Sie wachte auf und er lag tot neben ihr

Als 23-Jährige verlor Jaqueline Scheiber ihre grosse Liebe. Darum gründete sie den Young Widow(er)s Dinner Club.

Eine Schicksalsgemeinschaft: Dagmar Reinisch, Niki Weber, Jaqueline Scheiber und Franziska Haydn (von links). Foto: Mercan Sümbültepe

Eine Schicksalsgemeinschaft: Dagmar Reinisch, Niki Weber, Jaqueline Scheiber und Franziska Haydn (von links). Foto: Mercan Sümbültepe

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An einem Morgen im August wacht Jaqueline Scheiber auf. Neben ihr liegt ein lebloser Körper. Es ist Felix, ihr Felix. Keine zwölf Stunden zuvor waren sie noch zusammen unterwegs, fuhren leicht angetrunken mit der U-Bahn nach Hause. Es war einer ihrer letzten Abende vor Jaquelines Auslandssemester in Kopenhagen. Es wurde ihr letzter Abend für immer.

Vermutlich, so werden die Ärzte später sagen, ist Felix schon kurz nach dem Einschlafen gestorben, an einer Lungenembolie. Jaqueline Scheiber verliert über Nacht ihre grosse Liebe.

Zweieinhalb Jahre später sitzt Scheiber in einem Restaurant in Wien. Schwarze Latzhose, senfgelber Pulli, Nasenring, die Arme voller Tattoos. Sozialarbeiterin ist die 25-Jährige von Beruf. Das auffälligste aber sind ihre kinnlangen Haare. Die trägt sie gerade feuerrot. Seit Felix' Tod hat sie Farbe und Länge schon ein paar Mal gewechselt. Zu ihren Füssen liegt Frederik, ein grauschwarzer Mischling, ihr «Trauerhund», wie Scheiber sagt. «Gegenseitig haben wir uns das Leben gerettet.» Er, der Strassenhund, sie, die junge «Witwe».

Ihr Freund starb an einer Lungenembolie: Jaqueline Scheiber. Foto: Instagram

Ihr Schicksal, man sieht es beiden auf den ersten Blick nicht an. Ähnlich wie den anderen 14 Menschen, die mit Scheiber an diesem Abend an der langen Tafel sitzen. Da ist zum Beispiel Henriette, Mitte 30, deren Finger immer wieder an einem Taschentuch herumnesteln. Sie hat ihren Lebensgefährten vor vier Monaten verloren. Er ist gegen einen Baum gefahren, Depression. Weil sie nicht verheiratet waren, hat sie kein Mitspracherecht, was mit seinen Sachen geschieht. Der Gedanke, dass sie ihre gemeinsamen Bilder vielleicht nie bekommt, lässt sie nachts oft nicht einschlafen.

Männer zwischen 20 und 50 sterben häufiger

Oder Hans, ebenfalls Mitte 30. Die Stille beim Autofahren erträgt er nicht mehr. Den Heiratsantrag hat er seiner Frau noch auf der Palliativstation gemacht. Wenige Tage danach starb sie an Krebs. Nun zieht er die gemeinsame Tochter allein gross. Noch kein Jahr ist sie alt.

Oder Franziska Haydn, 35, die sagt, einen geliebten Menschen beim Sterben zu begleiten, sei «grausam, brutal, aber auch intensiv und schön». Kurz nachdem sie ihren Freund kennenlernte, erkrankte er: Krebs der bösartigsten Sorte. Vielleicht, so sagt sie, sei zu sterben die intensivste Form des Lebens.

«Wir wollen wieder Teil der Gesellschaft sein, uns nicht mehr wie Aliens fühlen.»Jaqueline Scheiber,
Gründerin Young Widow(er)s Dinner Club

Den Partner zu verlieren, nicht etwa durch eine vielleicht wieder rückgängig zu machende Trennung, sondern durch so etwas Irreversibles wie den Tod, erschüttert jedes Menschenleben. Doch was alle hier am Tisch zusätzlich vereint: Sie sind jung. Der Tod des Partners hat die meisten unvorbereitet getroffen, kurz vor dem Auslandsemester, nach der Hochzeit oder der Geburt des ersten Kindes. «Wie kann die Gesellschaft ernsthaft erwarten, dass man eine grosse Liebe aufgibt, nur weil sie tot ist?», fragt Haydn. Der Verlust des Partners in jungen Jahren sei eine ganz spezielle Art des Verlustes, sagt Scheiber. Anders als beim Tod eines Familienangehörigen spielten auch Themen wie Intimität und Sexualität eine Rolle. «Vor allem aber stirbt mit dem Partner auch ein Stück Zukunft.» Während sich das Leben ihrer Freunde rasant weiterdrehte, blieb Scheibers Welt plötzlich stehen.

Wohin mit all der Trauer, Wut, Verzweiflung? Monatelang stand Scheiber auf der Warteliste einer Trauergruppe für junge verwitwete Menschen. Als endlich ein Platz frei wurde, half ihr die Gruppe. Doch auch über die Treffen hinaus gab es Gesprächsbedarf. Vor zwei Jahren gründete Scheiber deshalb mit sieben anderen jungen Witwen den Young Widow(er)s Dinner Club in Wien. Alle zwei Wochen treffen sich bis zu 40 Teilnehmer – immer bewusst an öffentlichen Orten. «Wir wollen wieder Teil der Gesellschaft sein, uns nicht mehr wie Aliens fühlen», sagt Dagmar Reinisch, eine der vier Hauptorganisatorinnen. Zum Ausbruch aus dem Alien-Leben gehört auch, dass es nicht in allen Gesprächen am Tisch immer um Trauer geht: Drei Frauen lachen laut, während nur einen Stuhl weiter ein Mann gerade erzählt, wie seine Frau gestorben ist. Andere Gefühle, dazu gehören für Reinisch auch ganz banale Empfindungen: «Manchmal tut Kälte gut, um mich zu spüren.» Mit ihren 50 Jahren ist Reinisch die Älteste am Tisch. Vor vier Jahren starb ihr Partner ganz plötzlich an einem Riss der Hauptschlagader.

«Ich will zeigen, dass die Trauer Teil meines Lebens ist, egal ob ich tanze, esse, lache oder weine.»Jaqueline Scheiber,
Gründerin Young Widow(er)s Dinner Club

Mittlerweile wurden Ableger des Clubs auch in einigen deutschen Städten wie Berlin oder Hamburg gegründet. Fast immer kommen mehr Frauen als Männer. Das hat mit der Statistik zu tun: Männer zwischen 20 und 50 Jahren sterben häufiger als Frauen im selben Alter. Sie haben einen risikoreicheren Lebensstil und begehen öfter Suizid. Meist sind es deshalb Frauen, die als Trauernde zurückbleiben und sich von ihrem Umfeld Sätze anhören müssen wie «Du musst nach vorne blicken», «Das Leben hat doch auch so viele schöne Seiten» oder «Du bist doch noch so jung».

Jaqueline Scheiber hat es geholfen, von Anfang an sehr offen über den Verlust von Felix zu sprechen – und zu schreiben. Ihr Instagram-Account @minusgold hat inzwischen mehr als 23'000 Follower. Es geht hier nicht nur um ihre Trauer, manchmal sieht man Jaqueline Scheiber auch beim Feiern mit Freunden oder beim Spaziergang mit Frederik, ihrem Hund. Scheiber nutzt ihre Reichweite: «Ich will zeigen, dass die Trauer Teil meines Lebens ist, egal ob ich tanze, esse, lache oder weine.» Eines ihrer Tattoos zeigt einen Sternenhimmel, darunter die Beine von zwei Menschen, einem Mann und einer Frau. Es sieht aus, als würden die beiden eng umschlungen tanzen. «Shooting Stars in August», steht darunter in geschwungener Schrift: Sternschnuppen im August. Es ist der Monat, in dem ihre grosse Liebe gestorben ist.

Erstellt: 08.06.2019, 11:42 Uhr

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