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Gastgeber in Uniform mit Goldknöpfen

In der «Villa Monti» erzählen in fantastischer Wohngemeinschaft amüsante, zauberhafte und atemberaubende Artisten Geschichten des Alltags. Mittendrin auch ZirkusdirektorJohannes Muntwyler.

Johannes Muntwyler fühlt sich wohl in der Rolle des Gastgebers.
Johannes Muntwyler fühlt sich wohl in der Rolle des Gastgebers.
Martin Allemann

Johannes Muntwyler, wie wird man Zirkusdirektor und was sind dessen Aufgaben?Johannes Muntwyler (54): Nachdem mein Vater Guido 1999 verstorben war, war klar, dass mein Bruder Niklaus und ich den von meinen Eltern 1985 gegründeten Zirkus weiterführen möchten. Allerdings fand der Bruder 2004, die Geschäftsführung sei nicht seine Welt, er wolle sich ganz seiner Passion, der Pferdedressur, widmen. So bin ich in die Geschäftsführerrolle gerutscht. Die Aufgaben sind sehr vielschichtig. Ich finde die Figur des Zirkusdirektors schön, obwohl wir kein klassischer Zirkus sind. Er begrüsst und verabschiedet die Leute in seiner Uniform mit den goldenen Knöpfen und die Kinder staunen. Er ist das Aushängeschild, die Visitenkarte, eben eine Repräsentationsfigur, und das geniesse ich. Dann ist da natürlich noch die administrative Seite.

Der «klassische» Zirkus unterhält mit einer Aneinanderreihung akrobatischer, tierischer und clownesker Nummern unter einem Motto. Heute ist ein Monti-Programm ein «Gesamtkunstwerk». Deshalb braucht es eine Regie . . .Die Programmzusammenstellung geschah früher meist in der den Zirkus leitenden Familie. Es mussten wie heute Artisten zusammengeführt, Abläufe geplant und Musik ausgewählt werden. Also auch eine Art von Regiearbeit. Seit langem ziehen wir eine externe Regie hinzu. Damals war es Dimitri. Er stellte aber gleich die Bedingung, dass er erst zwei Monate mit dem Team arbeiten möchte, um dann mit neuem Programm eine Geschichte zu erzählen. Wir haben schon vorher versucht, nicht Nummern aneinanderzureihen, sondern solche miteinander zu verweben, ein «Gesamtkunstwerk» zu schaffen. Dimitri hat das weiter perfektioniert. Er wollte, dass die Musik geschrieben, die Kostüme dem Thema entsprechend gestaltet, das Licht «komponiert»wird, bis hin zum selber gestalteten Plakat.

Für diese Saison zeichnen Christian Vetsch und Sabine Schindler für die Choreografie verantwortlich. Wie kam es zur Zusammenarbeit?Christian kannten wir, er war bereits 2003 als Clown mit auf Tournee. Sabine arbeitet regelmässsig in Projekten mit ihm zusammen.

Ein Vorteil, wenn ein Regisseur auch Manegenerfahrung hat?Ja, er kennt die Abläufe, weiss, was in einem Artisten vor sich geht.

Immer wieder mal arbeitenkreative Köpfe, die in der Scuola Teatro Dimitri ihre Ausbildung gemacht haben, mit . . .Es ist so. Einerseits als komische Figuren im Programm, anderseits aber auch als Regisseure. Zurzeit beschäftigen wir aber mehr Künstler und Regisseure von der Zirkusschule Montréal. Derzeit sind es mehrheitlich Artisten, die aus westlichen Schulen kommen.

Engagiert ihr bewusst immer wieder andere Regisseure, damit die neue Herangehensweise frischen Wind bringt?Jeder bringt seine Eigenheiten mit ein. Klar haben wir unsere Vorstellungen, aber wir lassen ihnen die Freiheiten und besuchen nicht jede Probe, um reinzureden. Die Aufgabenteilung ist klar definiert. Wir haben die Freiheit, jemanden zu engagieren, haben wir das gemacht, ist das seine Arbeit. Natürlich steht man im Dialog, wenn man bei gewissen Szenen vielleicht etwas unsicher ist, ob es funktioniert oder passt.

Der Zirkus von heute ist ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie und Arbeitgeber mit Verantwortung. Keine leichte Aufgabe?Nein, sicher nicht. Lustigerweise hat sich für mich nicht viel geändert. Wenn ich jeden Tag darüber nachdenken würde, was alles Negatives passieren könnte, würde ich keinen Schlaf mehr finden. Man muss das Urvertrauen haben, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.

Früher Wildtiere, was allgemein Tierschützer auf den Plan rief, dann Haustiere und seit geraumer Zeit gar keine Tiere mehr. Weil ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor und vieler Vorschriften wegen?Als mein Bruder mit seinen Pferden den Monti verliess, war klar, wir wollen das nicht weiterführen. Bis 2010 waren noch Kleintiere dabei, aber irgendwann passten auch die nicht mehr ins Konzept. Auch verfügt unsere Manege heute über einen festen, genau nivellierten Holzboden, also kein Sägemehl mehr und ist für Tiere nicht mehr geeignet.

Ihr verfügt in Wohlen über ein Winterquartier mit guter Infrastruktur. Dort betreibt ihr auch ein Variété und eine Zirkuszeltvermietung. Ist eine breite betriebliche Aufstellung in rauer wirtschaftlicher Zeit überlebenswichtig?Wir haben 2014 unser Unternehmen – aber nicht aus finanziellen Gründen – umstrukturiert. Ertrag und Aufwand passten für uns persönlich nicht mehr. Das stetige, kräfteraubende Auf- und Abbauen in knapper Zeit. Unter anderem stellte sich die Frage: Wollen das meine Jungs in den kommenden Jahren auf sich nehmen?

Früher dauerte eine Tournee doppelt so lange wie heute und führte an fünfmal mehr Orte. Ist der klassische Zirkus ein Auslaufmodell?So weit würde ich nicht gehen. Die boomenden Esstheater funktionieren über die Festtage und in Städten, aber nicht als Tournee im Dorf. Egal welche Form von Zirkus, wenn man es gut und gerne macht, kann es die Zuschauer begeistern und er überlebt.

Wer soll Ihr «Lebenswerk» künftig weiterführen?Wenn ich 60 werde, muss entschieden sein, wie es mit dem Circus Monti weitergeht. Nicht wer, sondern ob und wie. Alle drei Söhne haben unterschiedliche, für den Zirkusbetrieb wertvolle Fähigkeiten. Aber es ist für mich auch in Ordnung, wenn sie das eines Tages nicht mehr wollen. Ich bin nicht so sentimental, obwohl am Monti mein Herzblut klebt, respektive mein Verantwortungsgefühl gegenüber den Kindern ist grösser als meine Liebe zum Zirkus.

Sie leben für den Zirkus. Weshalb, was fasziniert Sie derart?Das Zirkusleben ist sehr vielschichtig, abwechslungsreich. Verschiedene Berufe vereint unter einem Dach, die man darf, kann und abdecken können muss. Nicht nur Büro, Manege, Lastwagen fahren oder Sitzungen. Die Abwechslung macht es. Ich bin gerne unterwegs, schätze den Kontakt mit dem Team, den Menschen und den Schwatz nach einer Vorstellung. Hier treffe ich Freunde, denn sie wissen, ich bin da. Wenn die Zusehenden beglückt und mit Freude aus dem Zelt laufen, weiss ich, wir haben einen guten Job gemacht.

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