf, achtsam zu sein, sich füreinander verantwortlich zu fühlen. Später werden die Namen von Menschen vorgelesen, die einsam gestorben sind. Das dauert zehn Minuten; es ist eine lange Liste. An diesem Samstagnachmittag sind die Bänke nicht leer, sondern gut gefüllt.

Nach dem Gottesdienst werden bunte Blumen verteilt, und es geht hinab in den Saal unter der Kirche. Einmal pro Woche gibt es dort ein kostenloses Essen für Bedürftige, Obdachlose, Einsame. An diesem Tag: Pfälzer Würstchen mit Kartoffelsalat. Ob jemand schon einmal Pfälzer Würstchen gegessen habe, fragt Ursula Kalb von der Gemeinschaft Sant'Egidio. «In besseren Zeiten schon», brummt ein Mann, geschätzt Mitte 40, mit Fünftagebart. Und kurz darauf brummt es im ganzen Saal wie in einem Bienenstock, die Leute essen und reden und lachen, und von Einsamkeit ist an diesem Nachmittag keine Spur.

Erstellt: 10.06.2019, 14:57 Uhr

In Zahlen

32 Prozent
der Schweizerinnen und Schweizer fühlen sich einsam (BFS/2012).


40 Prozent höher ist das Risiko für einsame Menschen, an Altersdemenz zu erkranken.


Ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer leben allein.

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