Wie das Herrchen, so der Hund

Haustiere werden zunehmend wie Menschen behandelt: Sie kriegen Wildlachs aus Kanada und künstliche Hüftgelenke – ein Milliardengeschäft.

Immer grössere Summen geben Menschen für ihre Haustiere aus: Ein Hund erhält eine Akupunktur-Therapie. Foto: Getty Images

Immer grössere Summen geben Menschen für ihre Haustiere aus: Ein Hund erhält eine Akupunktur-Therapie. Foto: Getty Images

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Das «Sensitiv Menü vitaler Senior» für betagte Hunde wirkt wie Feinkost aus einer gediegenen Landmetzgerei: Schnörkellose rote Schrift auf weissem Grund, eine Anmutung von erlesenen Zutaten. Etwas weiter rechts im Regal steht eine Trockenfutterpackung der Marke Tundra – mit Wildlachs aus Kanada, «hundert Prozent getreidefrei», die volle Portion Wildromantik. «Der Wolf ist ein Jäger und Tundra die ideale Beute», lautet die Markenphilosophie. «Natürliche Kausnacks» gibt es auch. Sie sind glutenfrei, laktosefrei und «100 % Natur».

«Wissen Sie, wie Tierfutter riecht, im Allgemeinen?» Hartmut Karrer öffnet wie zum Beweis eine Dose, hält sie dem Besucher unter die Nase. Riecht nach gar nichts. «Gut», freut sich Karrer, «dann riechen Sie mal das hier. Das ist Lamm.» Er, so Karrer, verkaufe in seinem Laden in München-Schwabing kein «Futter». Sondern «Fleisch».

Immer grössere Summen geben Menschen in den hoch entwickelten Industrieländern dieser Erde für ihre Haustiere aus – sei es für möglichst ausgesuchte Ernährung oder für teure medizinische Behandlungen durch Tierärzte, manchmal gar für biodynamische Massagen. In den USA beispielsweise sind diese Ausgaben mit durchschnittlich 502 Dollar pro Jahr bereits höher als die 404 Dollar, die für Kinderkleidung aufgewendet werden. Und auch in Deutschland wuchs der Umsatz der Heimtierbranche in den vergangenen zehn Jahren von rund 3,5 auf fünf Milliarden Euro. International geht es inzwischen um etwa hundert Milliarden Dollar pro Jahr – ein gewaltiger Markt, auf dem sich längst Investoren mit grossen Deals tummeln.

«Immer mehr Leute sagen: Wenn ich gut esse, soll mein Tier auch gut essen.» Hartmut Karrer, Ladenbesitzer

Begibt man sich auf die Suche, wo dieses Wachstum herkommt, landet man an Orten, an denen es kein bisschen nach Tier riecht, zum Beispiel dem Laden von Hartmut Karrer im deutschen Schwabing. Er erklärt, Tierfutter, das man aus der Werbung kennt, enthalte «Müll». «Immer mehr Leute sagen: Wenn ich gut esse, soll mein Tier auch gut essen.» Selbst bei den Tierfutter-Discountern findet man heute eine steigende Zahl getreidefreier, «natürlicher» Tierfutterprodukte, angeblich aus frischem Muskelfleisch anstatt, wie sonst üblich, aus Schlachtabfällen, etwa Innereien. Die in Deutschland führende Kette Fressnapf bestätigt, der Markt erlebe eine «Verschiebung in den Premium-Bereich». In der Schweiz gibt es 55 Fressnapf-Filialen.

Ernährungstrends bei Tieren folgen denen der Menschen

Aus medizinischer Sicht sei der Getreideverzicht bei Hund und Katze «ein Hype, den man nicht nachvollziehen kann», sagt Britta Dobenecker, Fachärztin für Tierernährung, von der LMU München. Ein gewisser Stärkeanteil im Futter zum Beispiel sei «möglich oder sogar als gesund anzusehen». Viele der neuen «Garagenhersteller», die auf den heiss umkämpften Markt drängen und dann «mit viel Liebe irgendwas zusammenbrutzeln», hätten gar nicht das nötige Know-how, um wirklich gesundes und hygienisches Tierfutter herzustellen. Auch spreche nichts dagegen, so Dobenecker, Schlachtabfälle zu verfüttern. «Die Tiere brauchen kein Steak und sollten auch keins kriegen. Es sollte keine Nahrungskonkurrenz zwischen Menschen und Tieren entstehen – zumindest nicht, wenn man den Fleischkonsum nicht noch weiter steigern will.»

Für Detlev Nolte, Sprecher beim deutschen Industrieverband Heimtierbedarf, folgen die Ernährungstrends bei Tieren denen der Menschen in immer kürzeren Abständen. Es gebe heute «nicht mehr einen klar in zwei Gruppen zu gliedernden Markt zwischen menschlicher und tierischer Ernährung». Nolte fasst die aktuellen Studien so zusammen: Die traditionellen Sozialstrukturen – Familien, Vereine, Dorf- und Hausgemeinschaften – lösen sich auf, Haustiere rücken nach und übernehmen Sozialfunktionen. Je stärker die Haustiere als Ersatz für Partner, Freunde und Kinder dienen, desto mehr werden sie vermenschlicht und verhätschelt. Der Prozess, der aus Wölfen Hofhunde und aus Hofhunden Haushunde machte, setzt sich gerade fort – Ende offen.

Für immer mehr Menschen auch ein Sozialpartner: Das Haustier. Foto: Robert Larsson (Unsplash)

In der Hundepension Canis Resort in der Nähe des Münchner Flughafens etwa werden Hunde nicht abgegeben, sie «checken ein», wenn ihre Besitzer in den Urlaub fliegen. 80 Euro kostet die «Overnight Care», bei unverträglichen Hunden 120 Euro. Die Zwinger heissen «Lodges», verfügen über Böden aus Epoxidharz und eigene kleine Gärten. Rund um die Uhr sind Dogsitter vor Ort, um die Tiere zu bespassen und gemäss ihren individuellen Ernährungsplänen zu füttern, zu waschen und zu pflegen. Viele Besitzer wünschen sich zudem regelmässig Fotos ihres Lieblings, denn dessen Instagram-Account füllt sich schliesslich nicht von allein. Sobald einer der vierbeinigen Gäste bellt, springt die blonde Frau an der Rezeption auf und rennt durch den aus schlichtem Holz bestehenden Raum zur Glasfront, hinter der die Sonne durch die Gitterkuppeln der Lodges strahlt. «Nur spielen, das andere nicht!», ruft sie hinaus, dann kommt sie zurück. «Hach, die Jungs!»

Biodynamische Massagen bei Hunden beliebt

Sie ist ausgebildete Tierheilpraktikerin, praktiziert aber nur ausserhalb des Resorts. Biodynamische Massagen würden von Hunden «sehr gern angenommen», berichtet sie, von Katzen eher nicht. Bei denen komme man mit klassischer Homöopathie weiter. «Wobei auch Hunde ganz gern die Globuli fressen, schmecken ja süss.» Sie springt wieder auf. Ein Gast hat gebuddelt.

Heute lebt in fast 50 Prozent der Haushalte ein Tier.

Manche Hundebesitzer geben ihre Lieblinge hier auch an normalen Werktagen zur Tagesbetreuung ab, nutzen das Canis Resort also als «Hundetagesstätte». Die Dienstleistungen für Haustiere sind laut Wirtschaftsexpertin Renate Ohr ein schwer zu erfassender, aber wachsender Markt, kein Wunder: Vor rund zehn Jahren lebte in rund 30 Prozent der deutschen Haushalte ein Tier, heute sind es fast 50 Prozent. Und selbstredend benötigt eine steigende Zahl an Haustieren eine wachsende Zahl von Profis, die sich um sie kümmern.

Im Canis Resort sind es Frauen, die diese Arbeit erledigen. Alle sechs fest angestellten Dogsitter sind weiblich. Geschäftsführerin Friederike Brych berichtet, manche der «Daycare»-Hunde reagierten nicht gut auf Männer. Nicht wegen schlechter Erfahrungen. Sie seien es nur gewohnt, von Frauen umsorgt zu werden.

Aber auch die Tiere selbst werden immer mehr gefordert. Stefanie Sprauer ist Ärztin und Verhaltenstherapeutin für Tiere, zu ihr werden Patienten geschickt, «die schon bei den Tierärzten, den Heilpraktikern, den Hundeflüstern» waren. In ihrer Praxis hängt das Bild eines Hundes, der die Augen geschlossen hat, seinen Kopf umschwirren Seifenblasen. Die Tiere bekämen immer mehr Aufmerksamkeit und würden besser versorgt, das sei natürlich positiv, so Sprauer. «Aber wir fordern von den Tieren auch sehr viel Leistung ab, indem wir sie als Partnerersatz ausnutzen. Sie müssen ja unsere ganzen Stimmungen ertragen.» Sie arbeite daher häufig auch mit den Besitzern, um deren Einstellung zum Tier und dessen artspezifischem Verhalten zu ändern, es nicht mehr als behandlungsbedürftig zu betrachten. In hartnäckigen Fällen verschreibe sie auch mal Antidepressiva – für die Tiere, versteht sich.

Sprauer prognostiziert, dass die Bedeutung von Haustieren als Sozialpartner und als Wirtschaftsfaktor noch weiter zunehmen wird, Folge des demografischen Wandels. «Gerade für ältere Menschen» seien Tiere «oft wichtige Sozialpartner».

Konzerne teilen den Markt unter sich auf

Die richtig harten Dollars werden aber auch bei Haustieren dort verdient, wo Firmen, aber immer öfter auch grosse Konzerne mitmischen. Stefan Scharvogel verkauft Ende des Jahres die Anteile an der von ihm mitgegründeten Tierklinik Haar im Münchner Osten. Die Ärzte bieten dort fast jede beliebige Dienstleistung an, von der Herzoperation am Wellensittich bis zur neurologischen Untersuchung einer verhaltensauffälligen Katze. Einige der im Lauf der Jahre gekauften Hightech-Geräte wie der Kernspintomograf sind Hunderttausende Euro teuer und wurden ursprünglich für Menschen entwickelt. Nur die Operationstische sind kleiner.

Tierkliniken können 15 bis 30 Prozent Gewinn vom Umsatz erwirtschaften.

Alles in allem stecken etwa vier bis fünf Millionen Euro in der Klinik, schätzt Scharvogel. Solche Summen kann kaum ein Medizinstudent auf den Tisch legen, der gerade mit dem Studium fertig ist und nun gern eine Praxis übernehmen würde. Deshalb verkauft Scharvogel an einen amerikanischen Süsswarenhersteller. Der Käufer ist die schwedische Tierklinikkette Anicura, die wiederum im vergangenen Jahr für eine Summe von angeblich ein bis zwei Milliarden Euro von Mars gekauft wurde. Seither ist sie von 194 auf 270 Kliniken gewachsen. Mars ist zwar für seine Schokoriegel bekannt, gehört aber mit Marken wie Pedigree, Whiskas und Royal Canin international zu den wichtigsten Akteuren auf dem Markt für Tierfutter. Ausserdem kauft sich der US-Konzern ein weltweites Netz aus Tierkliniken zusammen, nicht nur über Anicura, sondern auch über seine anderen Ketten wie VCA Animal Hospitals in den USA, für die Mars im vorletzten Jahr rund neun Milliarden Dollar bezahlte.

«Die werden ihr Geld irgendwie wieder reinbekommen wollen», sagt Scharvogel, während er seinen Labrador krault. Aber er macht sich da keine Sorgen. Tiere sind Privatpatienten. Gestern hat er einem Hund ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Etwa 4500 Euro kostet das. Tierkliniken, die gut arbeiten, können laut Scharvogel 15 bis 30 Prozent Gewinn vom Umsatz erwirtschaften. Als die Tiermedizinsparte des Pharmakonzerns Pfizer im Jahr 2013 unter dem Namen Zoetis abgespalten wurde, war die neu gehandelte Aktie rund 22 Franken wert, heute liegt sie bei mehr als dem Vierfachen. Auch Bayer hat im vergangenen November den Verkauf seines Geschäfts mit der Tiergesundheit beschlossen. Offenbar ist man in Leverkusen überzeugt, dass dafür zurzeit sehr viel Geld bezahlt wird, denn Konzerne wie Mars, Nestlé, Private-Equity-Firmen und Investmentbanken teilen den lukrativen Markt allmählich unter sich auf.

Die kleinen Tierarztpraxen sterben

Dem niedergelassenen Tierarzt Ralph Rückert aus Ulm bereitet diese Entwicklung grosse Sorgen. Schon jetzt kann er in seiner Region nur noch an Anicura Kliniken überweisen. Angestellte Kollegen in den USA klagten darüber, ständig Umsatzziele im Blick behalten zu müssen. Zwar gibt es in Deutschland eine Gebührenordnung für Tierärzte, die aber lässt grosse Spielräume. Zudem sei unklar, so Rückert, ob sie vor dem EU-Recht überhaupt Bestand hätte, wenn Anicura oder eine andere Kette irgendwann beschlösse, sich einfach nicht mehr daran zu halten.

Wie in der Humanmedizin sterben derweil die kleinen Tierarztpraxen, vor allem auf dem Land – weil die überwiegend weiblichen Veterinärmedizinstudenten heute lieber angestellt in städtischen Kliniken arbeiten, um Familie und Beruf vereinbaren zu können, anstatt spätabends noch mal losfahren zu müssen, wenn beim Bauern eine Kuh kalbt.

Und wie bei Menschen verstärkt das eine Art Zweiklassenmedizin: Auf der einen Seite stehen die Haustiere, bei denen Geld keine Rolle spielt, solange ihre Besitzer sich die Behandlung irgendwie leisten können; auf der anderen die Nutztiere, die selten einen Tierarzt zu Gesicht bekommen. Meist nur dann, wenn es sich wirtschaftlich lohnt, ihr Leiden zu lindern. Man könnte sagen: Je mehr Geld für Haustiere ausgegeben wird, desto stärker geht auch in der Tierwelt die soziale Schere auf.

Erstellt: 29.08.2019, 20:19 Uhr

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