Die Schweiz rangiert zwischen der Slowakei und Kosovo

Heute wird am Zurich Pride Festival für gleiche Rechte für alle demonstriert. Es gibt Aufholbedarf, wie ein europäischer Vergleich zeigt.

Auch dieses Jahr werden Tausende auf die Strasse gehen: Umzug am Zurich Pride Festival 2018.

Auch dieses Jahr werden Tausende auf die Strasse gehen: Umzug am Zurich Pride Festival 2018. Bild: Keystone

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Die Schweiz erlebt ein aussergewöhnliches Wochenende: Gestern fand der nationale Frauenstreik statt, bei dem in verschiedenen Städten Tausende für Gleichstellung demonstrierten. Heute geht die LGBTIQ-Community in Zürich auf die Strasse, um gleiche Rechte für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Menschen mit Transidentität, Intersexuelle und Queers (siehe Infobox) einzufordern.

Vergangenes Jahr zog das Zurich Pride Festival geschätzte 40'000 Menschen an, die darauf aufmerksam machten, dass homosexuell liebende Menschen hierzulande noch immer nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben wie Heterosexuelle. Dieses Mal lautet das Motto «Strong in Diversity» und soll die Vielfalt der Menschen feiern. An der Forderung der Ehe für alle hat sich aber nichts geändert.

Eine Ausnahme in Westeuropa

Denn die Schweiz hinkt diesbezüglich hinterher. Aktuell erlauben 18 europäische Staaten die Ehe für alle, darunter die Nachbarländer Deutschland, Frankreich und seit diesem Jahr auch Österreich. «Die Unterscheidung in Ehe und eingetragene Partnerschaft lässt sich heute (...) nicht aufrechterhalten, ohne gleichgeschlechtliche Paare zu diskriminieren», begründete der österreichische Verfassungsgerichtshof seine Entscheidung.

Hierzulande steht die Heirat weiterhin nur heterosexuellen Paaren offen. Für gleichgeschlechtliche Paare besteht seit 2007 die Möglichkeit der eingetragenen Partnerschaft. Diese ist aber nicht mit denselben Rechten und Pflichten verbunden, enthält beispielsweise kein Recht auf die gemeinschaftliche Adoption von Kindern. Laut den Veranstaltern des Pride Festival kennt das geltende Partnerschaftsgesetz über zwanzig Unterschiede zur Ehe und ist deshalb kein richtiger Ersatz.

Die Karte zeigt eine klare Trennlinie, die sich durch Europa zieht. In Skandinavien und den meisten westeuropäischen Ländern ist die gleichgeschlechtliche Ehe gesetzlich anerkannt – die Schweiz und Italien, das ebenfalls nur eingetragene Partnerschaften erlaubt, sind Ausnahmen.

Ein Grossteil der osteuropäischen Länder kennt hingegen weder eine Ehe für alle noch eine Regelung für die eingetragene Partnerschaft. In elf Staaten, unter anderem in Polen und der Slowakei, ist zudem die Ehe in der Verfassung als eine Verbindung von Mann und Frau definiert. Eine Heirat ist für gleichgeschlechtliche Paare damit ausgeschlossen.

Schweiz erfüllt nur ein Drittel der Forderungen

Die Ehe für alle ist eines der wichtigsten, bei weitem aber nicht das einzige Anliegen von LGBTIQ-Organisationen. Deren weltweiter Dachverband Ilga stellt 55 Forderungen – von der Stiefkindadoption über den Schutz vor homophober Gewalt bis zum Verbot der operativen Geschlechtszuweisung bei intersexuellen Kindern. Gemäss dem aktuellen Ranking erfüllt die Schweiz die Anforderungen der Ilga nur zu 29 Prozent.

Damit belegt sie Rang 27 von 49 europäischen Staaten und liegt noch hinter Ländern wie Georgien, Albanien und Ungarn. An der Spitze der Liste steht Malta mit über 90 Prozent erfüllten Forderungen. Dahinter folgen Belgien, Luxemburg und die skandinavischen Länder Finnland, Dänemark und Norwegen.

Drei Viertel aller Länder erfüllen die Ilga-Anforderungen nicht einmal zur Hälfte. Immerhin sind überall in Europa homosexuelle Handlungen legal. Und in einem Grossteil der Länder gibt es ein Antidiskriminierungsgesetz.

In der Schweiz hakt es aber auch hier. Artikel 8 der Schweizerischen Bundesverfassung verbietet zwar Diskriminierung aufgrund der Lebensform. Dies gilt aber nur in der Beziehung Bürger - Staat und nicht Bürger - Bürger. Das Parlament entschied deshalb Ende 2018, dass die Antirassismusstrafnorm auf die sexuelle Orientierung ausgedehnt wird. Dagegen haben die EDU, die Junge SVP und die Arbeitsgruppe Jugend und Familie das Referendum ergriffen und fast 70'000 gültige Unterschriften gesammelt. Damit kommt die geplante Änderung nun vors Volk.

2019 muss die Schweizer LGBTIQ-Community also immer noch mit Widerstand leben. Seit 1994 veranstaltet sie das Pride Festival (vormals Christopher Street Day), um für mehr Rechte zu demonstrieren. Heute wird das 25-Jahr-Jubiläum gefeiert. Die Bewegung hat in dieser Zeit viel erreicht – aber noch längst nicht die vollständige Gleichberechtigung.

Erstellt: 15.06.2019, 09:51 Uhr

Was bedeutet LGBTIQ?

LGBT steht für englisch Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, also für Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. In späteren Bezeichnungen kam ein I für Intersexuelle und ein Q für Queer zur Abkürzung hinzu.

Transgender ist eine Bezeichnung für Menschen, deren Geschlechtsidentität von dem Geschlecht abweicht, dem sie zu Beginn ihres Lebens zugewiesen wurden. Intersexuelle können und/oder wollen sich nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zuordnen. Queer ist ein eher kämpferischer Begriff und steht für all jene Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen.

Zum Teil wird auch die Abkürzung LGBTIQ+ verwendet. Das + steht für die restlichen Orientierungen oder Identitäten wie etwa Pan- oder Asexualität. Mit den Abkürzungen soll die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten sichtbar gemacht werden.

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