Die Kinder ziehen aus – jetzt kommt die grosse Leere

Viele Eltern leiden unter dem «Empty-Nest-Syndrom», wenn der Nachwuchs sich in die Freiheit verabschiedet. Dabei liegt darin eine grosse Chance.

Jahrelang wünschen sich Eltern Ruhe und Ordnung – die dann kaum zu etragen sind, wenn das Kinderzimmer verwaist ist. Foto: Getty Images

Jahrelang wünschen sich Eltern Ruhe und Ordnung – die dann kaum zu etragen sind, wenn das Kinderzimmer verwaist ist. Foto: Getty Images

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Leiser ist es schon geworden. Als hätte jemand beiläufig den Lautstärkeregler runtergedreht, mit jedem Jahr ein wenig mehr. Geräusche, so vertraut, dass ich sie manchmal gar nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte, sind einfach verschwunden, unwiederbringlich: Das selbstvergessene Brummen, wenn sie mit Kniepoltern über den Holzboden rutschten, unter der Hand ein Spielzeugauto. Das Gewühle in irgendwelchen Lego-Kisten auf der Suche nach der EINEN Figur mit Spezial-Vorrichtung für Minipistolen und Sternen am Revers, unbedingt wichtig, wenn man eine Polizeistation baut und «Räubers» fangen will. Die hellen Stimmen beim Singen von Kindergartenliedern, «Pitsch, patsch, Pinguin», «I-a, ja-ja, i-ah». Ich höre sie auch kaum noch wütend aufheulen, sich die Köpfe einschlagen, «Mami!!!!!» rufen, und klar, das vermisse ich nicht. Alles andere aber schon.

Sie machen jetzt mit einem Ruck Konfigläser auf, wenn ich es nicht schaffe, zwei von dreien haben grössere Füsse als ich und tiefere Stimmen, und beim Skifahren sausen sie davon. Meine Söhne sind 16, 13 und 10 Jahre alt, der Grosse ist in zwei Jahren mit der Schule fertig und dann vermutlich weg. Zwei Jahre! Praktisch nichts. Ich werde wehmütig, jetzt, wo absehbar ist: Die Kinder werden uns Eltern verlassen, zumindest räumlich, es ist nicht mehr so lange hin.

Die Freundin hat immerhin noch den Hund

Das Verrückte ist ja: In den ersten Jahren, da schien die Zeit oft so unendlich langsam zu vergehen – wann wachen sie nachts endlich nicht mehr auf, wann binden sie sich die Schuhe selbst, wann bitte laufen sie alleine in die Schule? Und jetzt rast sie so, und ich frage mich: Wo ist die Stopptaste? Kann ich kurz noch einmal anhalten, vielleicht sogar zurückspulen, wir hatten doch noch so viel vor: einen Meerschweinchenkäfig selbst bauen zum Beispiel (die angedachten Bewohner sind inzwischen tot) oder in den Bergen biwakieren (Wandern jetzt: total unattraktiv).

Eine Freundin tröstete sich neulich selbst, ihre Tochter lernt gerade für die Matur, sie habe ja immerhin «noch den Hund», eine andere, leicht vorwurfsvoll in meine Richtung, bei mir würden wenigstens «Reservekinder» wohnen bleiben, da sei der Schnitt wohl nicht so unerbittlich hart wie bei ihr mit nur einem Kind.

Was ist das? Einfach der Lauf der Zeit? Ein ganz normaler stiller Schmerz? Es geht halt langsam etwas zu Ende, was man schön fand, so wie der letzte Tag der Ferien, an dem man leicht wehmütig noch einmal alles erleben will, noch einmal abends am schönsten Strand entlanglaufen, noch einmal auf dem Weg dahin Rosmarin von den Sträuchern zupfen und dann den Geruch an den Händen haben, der verfliegen wird.

«Mein Kind bricht auf, ich brech zusammen.» Mit diesen Worten wird das Buch «Mutterblues» beworben.

Es gibt haufenweise Literatur und Leidensberichte über das «Empty-Nest-Syndrom», das wissenschaftlich erstmals in den Siebzigerjahren erfasst worden ist. Das Syndrom soll das tiefe Loch beschreiben, in das viele Eltern fallen, sobald alle ihre Kinder ausgezogen sind, das Nest also leer ist – nach Jahren des hektischen Herumflatterns, in denen es vor allem darum ging, Nahrung für die weit aufgesperrten Schnäbel der Jungen aufzutreiben und zu schauen, dass sie nicht rausfallen.

«Empty Nest» klingt in diesen Beschreibungen ehrlich gesagt wie der blanke Horror. Es kann zu depressiven Verstimmungen führen und zu Ehekrisen, in Studien ist ein erhöhtes Scheidungsrisiko nachgewiesen. Die Autorin Silke Burmester hat auf 244 Seiten in ihrem Buch «Mutterblues» über die Ablösung von ihrem Sohn geschrieben, auf dem Klappentext mit den Worten beworben: «Mein Kind bricht auf, ich brech zusammen.» Und der britische Koch Gordon Ramsey erzählte in einem Fernsehinterview, wie sehr ihn der Auszug seines Sohnes Jack mitgenommen habe. Er sei in Jacks Kinderzimmer gegangen, habe dort den Kleiderschrank geöffnet, sich eine Hose und Socken genommen und beides angezogen – «wir haben die gleichen Grössen» – und dann in Teenagerkleidung auf dem Bett sitzend nur gedacht: «Verdammt, ich vermisse dich!»

Meine Kinder sind alle noch da. Sie fangen vereinzelt an, mit den Flügeln zu flattern. Möglicherweise schleicht sich also gerade die Angst vor einem Absturz in dieses heraufbeschworene tiefe Loch ein, eine Ahnung auf die kommenden Jahre. Es ist eine Art «Pre-Empty-Syndrom», eine Zeit des Übergangs, in der der jüngere Teil der Familie sich ablösen will, während der andere Teil die Arme noch einmal weit ausstreckt, um das zu verhindern. In der sich nostalgische Anfälle mit Versäumnis-Vorwürfen abwechseln: Habe ich genug gemacht, gegeben, geliebt? «Natürlich denke ich manchmal: Vielleicht hätte ich noch mehr mit ihm Tigerli spielen sollen, auch wenn ich Rollenspiele nie mochte», erzählte neulich eine Kollegin, «aber hätte das was geändert?» Und dann sagte sie noch, eigentlich gehe es ja nur vordergründig darum, dass die eigenen Kinder flügge werden.

Und das stimmt: Über das Pre-Empty-Syndrom zu sprechen ist eine recht sozialverträgliche Art, um all die anderen Themen nur anzustupsen, aber nicht zu benennen, die dabei mitschwingen. Eltern in dieser Lebensphase sind meist zwischen 40 und 50 Jahren, grundsätzliche Pflöcke sind im Leben schon eingeschlagen. Es geht also nicht nur darum, dass Kinder einen verlassen werden, sondern auch: ums Älterwerden, um Wechseljahre und ihre möglichen Begleiterscheinungen, um eigene Eltern, die gepflegt werden müssen oder sterben, es geht um eine Ahnung von Endlichkeit, die man wenige Jahre zuvor so noch nicht hatte. Dazu kommt die Unsicherheit vieler Mütter, die arbeiten und deren Kinder deswegen anders aufwachsen als sie selbst. Die ihre Kinder nicht nach der Schule mit einem dampfenden Mittagessen erwartet haben und rundum präsent waren.

Aber vielleicht ist das auch eine Chance. Wer sich nicht nur über die Kinder definiert oder definiert hat, dem fällt es leichter, wieder ein eigenständigeres Leben zu führen, wenn sie ausgezogen sind. Psychologie-Professorin Heike Buhl, die viel über die Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren Eltern geforscht hat, will den Ablösungsprozess der Kinder deswegen auch lieber anders nennen: «Neugestaltung». Sie hat selbst drei Kinder, das älteste ist schon ausgezogen, und sie plädiert auf eine andere Sicht auf das drohende «Empty Nest»: «Sehen Sie es so: Die täglichen Mühen fallen weg. Sie müssen morgens keine Butterbrote mehr für die Schule schmieren, sich nicht mehr über nasse Handtücher im Bad ärgern. Die alltäglichen Nörgeleien fallen weg, Sie dürfen Verantwortung abgeben. Und wesentliche Faktoren für eine gute Beziehung, gute Gespräche, bekommen mehr Raum.»

Also einfach anfangen mit der Neugestaltung, loslassen und überlegen, womit man die vermeintliche Leere füllen könnte.

Ja, es ist leiser geworden zu Hause, auch leerer. Keine herumliegenden Legosteine, auf die man nachts steht, keine wilden Höhlenkonstruktionen aus Polster im Wohnzimmer mehr, die Jahre, in denen die Kinder in jeder Hinsicht den meisten Raum eingenommen haben, sind vorbei. Auf dem amerikanischen Blog «Motherwell» schreibt eine Autorin über eine Meditations-App, die sie seit Kurzem zu Hause verwendet: «Ich merke, dass ich die vergangenen 18 Jahre anscheinend vergessen habe, wie es ist, alleine und richtig für mich zu atmen. Es ist belebend.»

Also einfach mal anfangen mit der Neugestaltung, die Übung: langsam loslassen und gleichzeitig überlegen, womit man die vermeintliche Stille und Leere so füllen könnte. Die Freundin mit dem Hund hat angefangen, Spanisch zu lernen, wenn ihre Kinder aus dem Haus sind, würde sie gerne ein halbes Jahr nach Spanien; die Kollegin geht nun einmal die Woche zu einer Gesangslehrerin, das wollte sie schon lange mal ausprobieren.

Im Schrank in unserem Gang steht eine gelbe Kiste, in die wir selbstgemalte Bilder, Schwimmabzeichen, geliebte Kinderbücher ablegen, Erinnerungsstücke aller Art. Die Idee ist, dass jedes Kind zu seinem 18. Geburtstag eine Schachtel mit seinen Erinnerungsstücken bekommt. Zwei Jahre noch, dann ist es zum ersten Mal so weit. Diese Schachtel dann zu überreichen: Vielleicht wird das auch gar nicht so schwer.

Erstellt: 20.01.2020, 19:37 Uhr

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