«Eltern können das nicht verhindern»

Ab zwei Jahren bekommen Kinder Freude am Fluchen. Jugendpsychologe Armin Kunz sagt, was daran sinnvoll ist – und was nicht.

Kleine Kinder verwenden Kraftausdrücke noch ohne Hintergedanken: Ein Junge lässt seinen Frust raus. Foto: Getty Images

Kleine Kinder verwenden Kraftausdrücke noch ohne Hintergedanken: Ein Junge lässt seinen Frust raus. Foto: Getty Images

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Herr Kunz, in welchem Alter entdecken Kinder Schimpfwörter?
So wie jedes Kind zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt mit dem Sprechen beginnt, entdeckt auch nicht jedes zu einem fixen Alter die hässlichen Wörter. Kinder hören Wörter, nehmen sie auf, bringen sie mit einem Gegenstand oder einer Tätigkeit in Verbindung und wenden sie dann zielgerichtet an. Schimpfwörter haben in dieser Lern- oder Lebensphase noch keine Bedeutung.

Wann beginnt sich das zu ändern?
Mit Beginn der Trotzphase, die bei gewissen Kindern schon mit zwei Jahren heftig sein kann. Dann entwickelt ein Kind langsam seinen eigenen Willen und bringt diesen auch zum Ausdruck. Wenn es nicht nach seinem Kopf geht, dann wird geschrien, gestrampelt oder eben auch geschimpft. Es gibt also Kinder, die schon mit zweieinhalb solche Wörter benutzen, andere starten damit erst mit vier Jahren oder später. Dann gibt es aber auch Kinder, die kaum je fluchen oder schimpfen oder nur für eine kurze Zeit.

Weshalb finden die Kleinen diese Wörter so faszinierend?
Kinder sind bezüglich Sprache wie Schwämme. Sie saugen alles auf, was sie hören, ahmen nach und wenden die Wörter an. Sie kopieren dabei einerseits viele nützliche Dinge, die für die Sprachentwicklung unabdinglich sind. Andererseits lernen sie aber auch Sachen, die nicht unbedingt sein müssten. Und wenn Kinder andere Kinder oder Erwachsene nachahmen, wollen sie wissen, welche Wirkung das hat. Im Fall von Schimpf- oder Fluchwörtern ist die Wirkung eben sehr stark! Das Kind lernt: Wenn ich bestimmte Schimpfwörter benutze, stehe ich im Mittelpunkt und bekomme Aufmerksamkeit. Es entdeckt dabei auch die Macht der Sprache und spielt damit. Das ist richtig und durchaus sinnvoll.

«Die Kinder müssen lernen, dass Schimpfen und Fluchen das Problem weder löst noch verändert»: Psychologe Armin Gottlieb.

Inwiefern?
Schimpfwörter eröffnen Kindern eine neue Welt. Die Sprache gibt ihnen ein Mittel, um sich abzugrenzen und die Grenzen des Gegenübers zu testen. Aber auch, um ihren Gefühlen und Affekten Ausdruck zu verleihen. Je ausgereifter und kreativer die Sprache wird, desto vielfältiger ist sie einsetzbar und umso mächtiger wird sie. Dies machen sich die Kinder zunutze und verwenden sie deshalb auch so gerne. Fluchen macht Spass. Es gibt kaum Wörter, die so heftige Reaktionen verursachen wie Schimpf- oder Fluchwörter. Also sind sie für Kinder spannend und faszinierend.

Verstehen sie die Wörter überhaupt?
Kleine Kinder verwenden die heftigen Kraftausdrücke noch ganz unbefangen, ohne Hintergedanken. Das Anwenden von Schimpfwörtern ist meistens mit Spass und lustvollem sprachlichem Erkunden verbunden.

Und wie sieht das aus bei älteren Kindern?
Hat die Trotzphase dann mal Einzug gehalten, beginnen Kinder zu fluchen, zu schimpfen und zu beleidigen, weil sie noch keinen anderen Weg gefunden haben, um mit den unangenehmen Affektzuständen und Gefühlen von Ungeduld, Enttäuschung und Wut umzugehen. Gleich zum verbalen Angriff überzugehen, scheint am effizientesten zu sein. Die Kinder müssen lernen, dass Schimpfen und Fluchen das Problem weder löst noch verändert und dass es sich nicht lohnt, lange wütend zu bleiben.

Woher haben die Kinder die Schimpfwörter?
Von ihrer Sprachumgebung, das heisst von den Eltern, von anderen Erwachsenen oder Gspänli. Wächst ein Kind also in einem Zuhause auf, wo keine oder nur selten Schimpfwörter benutzt werden, ist auch die Chance gering, dass es solche in seinen eigenen Wortschatz aufnehmen kann. Verbringt ein Kind viel Zeit in Institutionen, dann ist die Chance grösser, durch andere Kinder Schimpfwörter kennenzulernen.

«Es gibt auch Kinder, bei denen bleibt die Fluchphase bis ins Erwachsenenalter bestehen.»

Eltern können also kaum vermeiden, dass Kinder wüste Wörter hören?
Nein, denn spätestens mit dem Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule ist jedes Kind mit Schimpfwörtern konfrontiert, die beim einen oder anderen vielleicht bereits zum ganz normalen Vokabular gehören.

Geht die Fluch- und Schimpfphase von selbst vorüber?
Je nach Kind kann diese Phase tatsächlich von selbst vorübergehen. Das hängt ganz von der Persönlichkeit des Kindes und von seiner Umgebung ab. Dem einen bedeuten Schimpfwörter nichts, das andere nervt sich kaum, das dritte hat alleine gelernt, mit Frust auf eine konstruktive Art und Weise umzugehen. Aber es gibt auch Kinder, bei denen bleibt diese Fluchphase bis ins Erwachsenenalter bestehen, weil sie nie lernen durften oder wollten, wie man mit Ärger, Wut und Frust auch anders umgehen kann als mit Schimpfen, Fluchen, Donnern und Wettern.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 14.03.2019, 15:52 Uhr

Verhaltenstipps


  • Ein Kind ahmt die Umgangssprache in seiner Familie nach. Achten Sie also darauf, welche Ausdrücke Sie selber gebrauchen.

  • Wenn es Ihnen doch mal passiert, dass Sie vor Ihrem Kind fluchen, weil der «Idiot da vorne nicht Auto fahren kann», dann stehen Sie zu Ihrem Fehler.

  • Berücksichtigen Sie das Alter des Kindes. Im Alter bis zu etwa drei Jahren plappern Kinder gerne alles nach und freuen sich darüber, wenn sie damit eine Reaktion erzeugen können. Mit bösem Willen hat das kaum etwas zu tun. Erst ab etwa drei Jahren ist es sinnvoll, dem Kind die Bedeutung des Wortes zu erklären und ihm verständlich zu machen, weshalb es dieses nicht verwenden sollte.

  • Verziehen Sie nicht jedes Mal Ihre Miene, wenn Ihr kleines Kind etwas Unanständiges sagt. Werden Sie nicht ärgerlich bzw. lächeln Sie nicht, weil die wüsten Wörter aus dem Kindermund irgendwie lustig klingen. Ignorieren Sie es einfach. Wenn das Kind auf seine Wortwahl keine Reaktion und keine zusätzliche Aufmerksamkeit erhält, verliert es schnell das Interesse daran.

  • Verbieten Sie nicht grundsätzlich und vom erstmaligen Gebrauch an jedes hässliche Wort, sondern geben Sie Ihrem Kind einen gewissen Spielraum und damit eine Möglichkeit, selber den richtigen Umgang mit Frustration zu finden.

  • Viele Kraftausdrücke darf man getrost ignorieren. Doch sagen Sie unmissverständlich, welche Wörter absolut nicht tolerierbar sind.

  • Falls Ihr Kind wiederholt und bewusst gewisse Schimpfwörter einsetzt, sollte das für das Kind nachvollziehbare Konsequenzen haben. Bleiben Sie ruhig, und sagen Sie dem Kind, dass Sie so nicht mit ihm reden, und schicken Sie es aus der Küche. Oder verlassen Sie den Spielplatz, wenn es andere Kinder beleidigt. Erklären Sie ihm aber, warum Sie das machen.

  • Lassen Sie sich von den Schimpfwörtern Ihres Kindes nicht provozieren. Bleiben Sie ruhig, und nehmen Sie es nicht persönlich. Vermeiden Sie auf jeden Fall, den Spiess umzudrehen und Ihrerseits das Kind zu beschimpfen.

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